Theater

Erniedrigungen im Kulturbetrieb

Uraufführung in den Kammerspielen: „Ihre Version des Spiels“ wird zum Triumph für Corinna Harfouch und Yasmina Reza

Wir sind in einer Mehrzweckhalle in der französischen Provinz. Eigentlich aber in Berlin, in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Zu einer Dichterlesung. Auch die Dichterin der Dichterin ist anwesend, sitzt mit uns gerade mal 120 Zuschauern auf der Bühne und begutachtet die Uraufführung ihres Stücks „Ihre Version des Spiels“. Warum lässt Yasmina Reza, erfolgreichste Dramatikerin der Gegenwart, ihre Werke mit Vorliebe in deutscher Sprache aus der Taufe heben – sei’s „Drei Mal Leben“ am Wiener Burgtheater, sei’s „Der Gott des Gemetzels“ am Zürcher Schauspielhaus? Sie weiß eben, was sie will: beste Regie und erstklassige Darsteller. Dafür bürgten einst Luc Bondy und Jürgen Gosch. Dafür bürgt von nun an auch Stephan Kimmig.

Was in der Theorie mühsam erscheint, entwickelt in der Praxis ungeheure Sogkraft. Das Mühselige liegt in der für die Autorin charakteristischen Verschachtelung der Konstruktion. Wir sind nicht nur Publikum, wir haben es auch zu spielen. Freilich wird von uns für die nächsten 105 Minuten Zumutbares verlangt: Aufmerksamkeit, weiter nichts. Katja Haß hat bloß, wie im Text vorgesehen, drei Tischchen samt Stühlen und Stehpult hingestellt. In der Mitte wird die Hauptperson Platz nehmen: die Schriftstellerin Nathalie Oppenheim, deren neuer Roman „Im Land des Überdrusses“ einen wichtigen Preis eingeheimst hat. Zur Linken ist die Journalistin Rosanna Ertel-Keval positioniert, zur Rechten der Moderator des Abends, der Bibliothekar Roland Boulanger, der mit literarischen Veranstaltungen etwas Glanz in sein Städtchen bringt.

Die Ertel-Keval hat sich gründlich vorbereitet. Katrin Wichmanns Domina-Stiefel sollen zeigen, wer die Herrin der Mehrzweckhalle, wer hier der Star ist. Die Oppenheim ist ihr Opfer, ihr Spielmaterial. Im Grunde hasst Nathalie öffentliche Auftritte, das heute fast unverzichtbare Ritual, sich anfassen zu lassen. Corinna Harfouch ist schlicht und einfach überwältigend. Allein ihre Verlegenheit, ihre Fahrigkeit, die unzähligen winzigen Gesten des Unbehagens vom Fußscharren aufwärts faszinieren. Im Grunde kam sie hierher, weil ihr der Literaturenthusiast Boulanger einen netten Einladungsbrief geschickt hat. Und in der Tat: Alexander Khuon wirkt sehr sympathisch, eine buchstäblich rührende Gestalt. Er strahlt schüchterne Beflissenheit aus, schnellstmöglich spult er seine auswendig gelernten Floskeln herunter. Kein Wunder, dass er sich dabei verhaspelt, aus „fruchtlos“ „furchtbar“ wird. Solch Fehlleistung stammt nicht von Yasmina Reza, sie war ein Regie-Einfall. An der vermeintlichen Petitesse offenbart sich die Präzisionsarbeit einer Inszenierung, die noch dem Schweigen Raum gibt. Was sie hinzu erfindet, ist erhellend und lenkt nie vom Szenario ab. Dasselbe gilt für die Idee, auf eine Videoleinwand die lesende Nathalie in Großaufnahme zu projizieren, in dem sich Qual und Abwehr spiegeln. Es befriedigt und beschämt unsere voyeuristischen Bedürfnisse zugleich. Mit Sigmund Freuds Verlaub gesagt, werden wir Zeugen der „allgemeinsten Erniedrigung“ nicht „des Liebeslebens“, sondern im Kulturleben.

Mit Zähnen und Klauen verteidigt Harfouchs Nathalie die Autonomie des Kunstwerks und damit die eigene. Nervosität kippt in aggressive Genervtheit, zumal sich ihre Nachbarin in sie gleichsam verbissen hat. Ein bewährter Trick der Reza: Verbale Mückenstiche verwandeln Menschen in wutschnaubende Elefanten, die alles niedertrampeln. Die Zivilisationsschminke der Kulturbürger zerbröckelt, dahinter blitzt die Fratze der Gewalt hervor, unser vergeblich verleugnetes atavistisches Erbe. Rezas gemischtes Trio entpuppt sich als Kampfspiel in der Arena, Mord und Totschlag sind stets in greifbarer Nähe. Aber, und das bedingt Yasmina Rezas Größe: Auf diesem Schlachtfeld blühen auch zartere Regungen. Es ist die erotische Anziehung zwischen Nathalie und Roland, die im abschließenden furiosen Besäufnis explodiert.

Rezas Tragikomödien erinnern an die Peer Gyntsche Zwiebel: Wer zum Kern vordringen möchte, der stößt auf verstörende Leere – der Genuss und die Kunstleistung stecken im bitter-süß-scharfen Aroma der Schalen. Beides ist exquisit.

DT-Kammerspiele Schumannstr. 13a, Mitte. Tel.: 28 44 10. Alle Termine im Oktober sind bereits ausverkauft.