Statement

Chinas Nobelpreisträger brüskiert Peking

Chinas Literatur-Nobelpreisträger Mo Yan hat nur einen Tag nach der Bekanntgabe seiner Auszeichnung die kommunistische Führung seines Landes vor den Kopf gestoßen. In einem Auftritt auf einer Pressekonferenz in seinem Heimatort Gaomi brach er unerwartet eine Lanze für den zu elf Jahren Haft verurteilten und inhaftierten Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo.

Er sprach damit ein Thema an, das in Chinas Öffentlichkeit absolutes Tabu ist. Er kenne Liu von früher, als sich der damalige Literaturdozent noch nicht mit Politik befasste. „Ich weiß nicht, was Liu Xiaobo später alles gemacht hat. Aber ich wünsche mir jetzt, dass er so früh wie möglich seine Freiheit zurückgewinnt.“

Der 57-Jährige hatte alle Journalisten, die ihn in Gaomi, in Ostchinas Provinz Shandong aufsuchten, zu einer spontanen Pressekonferenz zusammengerufen. Er bestand darauf, ein unabhängiger Schriftsteller zu sein, der sich in keine Schubladen einordnen lassen wolle. „Ich habe diesen Preis als Literaturpreis, als Auszeichnung für meine literarische Arbeit bekommen. Das ist ein Sieg der Literatur, aber kein Sieg der Politik.“ Mit seiner Kehrtwendung wehrte sich Mo, der auch stellvertretender Vorsitzender des parteitreuen Schriftstellerverbandes ist, gegen den Eindruck, er habe sich stets bereitwillig angepasst, wenn die Partei es von ihm verlangte. Das sei ein Missverständnis, weil er in einem Land unter der Führung der Kommunistischen Partei arbeite.

„Ich glaube, dass viele Leute meine Bücher nicht gelesen haben. Sonst wüssten sie, welche großen Risiken ich einging, als ich sie damals schrieb und unter welchem Druck ich dabei stand. Meine Werke unterschieden sich damals sehr von anderen Bestseller-Romanen. Von den Achtzigerjahren an, stand ich immer auf der Seite der Humanität. Ich habe bereits früh alle Begrenzungen von Parteilichkeit, Klassen oder Politik überschritten.“ Es sei eine ungerechte Verurteilung, wenn jemand meine, dass ich „kein kritischer Schriftsteller“ bin, nur weil ich nicht „mit auf die Straße gehe, um Parolen zu rufen, oder weil ich nicht irgendwelche Erklärungen unterschrieben habe.“ Mo Yan ging auch auf den Vorwurf ein, mit seiner handschriftlichen Abschreibaktion einer hochumstrittenen Rede von Mao Zedong zur politischen Gängelung von Literatur und Kunst der Mao-Nostalgie Vorschub geleistet zu haben. „Ich hatte mir damals gar nicht viel dabei gedacht. Ich bin ziemlich unsensibel gewesen.“ Doch sei er weiter der Meinung, dass es durchaus vernünftige Gedanken in der Rede Maos gebe. Daher bereue er es nicht.

Mo Yan äußerte sich zu einer Fülle heikler Themen, als ob ihm der Literaturpreis die Plattform dafür geschaffen hatte. Gefragt, ob Verlage in China frei sein, antwortete er: „Natürlich nicht.“ Aber er schränkte ein: Verglichen mit früheren Zeiten, hätten sich die Grenzen schon sehr weit geöffnet. Das Bekenntnis von Mo Yan, er sei nicht bereit, sich von der Politik und Ideologie seines Landes vereinnahmen zu lassen, überraschte die Zensurbehörden Chinas nur kurz. Alle seine Äußerungen zu Liu Xiaobo wurden im Internet sofort gelöscht.