Konzert

Andrea Marcon präsentiert Vivaldi im Hüpfschritt

Vivaldi liebte es, Überraschungen nicht nur zu säen, sondern auch zu ernten. Er kitzelte das Publikum mit seinen Inventionen wach und machte es sich geradezu hörig.

Er war bei aller kompositorischen Ernsthaftigkeit ein immer wieder bestürzender Unterhalter: sozusagen ein Talkmaster der Melodie. Ihr blieb er immerfort treu selbst auf Biegen und Brechen. Ihm fielen immer neue Wendungen ein, seine Unterhaltung zündend zu machen. Er war ein Meister der Kurzform. Seine Concerti passten gut und gern in die Handtasche. Selten spielten sie länger als eine unterhaltsame Viertelstunde.

Gleich vier von ihnen packte der unermüdlich eifrige Andrea Marcon in den ersten Teil seines gefeierten Vivaldi-Programms in der Philharmonie, gestützt auf die musikalische Elite des Hauses: die Herren Emmanuel Pahud (Flöte), Albrecht Mayer (Oboe) und Andreas Buschatz, den Neukömmling unter den Konzertmeistern des Orchesters. Er brauchte schon einen ersten Satz, um sich mit flinken Fingern in das vertrackt anforderungsreiche erste Concerto grosso hineinzufinden, gewann dann aber stracks an Autorität und bestand am Ende die ihm auferlegte Dauerprüfung mit Glanz.

Freilich hatten die lieben Bläser-Kollegen an diesem Paradeabend des Unalltäglichen den glücklicheren Anteil. Vor allem Pahud war es gegeben, das Concerto „La notte“ geradezu abenteuerlich, quasi im Hüpfschritt, vorzutragen, allen sechs Satz-Miniaturen wie schnell wechselnden Träumen Charakter zu geben. Das Largo „Il sonno“ wurde durch seine unvergleichliche Könnerschaft geradezu ein Albtraum an Herrlichkeit. Vivaldi meisterte es eben, Träume Musik werden zu lassen. Auch Albrecht Mayer verstand sich, selbst aus dem Hintergrund des Orchesterchens glänzend darauf.

Nach der Pause war Schluss mit dem Aphorismen-Vivaldi. Das halbstündige D-Dur-Gloria, gestützt auf den wie immer bravourösen RIAS-Kammerchor, diesmal einstudiert von Denis Comtet, bediente sich des grandiosen Soprans von Lisa Larsson und nutzte außerdem den Mezzo-Beistand von Marina Prudenskaja. Man sah mit Interesse Evangelina Mascardi und Josias Rodriguez Gandara im Basso Continuo Laute spielen, ohne freilich auch nur ein einziges der zweifellos delikat gezupften Tönchen ihrer Instrumente zu hören. Vivaldi – verklärt bis ins Überirdische der Tonlosigkeit. Man war platt – und schrie dennoch, wie es sich gehört, aufrichtig Bravo.