Roman

Der Außenseiter

Ernst Augustin schreibt seit Jahrzehnten - und ist trotzdem kaum bekannt. Nun ist sein Roman für den Buchpreis nominiert

Oktober 2006, ein mahagonigetäfeltes Arbeitszimmer im britischen Kolonialstil. „Ich bin ja ein Mensch, der sich in Räumen bewegt“, sagt Ernst Augustin. „Ich baue mir auch meine eigenen Räume, die eben Fantasieräume sind. Aber ich liebe es, wenn sie wirklich da sind, wenn ich wirklich hineingehen kann.“ In seinem bislang gut zehnbändigen Romanwerk, vor allem aber in seinem eigenen Münchner Refugium, hat er dieses Ideal auf fantastische Weise verwirklicht. Der weitgereiste Romancier, Psychiater, Gerichtsgutachter und nicht zuletzt passionierte Hobby-Schreiner richtete jedes Zimmer seines äußerlich unauffälligen, kleinen Hauses in einem eigenen Stil ein. Handwerker, sagt er, hätten bei ihm keinen Zutritt, die würden nur alles zerstören.

Ernst Augustin wurde 1927 im schlesischen Hirschberg als Sohn eines Oberstudiendirektors geboren und wuchs in Mecklenburg auf. Im kriegszerstörten Rostock begann er ein Medizinstudium, das er an der Ost-Berliner Charité fortsetzte. Er promovierte über „Das elementare Zeichnen bei den Schizophrenen“. Aus der DDR zog es ihn 1958 über die Bundesrepublik nach Afghanistan, wo er ein amerikanisches Krankenhaus leitete. Von dort kommend, nahm „Augustin“ das beinahe „indische“ Münchner Leuchten, das „Freigelände im Föhneinfluss“, 1961 zum ersten Mal wahr – und blieb.

Die Liebe des Weltreisenden Ernst Augustin zu seiner bayerischen Wahlheimat ist eine zutiefst preußische: „München leuchtet bei mir auch etwas, aber anders, ein bisschen schief. Ein Bayer könnte das gar nicht beschreiben, der sieht das ja nicht", meint er über die Vorzüge der Stadt „mit unterschwelligem Biergeruch“. Und über Mundarten merkt er in schlesischer Melodie mit mecklenburgischen Einsprengseln an: „Der wirkliche Berliner kam damals aus Schlesien, wobei man sehr schnell den Dialekt lernte. Das Berlinische ist ja kein Dialekt, sondern ein Slang. Während niemand Bayerisch lernen kann, man kann es nur imitieren. Da traue ich mich nicht ran. Es ist wie Französisch: Entweder man spricht es ganz oder gar nicht.“

Ein Dichter-Arzt

Längst hätte dieser literarische Solitär, der wie Büchner, Benn oder Döblin in der großen deutschen Tradition der Dichter-Ärzte steht, den Georg-Büchner-Preis verdient. Die Medizin gebe für das Existenzdrama generell sehr viel her, ist Ernst Augustin überzeugt: „Es ist eben Blut und Fleisch.“ Doch für seine Fachdisziplin sieht er eine Einschränkung: „In der Psychiatrie gibt es fast keine Heilungserfolge, nur die Diagnose und die darauffolgende medikamentöse Zwangsjacke. Das ist mir zu unbefriedigend.“ Aus diesem Unbehagen heraus entstand ein vor allem von der Kritik hochgeschätztes erzählerisches Werk. Gleichwohl ist der weißhaarige Hüne ein Außenseiter des Literaturbetriebs geblieben.

Alles fließt, alles wird leicht im Werk Ernst Augustins, des großen Stilisten der Farben, der Elemente und Temperamente. Umso tragischer, dass dieser ausgesprochene Augenkünstler immer schlechter sieht. Notgedrungen zieht sich Augustin zunehmend von der Außen- in die Innenwelt zurück, genau der Ich-Erzähler in seinem neuen Roman „Robinsons blaues Haus“. In der Traumpsychologie steht das Haus für das eigene Ich. Im vorgeblichen Lebensbericht des Ich-Erzählers mit dem Chat-Pseudonym „Robinsonsuchtfreitag“ läuft, wächst, schwimmt, mäandert alles auf den Bau des „allerletzten Hauses“ hinaus: „Der Sinn des Lebens, erklärte ich einst meinem Freund, besteht aus nichts anderem als dem fortgesetzten Bemühen, sich wohnlich einzurichten."

Fiktiv ist dieser Freund, an den sich die Depeschen richten. Der Ich-Erzähler schickt sie aus „Bodos Internet-Café“ im mecklenburgischen Grevesmühlen ab – eine Hommage an einen heimatlichen Landstrich. Freitag, der dienstbare eingeborene Geist aus Daniel Defoes prototypischem Abenteuerroman „Robinson Crusoe“ von 1719, wird hier zur Sehnsuchtsgestalt mit wechselnder geschlechtlicher Identität. Eigentlich habe er nie Robinson sein wollen, bekennt Augustins umtriebiger und zugleich so häuslicher Held, „nicht der bärtige Mann mit dem hässlichen Borkenhut und den plumpen Fellschuhen, wie er in meinem Robinson-Buch abgebildet war. Viel lieber wäre ich der glatthäutige Freitag gewesen, der auf Seite dreißig glatt und braunglänzend die Palme erklimmt.“

„Robinsons blaues Haus“ ist auch eine groß angelegte Vater-Sohn-Geschichte und ein höchst aktueller Abenteuerroman aus dem Reich der Klein-, Mittel- und Hochfinanz. Diese beiden Stränge kulminieren im Steuerparadies Luxemburg, das Augustin höchst unheimlich zu zeichnen weiß: Der Vater predigte seinem Sohn lebenslang Redlichkeit und war doch selbst in undurchsichtige Geschäfte verstrickt, zu denen allerlei Geldkoffer und tote Briefkästen gehörten. Als sein ultimativer Finanzdeal platzt, findet ihn der Sohn tot im Arbeitszimmer auf. Das Geld stellt ein immerwährendes, fast schon erotisch besetztes Thema bei diesem Schriftsteller dar. 1996 veröffentlichte er „Gutes Geld“. Zu diesem wie so viele seiner Bücher im Dreischritt angelegten Künstlerroman hatte ihn die Lebensgeschichte eines Geldfälschers angeregt, dessen Fall er vor Gericht begutachtet hatte.

Der Robinson zu Grevesmühlen erklärt: „Am Gang erkennt man den Menschen, selbst von hinten, besonders von hinten. Ich will mich nicht brüsten, aber ich bin schon einmal - als es zählte - in der Lage gewesen, einen äußerst kurzbeinigen Japaner hinzukriegen, in Panik mit gebeugten Knien nach allen Seiten zugleich laufend. Eine Frage der Ästhetik.“

Mit der mecklenburgischen Südsee-Phantasie „Robinsons blaues Haus“ erweist er sich trotz mancher verwirrender Winkelzüge erneut als der große Baumeister der deutschen Gegenwartsliteratur, als Architekt der „Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“, wie es im Anklang an das Debüt "Der Kopf" heißt. Der Mensch ist und bleibt alleine, so Augustins herbstlicher Tenor ein halbes Jahrhundert später, deshalb sollte er sich möglichst wohnlich in seinem Inneren einrichten.

Ernst Augustin Robinsons blaues Haus, C.H. Beck, 319 Seiten, 19,95 Euro