Literatur

Kein Konformist, kein Rebell

Chinas bekanntester Romancier Mo Yan erhält den Literaturnobelpreis. Der Autor will lieber schreiben und scheut die öffentliche Rede

Wem die Schwedische Nobel-Akademie ihren Literaturpreis verleiht, bleibt jedes Jahr eines ihrer bestgehüteten Geheimnisse. Im Fall China machte das illustre Gremium offenbar eine Ausnahme. In Peking waren sich viele schon vorab sicher, dass die Juroren Mo Yan küren würden.

Am Donnerstag früh verdichteten sich dann die Spekulationen in allen Medien zur Gewissheit. Das Staatsfernsehen CCTV meldete auf seiner Webseite, es sei zum ersten Mal bei einer Nobelpreisverleihung vom Komitee nach Stockholm eingeladen worden – als einer von drei privilegierten TV-Sendern, die die Verkündung des Preises übertragen dürfen. Da war – für Peking zumindest – eigentlich alles klar. Der Preis, den Chinas bekanntester Romancier mit seinem umfangreichen Werk von elf Romanen und 70 Erzählungen durchaus verdient, bekommt so einen Beigeschmack. Am Vortag der Entscheidung hatte bereits ein leitender Mitarbeiter des Parteiorgans „Volkszeitung“ erzählt, er sei überzeugt, dass es Mo Yan wird. Nach den Irritationen der Vergangenheit würde die Nobel-Akademie China ihre Reverenz erweisen. So einfach sieht das aus der Warte chinesischer Parteipolitik aus.

Erzählerisches Talent

Aber war es auch so? Sicher ist, dass Peking Mo Yan und seinen Preis als Erfolg ihrer globalen Soft-Power- Strategie vereinnahmen will. Kommentare der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua stellten die erwartbare Auszeichnung als den ersten Nobelpreis hin, den China seit mehr als 100 Jahren erhalten hat. Peking hat den 2000 vergebenen Literaturpreis an den chinesischsprachigen, ins französische Exil ausgewanderten Schriftsteller Gao Xingjian und auch die Friedensnobelpreise an den Dalai Lama und den zu elf Jahren Haft verurteilten Dissident Liu Xiaobo erhielten, nie akzeptiert. Wie schön wäre es, sagte die bekannte Filmwissenschaftlerin und Professorin Cui Weiping der „Berliner Morgenpost“, wenn sich Peking jetzt einen Ruck geben würde und allen Nobelpreisträgern erlaubt, „sich hier in China zu treffen und über Kunst, Kultur und Politik gemeinsam zu diskutieren.“

Peking hat anderes vor. Der Preis für Mo Yan passt zu der von einer ZK-Sitzung im Oktober 2011 beschlossenen weltweiten Offensive in der Kultur, um die neue ökonomische, politische und militärische Weltgeltung auch kulturell zu untermauern. Der Literaturnobelpreis ist nach Pekinger Sicht die erste Frucht dieser Bemühungen. Es spielt keine Rolle, dass Mo Yan die Auszeichnung nach Begründung des Nobelpreiskomitees für seine schöpferische Leistung und erzählerisches Talent erhalten hat.

Der 57-Jährige, der sich im November 2011 zum Vize-Vorsitzenden des offiziellen Schriftstellerverbandes wählen ließ, hat sich in der Vergangenheit wiederholt vereinnahmen lassen. Er erklärt sein Verhalten mit einer Anekdote von Beethoven und Goethe. Einmal seien beide Meister spazieren gegangen, als ihnen die königliche Ehrengarde entgegenkam. Beethoven ging hocherhobenen Hauptes weiter. Goethe sei einen Schritt zur Seite getreten und hätte mit Verbeugung seinen Hut gezogen. „Als ich jung war, regte ich mich über Goethes Verhalten auf, während ich Beethoven bewunderte. Mit fortschreitendem Alter begann ich Goethes Reaktion zu verstehen, weil es dazu mehr Mut braucht.“

Im September 2009 trug Mo Yan diese Geschichte auf einem deutsch-chinesischen Literaturforum in Vorbereitung der Frankfurter Buchmesse vor. Er sprach zur Rolle des Schriftstellers in China. Das Symposium endete mit einem Eklat. Die Regierungsdelegation, der auch Mo Yan angehörte, verließ den Saal, als sich zwei Dissidenten zu ihr auf die Bühne setzen wollte. Drei Monate später erklärte Mo Yan der Zeitschrift „Zhongguo Xinwen Zhoukan“, warum er den Saal verlassen hatte. „Ich war als Mitglied der offiziellen Delegation in Frankfurt dabei und habe akzeptiert, dass ich dafür vom Verlags- und Presseamt und dem Schriftstellerverband ausgewählt worden war. Sehr viele sagen jetzt: Mo Yan ist ein Staatsschriftsteller. Daran stimmt, dass ich ein Gehalt vom Künstlerforschungsinstitut des Kulturministeriums beziehe und darüber sozial- und krankenversichert bin. Das ist Chinas Realität. Im Ausland haben alle ihre eigenen Versicherungen. Aber ohne Anstellung kann ich es mir nicht leisten, in China krank zu werden.“ Für solche Bekenntnisse bezog er im Internet virtuelle Prügel. Dort erinnerten viele Kritiker, dass Mo Yan zu den 100 prominenten Autoren gehörte, die im Juni als Hommage an Mao Zedong dessen 60 Jahre alte Ideologie-Rede mit der Hand abschrieben. Obwohl es gerade diese Rede war, die von 1942 an alle Kunst und Kultur unter die furchtbare Fuchtel der Partei stellte.

Mo Yan versteht sich nicht als Dissident. „Die Literatur entkommt zwar nicht der Politik“, sagte er 2009 bei einer Pekinger Feierstunde für Martin Walser, mit dem ihn seit 2008 eine enge, deutsch-chinesische Autorenfreundschaft verbindet. Aber er halte es lieber mit einer anderen Wahrheit: „Die Funktion von Romanen ist größer als die der Gesellschaftskritik.“ Kein Wunder, dass der wegen seiner gesellschaftlich engagierten Kunst verfolgte Ai Weiwei reserviert reagiert. Er sagte: „Ich akzeptiere das politische Verhalten von Mo Yan in der Realität nicht. Er ist möglicherweise ein guter Schriftsteller. Aber er ist kein Intellektueller, der die heutige chinesische Zeit vertreten kann. Moderne Intellektuelle haben eine tiefgehende Beziehung zur aktuellen Realität unseres Landes. Einen Nobelpreis an jemanden zu geben, der von der Realität abgehoben lebt, ist eine rückständige und unsensible Verfahrensweise. Dennoch gratuliere ich ihm dazu.“

Mo Yan löst solche Widersprüche auf, indem er in die von ihm erschaffene, fiktive Welt seiner Romane eintaucht, die sich immer wieder um seine ländliche Heimat drehen. Er hat einen politisch-satirischen Roman wie „Überdruss“ geschrieben, in dem er einen während der Landreform erschossenen Gutsbesitzer in Tiergestalten wieder auferstehen und halbes Jahrhundert maoistischer Umbrüche miterleben lässt. Sein jüngster Roman „Wa“ (Frosch) wiederum spielt vor dem Hintergrund der Geburtenkontrolle in China.

Er thematisiert das Schicksal einer Geburtsmedizinerin auf dem Land, ihren sie lebenslang quälenden Konflikt zwischen Staatstreue und dem Wert jedes einzelnen Lebens. Der umfangreiche Gesellschafts- und Familienroman sollte eigentlich schon erschienen sein, doch die Übersetzung habe sich, wie so oft bei Projekten aus dem Chinesischen, verzögert, heißt es beim Hanser Verlag.

Er hat auf die Mutter gehört

Mo Yan erzählt seinen Roman in Briefen, ein bewusst gewähltes Stilmittel, um in Anspielungen heikle Probleme anzusprechen und die Zensur zu umgehen. Mit Büchern wie „Das roten Kornfeld“, „Die Knoblauchrevolte“, „Die Schnapsstadt“, „Die Sandelholzstrafe“ und „Überdruss“ ist er der meist übersetzte chinesische Autor in Deutschland. Einen „Hausverlag“ hat er in Deutschland nicht, seine Bücher erscheinen bei dem Unionverlag aus der Schweiz, dem kleinen Berliner Verlag Horlemann und der Suhrkamp-Tochter Insel. Zuletzt erschienen zur Frankfurter Buchmesse 2009 „Die Knoblauchrevolte“ beim Unionsverlag. Dessen Verlagsgründer Lucien Leitess sagte, dass Yo Mans Texte oft skurril seien, aber manchmal auch grausam und hart, „wie eben auch die chinesische Realität“.

Seinen Schriftstellernamen Mo Yan (Nichts sagen) hat der im Bauerndorf Gaomi in Ostchinas Provinz Shandong als Guan Moye aufgewachsene Autor in einem Interview mit Shanghais Literaturzeitung „Wen Huibao“ 2004 so erklärt: Das Zeichen „Mo“ in seinem Namen bestehe aus zwei Bestandteilen, die für sich „reden und auch nicht reden“ bedeuteten. „Ich wurde in der repressiven Atmosphäre der Kulturrevolution groß, stamme aus einer mittelreichen Bauernfamilie. Wir hatten immer Probleme mit unserer sozialen Akzeptanz. Meine Mutter schärfte mir ein, es sei besser, so wenig wie möglich zu sagen, wenn man nichts sagen muss. Wer viel sagt, sage vieles falsch. Ich habe darauf dieses Pseudonym gewählt, um mehr zu schreiben als zu sagen.“

Mo Yan: Die Knoblauchrevolte. Unionverlag, 384 Seiten, 12,90 Euro.