Geitels Geschichten

Eine Heilige des Operngesangs

Klaus Geitel über die Sopranistin Elisabeth Grümmers und einen Zwischenstopp in Sibirien

Manchmal meint man, die Musik, die glückliche, könne geradezu in einem Meer herrlicher Stimmen baden. Aus diesem Meer eine einzige Stimme herauszufischen, zu bejubeln und ans Herz zu drücken, für unvergesslich zu erklären, mag ungerecht erscheinen, aber es ist halt so: Elisabeth Grümmers Sopran, gesättigt mit Jenseitigkeit, schien gar nicht richtig von dieser Welt. Man musste ihr nur aufmerksam zuhören, um sie bewundern zu lernen. Einer der ersten, der das zuwege brachte, war noch in seinen jüngeren Jahren Herbert von Karajan, damals noch fest eingebunkert ins Musikleben Aachens. Dort stieß er auf die junge Frau des Konzertmeisters Detlev Grümmer, hörte sie zu Hause auf einer Musikparty singen und bat sie sofort, doch bitte, bitte, die Rolle eines der Blumenmädchen in seiner neuen „Parsifal“- Inszenierung zu übernehmen. Frau Grümmer ließ sich nicht zweimal bitten.

1946 wurde Elisabeth Grümmer an die Städtische Oper Berlins engagiert, diesem Haus, blieb sie ihr Sängerinnenleben lang treu. Ich habe sie von Anfang bewundert. Mehr noch: ich habe ihr Singen geliebt. Von Singkunst konnte bei ihr dabei nicht einmal die Rede sein. Nicht Kunst wurde von Elisabeth Grümmer ausgestellt, sondern Lebens- und Seelenreinheit. Beides klang zusammen wie zu einem überirdischen, anrührenden Duett, vorgetragen von einer einzigen, unvergesslichen Stimme, die sich zu allem Überfluss offenkundig nicht das geringste darauf einbildete. Die Grümmer glich von fern geradezu einer Heiligen des Operngesangs.

Ein einziges Mal nur in all den Jahren bin ich mit ihr ins Gespräch gekommen und zwar bei der Zwischenlandung auf einem gottverlassenen sibirischen Flughafen. Das Aufzutanken brauchte seine Zeit und ich verbrachte sie damit, sie in Frau Grümmers Gesellschaft aufs angenehmste totzuschlagen. Ich weiß gar nicht mehr, worüber wir gesprochen haben, wahrscheinlich über unsere Erlebnisse auf dem wochenlangen Asien-Gastspiel des Berliner Opernhauses. Das Bewunderungswürdigste am Repertoire von Elisabeth Grümmer war, dass sie nie die virtuosen Knallchargen-Rollen sang, diese hemmungslosen Entladungen der Virtuosität, die alle Opernbesucher, wo auch immer, in den Begeisterungs- Rappel bringen.

Frau Grümmer war dagegen eine waschechte Lyrikerin, eine, die ihre Gefühle keinen Takt lang geheim hielt sich und sich nicht hinter ihrer Rolle versteckte. Sie lotete sie geradezu singend auf das Zarteste und Ergreifendste aus. Sie sang, ohne darüber wehmütig oder gar sentimental zu werden, gewissermaßen die Tränen mit, die der Komponist in sein Werk hatte einfließen lassen. Aber sie ließ gelegentlich auch den eigenen ihren traurigen Lauf. Das hat mir einst Dietrich Fischer-Dieskau erzählt.

In Mozarts „Figaro“, Frau Grümmer hatte die Gräfin gesungen, war irgendetwas aus dem Ruder gelaufen, wie es im Bühnenbetrieb mitunter geschieht. Frau Grümmer fand dadurch nicht sich, wohl aber Mozart beleidigt. Sie stand immer für die Komponisten ein auf der Bühne, für keinen anderen. Gerade dieser Abwechslungsreichtum der darzustellenden Charaktere machte für sie das Glück der Oper aus. Man musste sich ihnen nur rückhaltlos hingeben. Damit zögerte Frau Grümmer nie.