Theater

Komische Oper verlegt „Lulu“ in die USA

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Manuel Brug

Sie ist in Würde alt geworden, die gute Lulu.

Mindestens 114 zählt sie, wenn man ihr erstes Erscheinen als Frank Wedekinds „Erdgeist“ zugrunde legt, 75 seit der Uraufführung von Alban Bergs Oper. Lulu ist eine der wenigen mythischen Figuren der Moderne, die freilich Feministinnen nach wie vor Zornesfalten auf die Stirn schreibt, eine schöne Unvollendete zudem, an der in letzter Zeit einige männliche Bearbeiterhände herumgespielt haben. Jetzt aber wurde Lulu, die so schuldig-unschuldige wie urdeutsche Ziellampe von Männermotten, als Schwarze in die von Rassenunruhen geschüttelten USA der 50er- und 70er-Jahre verlegt. Vollzogen hat diese Aktualisierung als „American Lulu“ Olga Neuwirth, die zu einer der profiliertesten Komponistinnen zählt.

Der Theateralltag sieht allerdings anders aus. Es wirft schon ein ungünstiges Licht auf Olga Neuwirth (inzwischen auch auf die Komische Oper), dass sie konsequent unterschlägt, dass die Initiative ihrer „American Lulu“ von dem afro-kanadischen Videokünstler Stan Gordon stammt und als Teamwork für die Berliner MärzMusik 2008 vorgesehen war. Die Komponistin, die sich mit Gordon zerstritt, und das Theater tun freilich so, als wäre das Werk einzig von ihnen eingetütet worden. Das wäre nur ein weiterer Absatz im alten Streit um geistiges Eigentum und Urheberrecht. Olga Neuwirth freilich, die sich früher schon gern für ihre Musiktheaterwerke bei Filmen oder Theaterstücken edient hat und sich immer wieder nicht ohne Kalkül auf das Skandal- wie Krawallpotenzial ihrer Schreibpartnerin Elfriede Jelinek verlässt, geht mit der längst rechtefreien Wedekind/Berg-Vorlage denkbar zahm, ja zahnlos um.

Sie verzichtet auf den Zirkusprolog und den dritten Akt mit dem Mord durch Jack the Ripper. Die zwei ersten Akte, wo Lulu aus dem Nichts die Frau diverser, bald toter Männer und Mörderin ihres Gatten Doktor Schön wird, mit dessen Sohn Alwa anbändelt und sich die lesbische Gräfin Geschwitz als Gehilfin hält, hat Neuwi von zwei Stunden Spielzeit auf etwas mehr als die Hälfte verknappt. Da wird in holzigem Englisch Handlung abgearbeitet, für Emotion und Atmosphäre ist kaum Zeit. Aus dem New York der Seventies geht es zurück ins New Orleans der Fifties;. Die brave Inszenierung mit ihrem ewigen Schwarz-Weiß-Grau Look bleibt genauso nichtssagend wie Neuwirths neukomponierte Partitur.

Da mühen sich unter Johannes Kalitzkes wohlmeinend präziser Leitung vier Saxophone, E-Gitarre, E-Klavier, Schlagzeug und wenige Streicher um gepflegt aufgerauten Jazzsound, doch schon aus dem Anfangscluster schälen sich nur Versatzstücke und tönende Allgemeinplätzen zwischen Freejazz und Mitsumm-Avantgarde. Spezifischer Neuwirth-Ton mag sich so nicht einstellen. Es hört sich doch alles bis auf ein paar Berg-Zitate irgendwie gleich an; auch wenn optisch bei den Seventies auf die damaligen Blaxploitation-Filme angespielt wird.

Deren Primadonna hieß Pam Greer, und die jetzt von der Geschwitz zur Barsängerin gewordene Eleonor trägt ebenfalls deren Afrolook. Die wunderbar den Blues habende Della Miles wird als Elanor-Interpretin allerdings von ihrer für Frauenrechte kämpfenden Komponistin genauso stiefmütterlich behandelt wie einst die Geschwitz von Alban Berg. Die Chance auf eine feministische Lulu-Neudeutung wurde so verpasst. Sogar die Segregation-Kämpfe der Schwarzen sind hier lediglich mit eingesprochenen Martin-Luther-King-Sentenzen überbrückte Umbaupausen. Sicher, Marisol Montalvo ist eine höhengleisende Lulu im Ganzkörpereinsatz, Claudio Otelli bellt eindrücklich als aasiger Schön/Dr. Bloom. Trotzdem bleibt das ein Abend mit Neuwirth, aber ohne Neuwert.

Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel.: 47 99 74 00. Nächste Termine:6., 10. Oktober, 6., 17. November