Literatur

Ein Gespür für grrrimmige Geschichten

„Anständig essen“ war ihr Bestseller. Nun hat sich Karen Duve die Grimm-Märchen vorgeknöpft

Was war Schneewittchen eigentlich für ein Typ? Kaum wacht sie wieder auf (nach 100 Jahren zudem!), schon verspricht sie sich irgendeinem Prinzen. So ein Kaltstart kann keine Zukunft haben, könnte man meinen, und das meint auch Karen Duve: „Die beiden wissen nichts voneinander, sie kennen sich doch gar nicht“, sagt sie mit leichter Empörung, bei der man nie weiß, ob sie die nicht vielleicht sogar ernst meint. Es habe, so glaubt sie, schließlich gute Gründe, warum das Märchen der Gebrüder Grimm ausgerechnet mit der Hochzeit ende. Denn besser werde es für die Jungvermählten nicht mehr.

Neue Popularität

In Karen Duves Buch „Grrrimm“, das morgen erscheint, geht die Geschichte nun weiter. Hier lässt sich der Prinz nach einem Jahr wieder scheiden, „er könne nicht bei einer Frau liegen, die wochenlang mit sieben Männern, noch dazu Zwergen, in einer Hütte im Wald zusammengelebt hätte, das müsste jeder einsehen.“ Danach wurde Schneewittchen die Geliebte des jüngeren Bruders des Prinzen, irgendwann ist sie von der Bildfläche verschwunden. Die sieben Zwerge warten noch immer auf ihre Rückkehr. Wobei, den einen Zwerg raffte es aus Liebeskummer dahin, zwei andere wiederum verließen im Streit um den Zwergen-Chefposten die Gemeinschaft. Hm. Schneewittchen und die vier Zwerge. Das klingt natürlich nicht mehr so imposant.

Seit Winter 2010 kann man Karen Duve ohne Marktgeschrei als Bestellerautorin bezeichnen. Da veröffentlichte sie mit „Anständig essen“ einen Art Selbsterfahrungsbericht über ihr neues Leben als Vegetarierin. 80.000 Exemplare verkauften sich davon, was schon eine Hausnummer ist, die wenige deutsche Schriftsteller erreichen. Sie hat, obwohl sie das immer bestreiten wird, ein Gefühl für die Themen dieser Tage; sie erkennt instinktiv den Zeitgeist, und fleischlose Ernäherung war damals eine trendige Sache. Über die Wochen, nachdem ihr Veggie-Buch erschien, schrieb die „FAS“ angesichts ihrer TV-Auftritte bei Anne Will und Porträts vom „Spiegel“ bis hin zur „Frau von heute“ erschienen: „So viel Duve war nie.“

Das Leben habe sich schon verändert durch diese neue Popularität, „anstrengender ist es geworden“, sagt sie. In ihrem Dorf in Brandenburg weiß mittlerweile jeder, womit diese Duve, die Zugezogene aus Norddeutschland, ihr Geld verdient. Richtig im Geschäft ist sie seit 1999, „Regenroman“ hieß ihr erster Roman, es folgten stetig und fleißig weitere Bücher, 2008 kam dann „Taxi“ heraus – damit kannte sie sich aus; sie war 13 Jahre lang in Hamburg Taxi gefahren und hatte einen ziemlichen Bammel davor, dies bis zum Ende ihrer Tage machen zu müssen. Nach jedem dieser Bücher konnte sie eigenständig bestimmen, wann es nun endlich genug sein sollte mit all den Auftritten und Lesungen. Bei „Anständig essen“ liegt der Fall anders. „Ich werde so oft angesprochen, ob ich irgendwo helfen kann, irgendjemanden unterstützen kann, gegen eine neue Mastanlage etwas unternehmen möchte.“ Dem Thema Vegetarismus – sie isst weiterhin weder Fleisch noch Fisch – könne sie sich als Autorin dann doch nicht so leicht entziehen. Gern hat sie die Rolle als Aktivistin nicht übernommen, das merkt man, aber so richtig kommt sie da auch nicht raus.

Nun also ist Karen Duve unter die Märchenerzähler gegangen. Auch hier hat sie ein gutes Gespür bewiesen, schließlich erschien vor 200 Jahren das erste gemeinsame Buch von Wilhelm und Jacob Grimm, und auch den ersten Band ihrer „Kinder- und Hausmärchen“ veröffentlichten die Gebrüder 1812. Zudem kommen alle naselang moderne Adaptionen der Klassiker („Küss den Frosch“, „Rapunzel - neu verfönt“) und allerlei Fantasy-Variationen auf den Markt. Diese Rolle der Märchenerzählerin passt gut zu Karen Duve, kann sie doch ihre Stärken ausspielen: Ihre diebische Freude daran, jede absurde Situation noch einen Tick weiter zu drehen, und ihre Gabe, schlagfertige, „grrrimmige“ Dialoge zu entwickeln.

Nicht gut, nicht böse

So begibt es sich, dass Rotkäppchen beim Besuch ihrer Großmutter feststellen muss, dass ihre liebe Oma in Wahrheit ein Werwolf ist. Die jammert um ihr Leben, schließlich hat das so gar nicht schüchterne Rotkäppchen bereits das Beil gezückt: „Ich bin seit dreißig Jahren Wehrwolf. Ein italienischer Hausierer hat mich mal gebissen. Seitdem gehe ich um. Aber ich habe das unter Kontrolle“, und das Rotkäppchen denkt sich: „Das behaupten immer alle Wehrwölfe, wenn sie erwischt werden“. Im übrigen war Rotkäppchen „ziemlich hübsch“, schreibt Karen Duve, „wenn man die großnasige, herbe und schnellverblühende Schönheit“ zu schätzen weiß.

Ihr Herangehen an diese fünf Märchen ist immer ähnlich. Unterlegt von einem schnoddrigen Grundton, übernimmt Karen Duve die inhaltliche Konstellation der Gebrüder Grimm, arbeitet aber die Figuren noch einmal auf. Sie nimmt ihren Figuren das Pathos und die Aura des absolut Guten oder absolut Bösen und ersetzt dies durch ein zeitgemäßes, nachvollziehbares, auch fehlbares Verhalten. Kurzum, sie schenkt ihnen einen zeitgemäßen Charakter. Fasziniert an diesen Märchen habe sie, dass es „immer um die wichtige Sachen geht: Liebe, Tod, Geburt, Hochzeit; sie haben eine Zeitlosigkeit, wodurch sie in jedem Alter funktionieren. Und es geht immer um Erlösung – und wir sind ja alle so ein wenig erlösungsbedürftig.“ Diesen „Grimm-Sound“, den möge sie, die Klarheit der Geschichten, in der es um Rache, um Kränkungen oder um den wundersamen Aufstieg von Außenseitern gehe.

Es gibt ein paar Punkte, die sie beim Schreiben dieser Märchen entdeckt hat. Die „schönen Sprache“ zum Beispiel, mit der die Gebrüder Grimm ihre Märchen verfasst hatten, was für ein Genuss es sei, deren Werke noch einmal zu lesen. Oder auch, wie sehr man als Kind alles so selbstverständlich hinnehme: „Da kommt so ein Prinz in den Wald und sagt: ‚Verkauft mir doch bitte diese Leiche von Schneewittchen.’ Ich bin damals nicht ein einziges Mal darüber gestolpert und habe mich gefragt: ‚Wie denn? Der will eine Leiche kaufen?‘“ Und was sie auch einigermaßen verwunderlich findet: dass „jeder aus dem Märchen das herausliest, was er herauslesen will – und das auch ganz konsequent“. Alle Welt glaube, dass der Frosch erlöst werde, weil er geküsst wird. „In Wahrheit wird er an die Wand geworfen und verwandelt sich dann in einen Prinzen. Oder Dornröschen: Sie wacht ja nicht sofort auf nach dem Kuss des Prinzen, sondern schläft erst einmal 100 Jahre. Das wird nicht einfach zur Kenntnis genommen, es wird einfach so drüber hinweggelesen – und das, obwohl die Märchen immer wieder von Eltern vorgelesen werden.“ Karen Duve redet sich ein wenig in Rage. Aber wer weiß schon, ob sie das ernst meint.