Kulturgeschichte

Russen und Deutsche, ein seltsames Paar

Das Neue Museum blickt auf 1000 Jahre Geschichte zurück

„Russen & Deutsche. 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur“ lautet der beeindruckende Titel der Ausstellung im Neuen Museum. Im dritten Stock, der normalerweise den prähistorischen Sammlungen der Staatlichen Museen gehört, konzentrieren sich die Ausstellungsmacher auf die einstige Handelsmetropole Nowgorod, Moskau und St. Petersburg – diese drei Städte stehen für drei Epochen deutsch-russischer Beziehungen bis ins 18. Jahrhundert.

Moskau lag wegen der Mongolenherrschaft für Jahrhunderte jenseits des westlichen Horizonts. Erst als der Großfürst das mongolische Joch abgeschüttelt hatte und zur Vormacht im Osten Europas geworden war, geriet es in den Blick des Handels und der Politik. Im Zentrum dieses Ausstellungskapitels stehen wechselseitige diplomatische Gesandtschaften zwischen dem Moskauer und dem Heiligen Römischen Reich. St. Petersburg, 1703 gegründet, steht für Russlands Wendung nach Europa. Es beginnt eine Zeit intensiven Kulturaustauschs und dynastischer Verbindung aber auch machtpolitischer Konkurrenz. Katharina die Große war eine Prinzessin aus dem Hause Anhalt - Zerbst. Neun von 13 Urmitgliedern der von Peter dem Großen gegründeten Akademie der Wissenschaften waren deutsche Gelehrte.

Es ist also viel los in diesem deutsch-russischen 18. Jahrhundert. Entsprechend bunt und prachtvoll mutet die Vielfalt der gezeigten Objekte an. Man sieht Meisterwerke deutscher Malerei aus der Kunstsammlung Katharinas, den Schädel der Stellerschen Seekuh, erbeutet auf einer der legendären Kamtschatka-Expeditionen, und, wieder so eine Irritation, ein Aquamanile aus dem 13. Jahrhundert, ein der höfischen Kultur Westeuropas entstammendes Artefakt, ausgegraben irgendwo in der mongolischen Steppe. Auch das sind Kulturbeziehungen. Und der dicke Rubin, der den Bauch des Preußenadlers an der Spitze des Szepters bildet, das der preußische Kurfürst trug, als er sich in Königsberg selbst die preußische Königskrone aufsetzte, der war ein Geschenk des Zaren Peter. Am Ende dieser Epoche vereinigen sich Russland, Preußen und - kann man das sagen? - das deutsche Volk im Kampf gegen Napoleon.

Die innigen Beziehungen zwischen den konservativen Großmächten Preußen und Russland sind vor vier Jahren schon in der Schau „Macht und Freundschaft“ im Martin-Gropius-Bau dargestellt worden. Vielen der dort gezeigten Stücke begegnet man nun wieder. Das Problem des Kapitels über das 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg ist die Fülle. Der Versuch, sie unter drei Ordnungskategorien zu bändigen – Glanz und Gloria, Wirtschaft und Wissenschaft, Kunst und Kultur – gelingt nicht vollständig. Es bleibt der Eindruck eines Sammelsuriums, in dem das Großartige zu verschwinden droht, ein schwer nachgedunkelter Caspar David Friedrich zum Beispiel, ein Luxustelegraf des Zaren oder die erst nach ihrem Tod in Hessen angekommenen Kisten mit der Aussteuer der russischen Prinzessin Alexandra Nikolajewna, die sich unsterblich in den Kasseler Prinzen Friedrich Wilhelm verliebt hatte und bald nach der Hochzeit starb.

Weltkriege und Kalte Krieg überlagern im historischen Bewusstsein beider Völker heute alles, was vorher an Beziehungsreichtum entstanden war. Es ist die Absicht dieser Ausstellung, deren Schirmherrschaft die Präsidenten Gauck und Putin übernommen haben, die Erinnerungsakzente zu verschieben. Eine Aufrechnung des deutschen und sowjetrussischen 20. Jahrhunderts versucht die Ausstellung dann auch nicht.

Neues Museum, Am Lustgarten, So-Mi 10-18 Uhr, Do-Sa 10-20 Uhr. Bis 13.1.