Gedenken

Held aus Schweden

Das Centrum Judaicum erinnert an den mutigen Retter Raoul Wallenberg

Wer freiwillig höchste Risiken für sein Leben eingeht, um andere Menschen vor dem Tod zu bewahren, ist mindestens ein Idealist. Oder sogar ein Held. Solche Mutigen sind selten. Im Zweiten Weltkrieg waren sie sogar viel zu selten, um den Rassenwahn der Nazis wenigstens zu bremsen, der sechs Millionen europäische Juden verschlang.

Zu den leuchtenden Ausnahmen zählt Raoul Wallenberg. Der schwedische Geschäftsmann aus reicher Familie mit besten Verbindungen wechselte 1944 auf eigenen Wunsch an die Gesandtschaft seines Landes in Ungarn, um dort verfolgten Menschen zu helfen. Zum 100. Geburtstag Wallenbergs in diesem Jahr hat die schwedische Regierung ein Erinnerungsjahr ausgerufen. Die dazu gestaltete Wanderausstellung „Mir bleibt keine andere Wahl“ macht jetzt im Centrum Judaicum Station. Am Sonntag würdigt Bundestagspräsident Norbert Lammert den Einsatz des jungen Schweden.

Ungarn gehörte zu den engsten Verbündeten Hitler-Deutschlands. Dennoch verschleppte die reaktionäre Regierung unter dem früheren österreichischen Admiral Miklós Horthy die von den Nazis verlangte „Endlösung der Judenfrage“ nach Kräften. Schon 1943 und erneut Anfang 1944 erhöhte die SS den Druck auf Horthys Regierung; schließlich besetzte die Wehrmacht am 19. März 1944 den bisherigen Partner. Grund war einerseits die Stärkung der Ostfront, andererseits die Judenvernichtung. Schon eine Woche vor der Besetzung begann Adolf Eichmann, der Organisator der Massendeportationen, mit den Vorbereitungen für die Vernichtung einer halben Million ungarischer Juden. Davon wusste Raoul Wallenberg nichts. Der 1912 in eine wohlhabende und bestens vernetzte Familie hineingeborene Schwede hatte an hervorragenden Universitäten studiert und war erfolgreicher Geschäftsmann geworden. Er reiste in der zweiten Hälfte der 1930er- und den frühen 1940er-Jahren oft nach Budapest und im Auftrag eines befreundeten ungarischen Juden als Repräsentant in Länder, die bereits scharfe antisemitische Gesetze hatten. Er wurde Mitinhaber der Firma, die er auf diese Weise schützte, und lernte Ungarisch.

Außerdem engagierte er sich, als das amerikanische Kriegsflüchtlingskomitee in Schweden nach politisch neutralen Unterstützern suchte, um Hitler-Deutschland von seiner Politik der Massenverschleppung abzubringen. Im April und Mai 1944 begannen Eichmann und seine Deportationsspezialisten, den massenhaften Abtransport von ungarischen Juden ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dank seiner Kontakte zum schwedischen Außenministerium konnte sich Wallenberg mit diplomatischem Status an die Gesandtschaft nach Budapest abordnen lassen, als 1. Gesandter. „Das war Wallenbergs erster und einziger Posten als Diplomat“, sagt Schwedens Botschafter in Berlin, Staffan Carlsson. Wie zeitgleich der schweizerische Vizekonsul Carl Lutz, der spanische Diplomat Angel Sanz und der vatikanische Nuntius Angelo Rotta stellte auch Wallenberg offiziell aussehende Dokumente aus, sogenannte Schutzpässe. Außerdem richtete er „Schwedenhäuser“ in Budapest ein, störte Deportationstransporte. Adolf Eichmann, dem der Ablauf der Deportationen wichtig war, drohte, ihn erschießen zu lassen. Am 17. Januar 1945 sahen seine Mitarbeiter ihn das letzte Mal in Freiheit. Die Ausstellung kann dieses Rätsel nicht lösen. Gleichwohl sagt Botschafter Carlsson zu Recht: „Raoul Wallenberg ist ein Vorbild. Es gab und gibt viel zu wenige wie ihn.“

Centrum Judaicum Oranienburger Str. 28-30, Mitte. Tel. 88 02 83 00.So-Do 10-18 Uhr, Fr 10-14 Uhr.