Die „Welt"

Ein Künstler übernimmt die Zeitung

Gerhard Richter, teuerster Maler Deutschlands, hat die „Welt“ gestaltet. Protokoll eines Arbeitstages

Im Februar waren die Bilder von Gerhard Richter in der Neuen Nationalgalerie zu sehen. Die Ausstellung der Werke von Deutschlands teuerstem Maler – eines seiner „Kerzen“-Bilder wurde im vergangenen Herbst für rund 17 Millionen Dollar verkauft – wollten über 380.000 Besucher sehen. Nun hat er gestern die heutige Ausgabe der „Welt“ gestaltet. Tim Ackermann war dabei und protokollierte den Arbeitstag von Gerhard Richter im Axel-Springer-Haus.

9:50 Uhr. Zehn Minuten vor der Chefredakteurskonferenz wächst die Aufregung. Der Maler soll schon im Haus sein, hat sich aber noch nicht gezeigt.

10:00 Uhr. Die Konferenz beginnt pünktlich – und Richter ist da. Er betritt den Raum zusammen mit Chefredakteur Jan-Eric Peters, sowie den stellvertretenden Chefredakteuren Thomas Exner, Ulf Poschardt, Andrea Seibel und Cornelius Tittel. Richter trägt einen grauen Anzug, ein blaues Hemd. Er setzt sich entspannt in einen Sessel und sagt freundlich „Guten Morgen“.

10:09 Uhr. Die Redaktion debattiert über die Kanzlerkandidatur von Steinbrück. Richter hört zu und legt die Stirn in Falten.

10.16 Uhr. Die Kulturredaktion kündigt einen großen Artikel über Gerhard Richter auf der ersten Seite des Feuilletons an. Jan-Eric Peters schlägt Richter vor, er könne als „Chefredakteur für einen Tag“ ja den Text gleich selbst redigieren. Der Künstler bricht daraufhin in lautes Lachen aus.

10:27 Uhr. Jetzt wird es ernst: Gerhard Richter überprüft das Layout der Zeitung und überlegt gemeinsam mit Cornelius Tittel, welche Bilder man zu welchem Thema platzieren könnte.

10:33 Uhr. Ein Text über die Kanzlerkandidatur von Peer Steinbrück und ein Foto von Richters Familie beim Karneval? Das geht, sagt Cornelius Tittel: „Heute ist bei uns alles ein bisschen wie Karneval.“

10:41 Uhr. Über ein Foto mit vier jungen tobenden Mädchen verrät der Künstler: „Dieses Bild hat mir einer der Texte von Alexander Kluge erst richtig nahe gebracht.“ Der Schriftsteller schreibt, dass die Summe solch unscheinbarer Momente, wie sie auf Richters Fotos zu sehen sind, eine glückliche Kindheit ergeben.

10:43 Uhr. „Das ist ja unheimlich, dass das so gut funktioniert“, sagt Richter über das Zusammenspiel seiner Bilder mit den Nachrichten des Tages.

11:05 Uhr. Wechsel zur Fotoredaktion. Im Flur steht das kleine Team vor der Wahl: Treppe oder Paternoster? „Wie viele Stockwerke?“, fragt Richter: „Sieben?“ Es ist nur eins. Richter stürmt die Treppe hinauf.

11:24 Uhr. Schwierig gestaltet sich die Bildverteilung auf den Politik-Seiten. Der militärische Schlagabtausch zwischen Syrien und der Türkei ist ein heikles Thema. Ebenso die Tätowierungen der Holocaust-Nachfahren. Favorit für die letztgenannte Geschichte ist das Richter-Bild mit den tobenden Mädchen. Richters Foto ist das passende Symbol für Hoffnung und Menschlichkeit.

11:28 Uhr. Wieder zurück bei den Zeitungslayoutern: Richter bittet darum, ein bereits eingeplantes Bild von ihm auf eine andere Seite zu verschieben. Man sieht darauf eine langweilige Straßenzeile. „Es zeigt die Hässlichkeit Köln“, erklärt Richter. Es ist ein tolles Bild. Die Redaktion ist sich einig: Das machen wir groß!

11:30 Uhr. Gerhard Richter blättert noch einmal durch sein Album mit Fotos. Aufmacherbild für einen Essay zum Thema „Ehe“ soll die Aufnahme einer Frau mit Bauarbeiterhelm auf dem Kopf werden.

11:40 Uhr. Die Bildbearbeitung verpasst einem Richter-Foto die typische Richter-Unschärfe. Die gewählte Aufnahme zeigt einen Tisch, an dem drei Menschen an einer Schaufensterpuppe herumwerkeln. Nach der Bearbeitung wird davon vermutlich nicht mehr sehr viel zu erkennen sein.

12:05 Uhr. Im Büro des Chefredakteurs wird über die unterschiedlichen Arbeitsabläufe gesprochen: „Als Maler ist man im Atelier immer allein“, sagt Richter. „Bei Ihnen gibt es dagegen eine richtige große Gemeinschaft. Das finde ich bemerkenswert.“

12:18 Uhr. Richter überprüft das Layout der Zeitung am Computer. Der Künstler sagt, er mache sich fast Sorgen, weil alles so glatt laufe. Dann verschwindet er in seine wohlverdiente Mittagspause.

13.50 Uhr. Beim Mittagessen mit Mathias Döpfner, dem Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, hat auch Alexander Kluge teilgenommen. Der Schriftsteller und Filmemacher kündigt an, Richter später in der Redaktion filmen zu wollen. Richter willigt ein.

13:45 Uhr. Gerhard Richter kehrt aus der Mittagspause in die Redaktion zurück.

14:27 Uhr. Der Künstler wird von der Deutschen Presseagentur interviewt. Eine der Fragen: Was dem Künstler selbst das wichtigste Foto sei. „Vielleicht wirklich das Bild auf dem Titel“, antwortet Richter. Es zeigt seine Frau im Bademantel mit dem Sohn auf dem Schoß, sie schaut in den Spiegel. Eine Szene, die den Künstler an das Gemälde „Das Türkische Bad“ von Jean Auguste Dominique Ingres erinnert. Aufgenommen hat er sie im Hotel „Waldhaus“ in Sils-Maria.

15.21 Uhr. Wieder einen Abstecher in die Bildbearbeitung, wo gerade das große Foto für die Seite Eins auf dem Computer zu sehen ist - die Aufnahme von Richters Frau und Sohn im Hotel „Waldhaus“. „Durch die „Welt“ des Gerhard Richter gerät unsere tägliche Arbeit in einen ganz anderen Zusammenhang“, erzählt Thomas Uecker, Mitarbeiter in der Bildbearbeitung.

16.43 Uhr. Der Künstler prüft erstmals das fertige Layout der Seiten. „Gefällt Ihnen die Zeitung?“, fragt Ulf Poschardt. „Sehr“, antwortet der Künstler und betrachtet das Foto eines blühenden Busches unter dem ein Artikel über den 50. Geburtstag des Beatles-Hits „Love me do“ abgedruckt ist.

16.48 Uhr. Aha! Der Textchef ist der erste, der sich traut: Er hält dem Künstler einen Katalog zum Signieren hin und bekommt so dass, wovon alle insgeheim träumen.

17.40 Uhr. Gerhard Richter hält zum ersten Mal einen Ausdruck „seiner“ Zeitung in der Hand. „Ich staune, wie ernsthaft nun wirkt, was vorher nur Spaß war", sagt der Künstler. „Das ist ein schönes Spiel.“ Das Verhältnis von Bild und Text in Zeitungen und Büchern habe ihn immer schon interessiert.

17.45 Uhr. Die Redaktion versammelt sich zur abschließenden Prüfung der Seiten im Konferenzraum. „Herr Richter, Sie müssen jetzt noch ein letztes Mal arbeiten“, sagt nun Chefredakteur Jan-Eric Peters. Richter blickt über die Seiten – und ist zufrieden. Man staunt gemeinsam, wie mühelos sich Bild und Text in manchen Fällen ergänzen. Unter Richters Foto einer Schaufensterpuppe auf einem Seziertisch hat die Sportredaktion „Schalke hat Schmerzen“ getitelt. „Die Sportler entdecken hier richtig ihr Feuilletonistenherz“, sagt Ulf Poschardt.

18.10 Uhr. Es ist vollbracht: Die „Welt“ des Gerhard Richter geht in den Druck! „Danke, war schön mit Ihnen“, sagt Gerhard Richter in den aufbrandenden Applaus.