Frankfurter Buchmesse

Maori, Mittelerde und ein bisschen Mythos

Das Gastland Neuseeland präsentiert sich in der Tradition seiner Ureinwohner

Die Nacht ist die beste Zeit für gute Geschichten. Die deutschen Romantiker verehrten die dunkle Nacht als den Ort wahrer Erkenntnis, Kafka schrieb zwischen Abend und Morgen seine Erzählungen und seine ersten Geschichten hörte man als Kind vor dem Einschlafen. Wenn diese Zeit für Geschichten in Neuseeland beginnt, ist es bei uns Tag – der Zeitunterschied liegt derzeit bei 11 Stunden. So präsentiert sich das südpazifische Land als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse dreisprachig unter dem Motto „While you were sleeping“, „Bevor es bei euch hell wird“ – oder in Maori, der Sprache der indigenen Bevölkerung: „He moemoēa he ohorere“.

So liegt dann auch der Pavillon, mit dem sich das Land auf der größten Buchmesse der Welt präsentiert, im Dunkeln. Doch es ist die Art Dunkel, die einhüllt, ein bisschen mystisch ist, die einen wohligen Schauer auslöst, aber niemals bedrohlich wirkt. Der Pavillon inszeniert eine neuseeländische Nacht: Dunkelheit, eine angenehme Kühle, Regenwaldgeräuschkulisse. Sogar der Mond, der als große Leinwandprojektion im Pavillon hängt, sieht anders aus auf der gegenüberliegenden Seite der Welt, weil ihm das bei uns bekannte Mondgesicht fehlt. Die Präsentation von Ehrengast Neuseeland füttert das Bild des Landes als geheimnisvolles Inselreich am anderen Ende der Welt an: ein bisschen Maori, ein bisschen Mittelerde, ein bisschen Mythos.

Der Länderpavillon ist dabei der natürlichen Lage des Landes nachempfunden: Der Ausstellungsraum ist umkränzt von flachen Wasserbecken, in der Mitte liegt die eigentliche Ausstellungsfläche als Insel, darüber aus Glühlämpchen der Sternenhimmel der Südhalbkugel mit der charakteristischen Konstellation des Kreuz des Südens. „Der Besucher soll in den Pavillon hereinkommen und sich klar werden, dass Neuseeland eine Insel ist, die im Meer schwimmt“, sagt Tanea Heke, Organisatorin des Neuseeland-Kulturprogramms auf der Messe.

Ein Jahr lang arbeiteten die Architekturbüros Patterson Associates und Inside Out Productions an der Gestaltung des Pavillons, der Aufbau dauerte drei Wochen.

Das Herz der Ausstellung ist eine Multimedia-Show, in der Worte, Töne und Bilder auf mehreren Leinwänden die Geschichte Neuseelands erzählen, seine Kultur und Literatur vorstellen. Wenn Worte fließen, Wellen rauschen, Sprachen wie Nebelschwaden durcheinander wabern, werden Wasser und Buchstaben gleichermaßen zum Leitmotiv, sie verändern ihre Aggregatzustände. In der Multimedia-Show sieht man Wolken, Meer und Nebel in den Bilderbuchlandschaften Neuseelands, hört Gedichte, Lebensgeschichten und Maori-Rap. Als es im Lautsprecher brodelt und auf den Leinwänden die Gischt spritzt, regnet es auch in der Ausstellungshalle in die Wasserbecken hinein. Im Kino würde man das wohl 4D nennen, der kleine Spezialeffekt erinnert daran, dass Neuseeland spätestens seit der Herr der Ringe-Trilogie auch als Filmland bekannt ist. Neben Autoren und Erzählern sind auch Künstler nach Frankfurt gekommen, die schnitzen und weben. „Wir präsentieren hier alle unsere Geschichten, wie sie sind: mündlich überliefert, aufgeschrieben, in Schnitzereien oder Webkunst“, sagt Organisatorin Tanea Heke. Rund 100 Kiwis, so der Spitzname der Einwohner Neuseelands nach seiner berühmtesten Frucht und bekanntesten Vogelart, sind nach Deutschland gekommen.

Dass die ursprüngliche Sprache und Kultur der polynesischen Einwohner des Landes hervorgehoben wird, entspricht dem Zeitgeist einer als postkolonial geltenden Welt. Den Relationen der Realität entspricht die Gewichtung nicht: Nur 7,4% der Einwohner Neuseelands sind Maori, ihre Sprache wird von 3,9% der Menschen gesprochen. Aber vielleicht ist das ja ein Grund mehr, den Zauber der polynesischen Sprache und Kultur auf der Buchmesse lebendig werden zu lassen.