Biografie

Die vielen Leben der Gräfin Elisa

Günter de Bruyn recherchierte die Biografie einer preußischen Dame

Günter de Bruyn ist ein Jahr älter als Günter Grass, aber nicht daher kommt seine größere Weisheit, sondern weil er eben nie in tanzzwerghafter Selbstgefälligkeit daherkam, sondern seit je ein bedachtsam-umsichtiger Beobachter war. Zwei Extreme dessen, was uns immer wieder an Schriftstellern begegnet: Hier gehetzte Beischläfer reflexhafter Einfälle, dort skrupulöse Liebhaber der wirklichen Komplikationen. Und so las sich denn, was Günter de Bruyn bisher schrieb, in Sprache wie Material stets höchst klar durchdacht.

Auch diesmal wieder. Allerdings muss selbst für einen eingefleischten Kenner Preußens die Gräfin Elisa eine ganz besondere Herausforderung gewesen sein. Das wechselhafte Leben der 1782 geborenen Dänin Elisabeth von Ahlefeldt-Laurvig gäbe mehr als hinreichend Stoff für einen Roman: Die gebildete und eigenständige Takt- wie Temperamentvolle soll als 17-Jährige vom späteren König Christian unehelich eine Tochter bekommen haben, ja, noch märchenhafter, ein Jahr zuvor bereits einen Knaben, der uns als Hans Christian Andersen bekannt wurde. Mit verbriefter Sicherheit hat sie 1810 den preußischen Patrioten Adolph von Lützow, der zwar eine Sturmleiter im Wappen trug, aber sie lange belagern musste, geheiratet. Dem Freikorps des Helden der Befreiungskriege hat sie als Anwerberin und Quartiermacherin gedient und die „wilde, verwegene Jagd“ begleitet. Dabei entflammte sie für den feinsinnigen Leutnant Friedrich Friesen, platonisch schon deshalb, weil der alsbald fiel. Auf die Poesie des Kriegs folgten prosaische Zeiten, in denen sie Lützow ins enge Münster folgte. Weil der Gatte poetischen Feinsinn zwar gerne duldete, aber nicht besaß, rückte mit Karl Immermann ein Dichterjüngling ins Bild, bis der zum Geliebten der acht Jahre Älteren wurde, woraus – abgekürzt – die Scheidung folgte. Wahrlich romanesk genug!

Und doch hat sich de Bruyn für eine nüchterne Darstellung nach Aktenlage entschieden. Das ist um so tapferer, als die Akten eben nicht liegen. Denn erhoffte sich ein Nachruf auf die 1855 Verstorbene von deren schriftlichem Nachlass die Lösung der „Räthsel“ aus dem „bewegten Leben der interessanten Frau“, wurde solche Hoffnung enttäuscht – außer Testament und Beerdigungsanweisung fand sich nichts. Selbst ihr Grab gibt es nicht mehr. Wer über Elisa schreiben will, ist auf eine Biografie von 1857 und auf die Zeugnisse anderer angewiesen. So kontrastiert hier nun der gewohnt wohltuenden Lakonie von de Bruyns Sprache eine anekdotisch, biografisch und in den historischen Umständen mäandrierende und umschweifende Darstellung. Und in der rücken zunächst die einschlägigen Herren, von denen weit mehr überliefert ist, immer wieder vor das Bild der Gräfin, bis das Buch in einer Kette von Miniaturen von Frauen endet, mit denen sie zu tun hatte.

So bleibt Gräfin Elisa ein beeindruckendes Faszinosum, aber hier letztlich nur der rote Faden einer beeindruckenden Geschichte preußischer Geistigkeit. Und nach schlanken 190 Seiten bleibt die Bewunderung für de Bruyns Kunst, den intellektuellen Reichtum dieses preußischen Erbes für den Leser so solide zu verzinsen, wie es Europa derzeit nicht kann.

Günter de Bruyn Gräfin Elisa. S. Fischer, Frankfurt/M. 191 S., 16,99 Euro