Oper

Klettern, turnen und andere Überraschungen

Sechs Stunden „Siegfried“ in der Staatsoper

In Wagners Zyklus rund um den Ring des Nibelungen nimmt „Siegfried“ nicht gerade den beliebtesten Platz ein. Bei aller schallenden Heldenhaftigkeit scheint er nicht recht zu wissen, wohin mit seinem Siegesanspruch. Dieser „Siegfried“ kommt ein bisschen aus der Kummerecke der Poesie. In der Staatsoper hat er allerdings einen wundervollen Beistand zur Seite, und der heißt Daniel Barenboim.

Gleich mit den ersten Takten des Werkes verweist Barenboim auf die poetischen Ur-Tiefen, die Wagner seinem jungen Helden zugeordnet hat. Er dirigiert, bei aller inszenatorischer Wichtigtuerei und ihrer nicht zu bremsenden Kletterlust der Darsteller auf der Bühne, wie mit einem Taktstock der handgeschnitzten Poesie und setzt damit der Aufführung (und der wundervoll mitziehenden Staatskapelle) das rechte Ziel. Er gibt den Ansätzen zur Heiterkeit freien Lauf, er ergeht sich in bezwingender Anteilnahme, er verhilft dem Superhelden der deutschen Sage auf denkbar mitfühlende Weise dazu, sich nicht lächerlich zu machen. Der Kanadier Lance Ryan ist ein waschechter junger Heldentenor, an dessen vokalem Wohllaut man sich nicht satt hören kann.

Dennoch blüht der erste Akt musikdramatisch nicht zur Vollkommenheit auf. Das liegt freilich nicht an Ryan, sondern an seinem vorzüglichen Gegenspieler Peter Bronder als Mime. Dem wächst nämlich, weit über alle Tenorbuffo-Resignation hinaus, ein anderer waschechter Heldentenor im Halse. Notgedrungen kommt es also zu einer von Wagner durchaus nicht vorgesehenen oder gar angestrebten musikästhetischen Kontroverse zwischen dem echten und dem falschen Helden. Am Ende hämmert natürlich Lance Ryan das härteste Schwert. Es wird, wie man im 2. Akt noch sehen wird, Mime, den falschen Helden, inmitten des Märchenwaldes zwangsläufig erschlagen. Aber auch der Wald bleibt vorher schon gründlich auf der Strecke. Der Waldvogel, von Rinnat Moriah verkörpert, hatte nicht nur eine Singrolle, sondern auch kleine Spaziergänge zwischen den Notenlinien zu lernen. Es blieb kein Zweiglein weit und breit für ihn übrig.

Auf ihr inszenatorisch festen Fuß zu fassen, war für den Regisseur Guy Cassiers zweifellos keine Kleinigkeit. Im ersten Akt ließ er die Höhle Mimes allmählich aus der Fußboden-Horizontale in die Vertikale bis zur Bühnendecke hinaufwachsen und verordnete damit seinem Schwert schmiedenden jungen Helden eine zusätzliche risikoreiche Turnstunde. Damit aber noch nicht genug mit der Kletterei. Brünnhilde, von Wotan zwangsweise hingebettet auf ihrem Schlummerfelsen und dort von Siegfried wachgeküsst, wurde von Irène Theorin mit hinreißender Sopranmacht gesungen, die vielleicht nur noch von der Bewältigung ihres Riesenkostüms übertroffen wurde, das Tim van Steenbergen ihr wohl aus den acht Kleidungsstücken ihrer alten Walküren-Kolleginnen zusammengeschnitten hat.

Mit Überraschungen wurde von der Regie sowieso durchaus nicht geknausert, auch wenn sie die Inszenierung nicht gerade erhellten. Fünf Tänzer rankten sich zeitweilig um den Helden und schüttelten dabei Symbole aus dem Ärmel, die ebenso undurchsichtig wie rätselhaft waren. Mit einem Wort: es wurden höchst dekorativ Geheimnisse gepredigt, von denen zweifellos die wenigsten im Saal etwas wissen wollten. Sie wurden von Johannes Martin Kränzle, der mit höchster Energie den Alberich sang, doppelt und dreifach entschädigt. Bei Juha Uusitalo, dem „Wanderer“, der einmal Wotan war, lief es nicht so überzeugend ab. Glücklicherweise hatte er in Anna Larsson eine „Erda“ gefunden, die ihn daran zu erinnern verstand, was er einmal gewesen: der Göttervater, Hoffnungsträger der Menschheit. Und dies annähernd sechs Stunden lang. Die Vorstellung, hatte nachmittags um sechs begonnen. Der reiche Schlussbeifall konnte sich erst ein Viertelstündchen vor Mitternacht entfalten.