Kunstsache

Gesucht: jung, weiblich, erfolgreich

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Heute ist Emma, meine Freundin, wieder mal auf ihrem feministischen Trip. Warum, fragt sie, gibt es eigentlich unter den großen, bekannten Künstlern kaum Frauen? Können die schlechter malen - oder trauen die sich bloß nicht mit der Karriere? Oder werden die schlicht weniger gekauft? Emma murmelt etwas von Frauenquote in der Kunst. Eine, die sich da gut auskennen muss, ist Tanja Wagner, Jahrgang 1979, eine der jüngsten Galeristinnen der Hauptstadt. Vor zwei Jahren hat sie ihre Ladengalerie in der Pohlstraße, im Galerienareal der Potsdamer Straße eröffnet.

Sechs Frauen vertritt sie - und einen Mann, der kam eher zufällig dazu, weil eine der Künstlerinnen, Mariechen Danz, ihn schätzt. Für Tanja Wagner ist Emmas Frage nach den Frauen am Kunstmarkt nicht neu, dennoch überholt. „Das hängt mit dem Generationswechsel zusammen, heute fragt doch keiner mehr, ob dass Werke von einer Frau oder einem Mann sind, Frauen sind auf dem Kunstmarkt genauso unterwegs. Zu frühen Zeiten von Baselitz und Richter allerdings sei die Malerei konservativer und eine Domäne der Männer gewesen, jetzt, in den Sphären der Medienkunst, hätte sich das verändert. Eine dieser jungen Kunst-Ladies ist Kris Lemsalu aus Estland, 28 Jahre, die in Wien arbeitet.

„Typisch weibliche Materialien“, flüstert Emma. Tatsächlich sind deren surreale Installationen aus Lammfell und Porzellan gefertigt. Zwitter von Mensch und Tier. An der Decke baumelt eine fünf Meter große Riesenkrake, deren Leib wie eine spröde Koralle aussieht. Es ist Moos, in flüssiges Porzellan getaucht, das im Ofen verbrannte. Zwischen 1200 und 6000 Euro kosten die Arbeiten. Für Emma der Beweis, dass junge Künstlerinnen und Galeristinnen es durchaus schwer haben, überhaupt auf dem Markt zu bleiben. (Pohlstr. 64, Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 20. 10.)

Galeristin Janine Bean (38) führt bereits seit 2004 - zusammen mit ihrem Mann - die gleichnamige Galerie in der Torstraße. Gerade zeigt sie Malerei von Tanja Selzer (42), eine Künstlerin, die beides, Karriere und Familie, auf die Reihe bringt. Allerdings gibt Bean zu, dass sich gerade ältere Sammler schwer täten - mit Künstlerinnen. Baby bedeute für diese Karriere- und damit Verkaufs- Ende. „Es gibt so ne’ Denke“, sagt Bean. Emma nickt. Aber die neue Sammlergeneration 30 plus sei da anders, konzentriere sich auf hippe Künstler, ohne Blick aufs Geschlecht.

Selzer versucht schon länger, die Malerei neu zu entwickeln. Nicht einfach. Ihre Ölfarben, mehrschichtig aufgetragen, mischt sie mit so viel Wasser, dass diese wie aquarelliert wirken, Konturen sich verlieren. Die Farben sind manchmal, gerade bei realen Motiven, leider etwas pastellig geraten, nicht unbedingt jedermanns Geschmack. (Torstr. 154, Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 20. Oktober)

Als Janine Bean geboren wurde, da häkelte Patricia Waller schon für den Weltfrieden. Die Berliner Künstlerin, Jahrgang 1962, verwendet eine uralte Kulturtechnik: Nadel samt Wolle und lässt die Maschen antanzen gegen gesellschaftliche Missstände und menschliche Abgründe. Da klappern Gebisse eingelegt in Wassergläsern, Hello Kitty im Kleidchen begeht Harakiri und Ernie ist obdachlos mit Weinpulle auf der Sesamstraße gelandet. Die Einzelschau „Broken Heroes“ war in der Galerie Deschler zu sehen, wo Waller jetzt wieder in einer Gruppenausstellung mit ihren Woll-Skulpturen dabei ist. Im Heimeligen der alten Fingerkunst lauern die Grausamkeiten.

Waller hat durchaus ihre Nadeln geschärft. Emma mag die Strick-Liesel, weil sie auch mal wie wahnsinnig gehäkelt hat. Doch jetzt findet sie, sei die Berliner Maschenkunst in die Jahre gekommen. Kurz: Waller müsste sich mit 50 Jahren neu erfinden. Frauen können hart sein. (Auguststr. 61, Di-Sa 12-18 Uhr. Bis 13.10. )

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien