Fernsehen

Meint der Mann das echt ernst?

Der neue Kurt Krömer: Von heute an lädt Tomas Tulpe im RBB auf sein „Sofa in Berlin“

Direkt am Ostkreuz, weiß der leidenschaftliche Kurzhosenträger und Wurst-Liebhaber Tomas Tulpe zu berichten, soll es die beste Ketwurst Berlins geben. Ein kleiner, unscheinbarer Stand, wie es so viele gibt, um den Hunger der Reisenden zu stillen, bietet hier am Ausgang Sonntagstraße seine Waren an. Frische Blut- oder Leberwurst, dicke Knacker, den berühmten Knüppel und eben die Delikatesse aus der DDR. Tomas Tulpe kennt sich aus. Er nennt sich selbst elektronische Bühnenwurst und stammt aus Haldensleben nordwestlich von Magdeburg. Er behauptet, 23 zu sein, ist aber wohl irgendwas zwischen 30 und 40. Ab heute hat der Entertainer und Musiker zusammen mit der Radiomoderatorin Babette Conrady seine erste eigene Sendung „Ein Sofa in Berlin“ im RBB. Welch bessere Gelegenheit als das gemeinsame Essen einer Ketwurst gibt es also, um mit ihm über seine Karriere zu sprechen?

Dabei fällt es zunächst schwer zu sprechen. Weil es schwer fällt zu glauben, dass Tulpe nicht schauspielert, sondern wirklich mit einem redet. Und weil dieser Name einfach zu gut ist, um wahr zu sein. Tulpe ist von einer charmant schlichten Heiterkeit durchzogen, wie man sie von Helge Schneider oder auch Kurt Krömer kennt. Aber kann das echt sein? Er formt ehrliche, kurze Sätze, die dann von einem in Feuerstößen kommenden Lachen miniaturmaschinenpistolenhaft aus ihm herausschießen. „Einen juten Teppeich erkennt man daran, dass er jut ist. Hehehe. Hehehe. Hehehe“. Wie viele, die es mit einem anderen Weg als Schule, Ausbildung, Beruf, Rente versuchen, hat auch er alles gemacht. Teppichverkäufer, daher auch die Expertise, einen guten Teppich zu erkennen, Kaffeeröster, Kartenabreißer in einem Club, Tulpe hat auch mal studiert in Magdeburg. Was, will er nicht sagen.

Von Frank Zanders Sohn entdeckt

Einzig und allein die Musik zieht sich durch sein Leben. Das ist eine lustige Musik. Schon immer auf Deutsch, elektronisch, früher noch mit Band und seit 2007 allein. Im April dieses Jahres erschien sein Debütalbum „Hatschi!“ auf Zett Records, dem Plattenlabel vom Berliner Raubein Frank Zander und seinem Sohn Marcus.

Die Songs darauf heißen „Disco“, „Hände waschen nicht vergessen“, „Klostein statt Seife“ oder „Autsch! Autsch! Aua!“. Die Stücke sind teilweise älter als zehn Jahre. „Disco“ zum Beispiel gibt es schon seit 1998. Damals benutzt es Tulpe mit seiner alten Band als Einlaufmarsch, wenn sie die Bühne betreten. Erst Marcus Zander erkennt das Talent des Sängers und will eine Platte mit ihm produzieren. Das ist 2009. Zwei Jahre später singt der Vater Frank auch mit. Der Frank Zander, der den Turtles-Soundtrack singt, der mit „Hier kommt Kurt“, der mit k wie kernig und Kanone. Der gibt also nun den zeternden Alten im Lied „Da sitzen sie die Rentner auf dem Balkon und trinken Kaffee“.

Tulpe reitet auf der alten Neuen Deutschen Welle. Trio oder die Dadaisten von Palais Schaumburg hat er sicher viel gehört. Die Synthesizer sind großartig dilettantisch. Die Stimme schief, manchmal nuschelt sie. Etwas Hall drauf und der Disko-Mob wird tanzen. Aber eigentlich sei er der größte Elvis-Fan. Deswegen die Tolle, die Brille und dieser Hüftschwung.

Wie könnte es anders sein, wählt Tomas Tulpe die große Ketwurst. Die Ketwurst war die Antwort der DDR auf den Hotdog und sie war etwas Berlin-Exklusives. In Magdeburg, in Haldensleben, kennt man sie damals nicht. Tulpe lernt sie erst 2007 kennen und lieben. Die freundliche Verkäuferin erklärt den Unterschied zur ordinären Bockwurst und zum Hotdog. Die Ketwurst wird über Buchenholz geräuchert, kein Darm dran, dafür ungarische Gewürze drin. Das längliche Brötchen muss von einem Ostberliner Bäcker stammen, wird auf einen großen, langen Dorn gespießt, der den Teig von innen anröstet. So entsteht eine fabelhafte Hülle. Die wird dann mit Ketchup gefüllt, die Wurst wird reingeschoben – deswegen Ketwurst.

Tomas Tulpe zeigt jetzt, wie man die Wurst richtig isst. Den Mund weit öffnen, sehr weit. Dann die aus dem Brötchen herausragende Wurstspitze fokussieren. Wichtig sei, in einem Haps Brot und Wurst zu erreichen. Abbeißen. Die feine rote Sauce darf ruhig über die Lippen laufen. Ketwurst-Sommeliers, Tulpe versteht sich als solcher, lassen die Sauce sogar einige Sekunden auf der Zunge verweilen, um den vollen Geschmack zu erkunden.

Ach ja, die Fernsehsendung. „Da ist eigentlich alles drin, was Du aus dem Fernsehen kennst. Reality, Spielfilm, Doku“, darauf folgt wieder das Tulpe-Lachen. Fehlt nur nur noch, dass Tine Wittler mit dabei ist. Als Gastgeber der Sendung wurde er von seiner Kollegin Babette Conrady entdeckt. Er war bei Radio Fritz, um seine Musik vorzustellen. Moderatorin Conrady meinte, sie schreibe da gerade an einem Sendungskonzept und irgendwann rief sie an und sage, jetzt geht’s los.

„Ein Sofa in Berlin“ zeigt junge Menschen, die nach Berlin wollen. Lucia Moser aus Regensburg zum Beispiel. Die sagt von sich, sie wolle was mit Medien machen. Also geht Tomas mit ihr erst einmal Zeitungen austragen. Und da sind wir bei Helge Schneider. Es gibt diese Szene in „Jazzclub – der frühe Vogel fängt den Wurm“, Helge muss Zeitungen austragen, es regnet und alles geht schief. Die Zeitungen werden zum großen nassen Haufen. Auch Tomas muss an Schneider denken. „Das ist ja nur noch ein nasser Klumpatz“, zitiert er den Film. Jedenfalls müssen die Kandidaten Aufgaben erfüllen. Und am Ende entscheidet Conradys Großmutter „Oma Zumpe“, ob die Gäste „cool genug“ seien für Berlin und ob sie bleiben dürfen. Dazwischen treffen sie einige Prominente, Jeanette Biedermann, Rummelsnuff, den Koch Tim Raue und so weiter.

Ein Typ wie Helge Schneider

Für Rummelsnuff hat Tulpe sogar zwei Videos gemacht. Es war der Zufall, wie mit der Sendung. Die Bühnenwurst Tulpe wollte den Muskelklops Rummelsnuff eigentlich als Bodybuilder für eines seiner Videos haben, die er selber dreht. Am Ende machte Tulpe zwei Videos für Rummelsnuff und das, obwohl er das nie gelernt hat. In allem was Tulpe tut, ist er Autodidakt, Art Brut, ein Berliner Anti-Dandy in kurzen Hosen und Hornbrille, der vorgibt alles zu können, und es am Ende wirklich irgendwie hinkriegt.

Wie er wohl von Magdeburg nach Berlin gekommen ist? „Mit dem Auto über die A2, da braucht man zwei Stunden.“ Die Antwort ist zweifelsohne wahr und ehrlich gemeint, und doch befriedigt sie den Fragesteller nicht. Lässt sie ihn doch zurück mit leichtem Glucksen, aber geringer Erkenntnis. Wieder so ein typischer Helge-Schneider-Trick, alles wörtlich und ohne doppelten Boden nehmen.

Aber man weiß dann doch, Tulpe ist keine Kopie, er ist ein Original. Genauso wie die Ketwurst, unverkennbar eigenartig. Er kann auch nicht anders. Muss sich auf die Bühne stellen und von Phimosen, wie in „Autsch! Autsch! Aua!“ singen. Den Text hat er übrigens aus der „Bravo“. „Meine Vorhaut passt nicht über meine Eichel“, war damals die Überschrift eines Artikels zum Thema Vorhautverengung. Und immer, wenn ihm Leute sagen, dass kannst du doch nicht singen, entgegnet er: „Das lesen 14-jährige einmal wöchentlich.“ Und das ist auch wieder wahr.

Für sein Leben hat er zwei Ziele, einmal in die „Bravo“ und einmal in den „Metal Hammer“, eine Heavy-Metal-Zeitung. Ins Fernsehen hat er's ja schon geschafft. Dann schafft er den Rest auch noch.

Ein Sofa für Berlin Von heute an immer donnerstags, RBB, 22.45 Uhr.