Tagebuch

Der Mann, der alle deutschen Literaten kennt

Unabhängige Köpfe haben sich ja immer gefragt: Wie kommt es eigentlich, dass die Geschichte der Bundesrepublik politisch und wirtschaftlich eine so gigantische Erfolgsgeschichte ist – und ästhetisch-literarisch so wenig hermacht.

Das beginnt damit, dass Berlin von allen europäischen Metropolen nicht nur die hässlichste ist, sondern vor allem die provinziellste. Und in diesen Zusammenhang gehören auch die Künste. Mögen Theater und Bildende Kunst auch international große Beachtung finden: Mit der Literatur sieht es wenig rosig aus. Als Betrieb funktioniert sie super. Aber wirklich Bedeutendes entsteht selten.

Warum das im Grunde seit Anbeginn der Bundesrepublik so war, das hat sich auch ein Mann gefragt, der wie kein anderer in den ersten beiden Nachkriegsjahrzenten berufen war, sich zur Lage der deutschen Literatur zu äußern: Hans Werner Richter. Auch er gibt in seinem jetzt erschienenen Tagebuch von 1966 bis 1972 keine direkte Antwort. Aber er beschreibt in einer Schonungslosigkeit die Lage der deutschen Literatur, dass auch dem Begriffsstutzigsten die Schuppen von den Augen fallen müssen. Noch niemals konnte man so deutlich nachlesen, woran die Literatur im Land der Dichter und Denker eigentlich krankt. Man kann es nachlesen, weil jemand spricht, der nicht nur die Protagonisten der Szene bestens kannte, sondern der die Verhältnisse überhaupt erst geschaffen hat: Hans Werner Richter, Gründer und spiritus rector jener legendären Gruppe 47, aus der letztlich das gesamte Personal hervorging, das bis heute das Bild des literarischen Deutschlands prägt, all die Bölls, Walsers und so weiter.

Hans Werner Richter: Mittendrin. Die Tagebücher 1966 bis 1972. Hg. von Dominik Geppe. C.H. Beck, München. 380 S., 22,95 Euro