Interview

„Ich bin auf der Seite der Zuschauer“

Von der Kulturpolitikerin zur Theatermanagerin: Alice Ströver sucht ein selbstbewusstes Publikum

Sie zählte zu den profiliertesten Kulturpolitikerinnen Berlins - und hat die Seiten gewechselt: Seit Juli ist Alice Ströver Geschäftsführerin der Freien Volksbühne Berlin, einer Besucherorganisation mit sozialdemokratischen Wurzeln. Sie saß für die Grünen 16 Jahre lang als Abgeordnete im Parlament, war sechs Monate Staatssekretärin für Kultur in der rot-grünen Übergangsregierung 2001 und leitete danach zehn Jahre lang den Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses. Mit Alice Ströver sprach Stefan Kirschner über Vorlieben des Publikums, verlorene Theater und die Berliner Kulturpolitik.

Berliner Morgenpost:

Frau Ströver, ist eine Besucherorganisation, die Theaterkarten mit der Post verschickt, im Zeitalter des Internets nicht etwas antiquiert?

Alice Ströver:

Das ist Service! Wir sorgen dafür, dass die Karten rechtzeitig ankommen und niemand abends an der Kasse anstehen muss.

Aber man könnte sich die Karten online auch selbst bestellen.

Bei uns bekommen sie die bedeutend günstiger. Natürlich hat eine moderne Besucherorganisation nur dann eine Chance, wenn sie mehr bietet als Karten. Die Vermittlungsaufgabe ist uns wichtig. Wir haben im politischen Bereich zehn Jahre über kulturelle Bildung für Kinder gesprochen, was aber fehlt, ist kulturelle Bildung für Erwachsene. Da sehen wir eine Aufgabe. Wir möchten Dramaturgen einladen, die über Inszenierungsmethoden sprechen. Wir haben schließlich den Vorteil, hier in Wilmersdorf ein eigenes Haus mit einem Veranstaltungssaal zu haben. Dort bieten wir regelmäßig Kulturveranstaltungen an: Am kommenden Montag spielt Matthias Glander mit zwei Staatskapellen-Kollegen Werke von Bach, Haydn und anderen. Im Rahmen der „Montagskultur“ gibt es auch Künstlerporträts, Lesungen und mehr. Ich möchte die Freie Volksbühne Berlin als Institution wieder mehr ins Bewusstsein der Bevölkerung bringen.

Der Verlust des Theaters der Freien Volksbühne hat den Verein schwer getroffen?

Eine traumatische Geschichte. Eigentlich haben wir sogar zwei Theater verloren. Nach dem Zweiten Weltkrieg die Volksbühne, weil sie in Ost-Berlin lag, nach der Wiedervereinigung dann die Freie Volksbühne an der Schaperstraße. Dass sich die Kulturpolitik Anfang der neunziger Jahre dafür nicht interessiert hat, weil das Haus privat getragen war, halte ich für einen Fehler. Kurze Zeit nachdem der traditionsreiche Verein das Theater an einen Hamburger Investor verkaufen musste, weil die Vermietungspolitik nicht erfolgreich war, hat der Bund es als Festspielhaus gemietet – und kürzlich sogar viele Millionen Euro in die Sanierung dieses Theaters gesteckt.

Entstanden ist die Volksbühnenbewegung aus der Idee, der bildungsferneren und mittellosen Bevölkerung Zugang zur Kultur zu ermöglichen. In den 20er Jahren waren rund 160.000 Berliner Mitglied. Davon können Sie heute nur träumen?

Das stimmt – davon sind wir heute weit entfernt. Das war ein kulturpolitischer Machtfaktor und das ist wahrscheinlich auch besser so. Auch später in West-Berlin hat mancher Intendant diese Macht einer Besucherorganisation noch in schmerzlicher Erinnerung: Ging der Daumen runter, dann konnte er die Produktion gleich absetzen.

Eigentlich ist die Volksbühne eine zutiefst sozialdemokratische Bewegung gewesen.

(lacht): Eindeutig.

Und jetzt übernimmt eine Kulturexpertin der Grünen die Geschäftsführung.

Ich fühle mich der Idee ausgesprochen verbunden. Theater wird ja nicht bezuschusst, damit sich Regisseure ausagieren, sondern um das Publikum zu überzeugen. Insofern habe ich nicht die Seiten gewechselt, ich bin da, wo ich mich auch als Politikerin fand: auf der Seite der Zuschauer. Ich finde, dass das Publikum zu wenig selbstbewusst auftritt, das würde ich gerne ändern.

Wie entwickeln sich die Mitgliederzahlen?

Es gab starke Verluste, nachdem das Theater abgeben werden musste. Dieser Trend ist seit vielen Jahren auch dank meiner Vorgängerin gestoppt. Wir wachsen, weil wir niemanden mehr irgendwo hinzwingen, das ist längst vorbei. Heute kann man bei uns aus dem breiten Berliner Kulturangebot frei wählen. Und wir können zu den einzelnen Inszenierungen sehr genau Auskunft geben, weil wir alle Premieren sehen und Empfehlungen geben, die den Vorlieben der Besucher entsprechen. Oder etwas vorzuschlagen, was sie vielleicht interessieren könnte.

Nach was wird denn so am Telefon gefragt?

Es kommt schon mal vor, dass sich danach erkundigt wird, ob nackte Männer auf der Bühne zu sehen sind. Das ist auch legitim, nicht jede Inszenierung braucht unbekleidete Darsteller.

Es soll auch Theaterbesucher geben, die gern mal einen Nackten auf der Bühne sehen. Ist denn die Kartennachfrage bei den Hochburgen des Regietheaters, also Volksbühne, Maxim Gorki Theater, Komische Oper eher gering?

Das ändert sich gerade. Die Volksbühne war nicht das am meisten besuchte Haus unserer Mitglieder, aber Inszenierungen, die in aller Munde sind wie „Die (s)panische Fliege“, sind bei uns auch extrem gut nachgefragt. Bei manchen Produktionen haben wir schon Probleme, weil die Kontingente der Theater zu klein sind.

Sie verhandeln darüber mit den Chefs der Bühnen. Wie reagieren denn Intendanten darauf, dass Sie im Kulturausschuss jahrelang die Theater zu Einnahmesteigerungen aufgefordert haben und jetzt über Preisnachlässe verhandeln?

Das wird augenzwinkernd gesehen.

Vor einem Jahr haben Sie sich aus der Landespolitik zurückgezogen. Wie wirkt die Berliner Kulturpolitik jetzt auf Sie?

Genauso wie vorher, nur dass ich nicht mehr so nah dran bin. Das heißt: Konzeptionslos mit manchmal guten Personalentscheidungen, aber nie vom Ende her gedacht. Wie ist die Berliner Kulturszene im Jahr 2020 aufgestellt, wie gelingt es, der immer noch so vitalen freien Szene mehr Geld und Möglichkeiten zu geben, wie kann man bildende Künstler angesichts steigender Mieten für Ateliers in der Stadt halten und mehr Präsentationsorte bekommen, die nicht von Sammlern abhängig sind? All das sind weiterhin offene Fragen. In Berlin hängt man sich an Großprojekte, die nach außen wirken, sei es das Humboldtforum oder die Zentral- und Landesbibliothek. Was aber innen drin stattfindet, da fehlen die Debatten und auch die politischen Konzepte. Ich bin so froh, dass ich so weit weg bin.