Literatur

Kleine Morde unter Freunden

Bestsellerautor Christian von Ditfurth ist schon lange im Geschäft. Er hat einen neuen Krimi über Kreuzberg geschrieben. Ein Treffen am Tatort

Schreiben für das erfolgreichste Buchgenre scheint eine gemütliche Sache zu sein. Christian von Ditfurth sagt, er habe sich seinen Beruf ausgesucht, damit er hier entspannt sitzen kann. Bei den Freunden sei es oft anders mit der Entspanntheit, nämlich gar nicht. Das Las Primas in der Kreuzberger Wrangelstraße, ein Tapas-Restaurant, ist so ein Ort aus dem Geschichtenraum, in dem Ditfurth Szenen und Figuren findet für seine Kriminalromane. Das Las Primas ist sein Stammlokal.

„Erst trinke ich ein Bier. Dann trinke ich Weißwein. Und ich weiß noch nicht, womit es dann weitergeht“, sagt der Autor und nimmt einen Zug von dem großen San Miguel. Christian von Ditfurths neues Buch „Tod in Kreuzberg“ (Carl‘s Books, 14,99 Euro) spielt im Gräfekiez, wo sich Ditfurth mit einem Freund eine Wohngemeinschaft teilt. „Tod in Kreuzberg“ ist Teil einer Krimi-Trilogie, sie handelt von Spekulanten, die sich das Viertel unter den Nagel reißen. Drei WG-Altlinke halten dagegen. Ihre Freundin Rosi hat die Machenschaften der Immobilienfirma aufgedeckt, die den halben Gräfekiez aufgekauft hat. Sie wird ermordet.

30 Jahre lang hat Christian von Ditfurth, Jahrgang 1953, als Lektor gearbeitet (und, das muss natürlich erwähnt werden, er ist der Bruder der früheren Grünen Politikerin Jutta Ditfurth). Kurz nach dem Mauerfall suchte er einen Autoren für das Thema „Wie die Bonner Christdemokraten versuchen die realsozialistische Vergangenheit der einstigen SED-Steigbügelhalter zu verharmlosen.“ Als er niemanden fand, fing er selbst an zu schreiben. Das Buch „Blockflöten“ erschien 1991 bei Kiepenheuer & Witsch.

Katastrophenlust

Wir unterhalten uns über schöne Krimierlebnisse, die natürlich allesamt beiläufig Kriminalsachen sind und vorrangig über die gute Literatur kommen. Französische Kriminalfilme müsse man schauen, sagt Ditfurth. Truffaut zum Beispiel. „Im Angesicht des Verbrechens“, dieses Sündenepos von Dominik Graf, habe ihm imponiert. Ansonsten ältere Sachen: Raymond Chandler oder Robert Harris „Fatherland“. „Ein ganz toller Roman, sehr spannend geschrieben. Aber mit wissenschaftlichen Schwächen“, Ditfurth lächelt, „ich muss das sagen, ich bin ja Historiker.“

Am Vorabend, fällt ihm ein, lief in der ARD eine Dokumentation über Kurt-Georg Kiesinger. „Ich sehe mir alle Sachen im Fernsehen an, die mit Geschichte zu tun haben“, sagt er. „Ich bin seit meiner Kindheit fasziniert von Geschichte. Wahrscheinlich entdecke ich heute, in dem vielen Material, das ich ungeordnet gesammelt habe, den Unterbau für meine Bücher.“ Ditfurth über die Wirkung der alten Originalaufnahmen: „Wie Kiesingers Frau den Kanzlerbungalow einrichtet, erzählt sehr viel über ihren Mann.“

Als Sachbuchautor hatte er sofort Erfolg, die Bücher verkauften sich gut, und die Lust am Schreiben führte ihn ins Krimigenre. Als Nächstes will Ditfurth einen Kommissar-Krimi schreiben. Er blättert sich derweil durch diverse Bücher, die er, wie er sagt, etwas wahllos gegriffen hat. „Ich lese immer viel auf einmal, eine gute Übung.“ Nur sei das Meiste, in das er sich vergriffen hat, Schrott. Verkappte Schnulzennummern, plotorientiert, schlecht konstruiert. „Ich habe keine Lust auf eifersüchtiger Ehemann erschlägt Ehefrau“, sagt er. „Ich möchte etwas schreiben, das roher, merkwürdiger, vielleicht alptraumartiger daherkommt.“ Munter zerpflückt der Autor auch den Sonntags-„Tatort“. „Dieser Versuch einer Deutschmoral für die Darstellung von Verbrechen“, sagt Ditfurth, sei ganz falsch. Krimischreiben als Ordnungsprinzip, so, wie das gezügelte Böse in den Augen der Macher sein sollte, findet der Autor verachtenswert, er sagt: „Ich habe eine Katastrophenlust.“

Ditfurth ist ein Krimi-Profi. „Du kannst schlampig sein, aber du musst funktionieren. Ich schreibe immer fünf Seiten am Tag“, sagt er und etwas lauter noch einmal: „Das muss funktionieren!“ Es ist die einzige Disziplinaufwallung bei Ditfurth, dem nach außen hin sanften Charakter, dem superentspannten Freund der kontrollierten Katastrophe. Das lange weiße Haar hängt da so runter. Ditfurth nimmt nach dem Weißwein noch ein Bier.

Die Jahrzehnte als Verlagslektor nennt er seinen großen Vorteil. Ein Mann der Schreibkrisen sei er nicht. „Schreiben ist mein Geschäft“, zitiert Ditfurth den Autor Jörg Fauser. „Ich habe keine Angst vor dem eigenen Text. Das ist ganz sicher die Schule des Lektorats.“

Weltästhetik der Bestseller

Nur bei einem von 22 Büchern, die er geschrieben hat, sagt Ditfurth, musste er von vorne anfangen. „Ich bin kein Feuilleton.“ Anders als Fauser hat Ditfurth da keine Ambitionen. „Es gibt ja diese Idee, jetzt schreibe ich das beste Buch aller Zeiten – und dann stellt man fest, es war doch nicht das beste. Und man macht trotzdem irgendwie weiter. Ich habe festgestellt, dass ich nicht vollkommen bin. Das beschert einem eigentlich ein ruhiges Leben.“ Es stört ihn nicht, seine Texte in Räume hineinzustellen, von denen andere Autoren fürchten, sie könnten ihre Texte entwerten. Er liest für die Rheuma-Selbsthilfegruppe und für Gentrifizierungsgegner auf der Straße am Kottbusser Tor, alles kein Problem.

Schon seit 1984 schreibt Ditfurth digital. Ihm fällt das uralte Wort „Ms Dos“ ein. „Heute arbeite ich mit Windows. Ich halte Apple für eine Sekte. Sekten verüben Anschläge auf die Rationalität.“ Wir sprechen über den Apple-Konzern, diesen Weltästhetik-Gentrifizierer, über die tolle Zufälligkeit vom Erfolgs des ersten Produkts; das sofortige Klassikerwerden des iPhones beispielsweise. „Wie ein großes Buch – sofort Literaturgeschichte“, sagt Ditfurth. Was folgt, ist die Schwierigkeit, den Effekt des Überraschenden in den nachfolgenden Veröffentlichungen zu wiederholen. „Es ist ja ein großer Kollektivdurst, der gestillt wird durch die flächendeckende Kosmetik der sauberen Gegenstände. Da ist es bei Apple-Objekten wie mit vielen Krimi-Bestsellern.“

Ditfurths neue Bücher kann man als E-Books kaufen für 2,99 Euro. „Zeit zu experimentieren“, sagt seine Homepage. Genre-Experimente hat er keine vor. Dafür läuft es mit den Krimis viel zu gut.