Salman Rushdie

„Es gibt kein Grundrecht darauf, beleidigt zu sein“

| Lesedauer: 5 Minuten
Matthias Wulff

Salman Rushdie stellt in Berlin seine Autobiografie vor

Für Politik habe er sich schon immer interessiert, sagt Salman Rushdie, aber in den zurückliegenden Jahre hätte er doch einige ganz besondere Einblicke in die Realpolitik gewonnen. Der Schriftsteller erzählt es mit einem sardonischen Lächeln, das verrät, dass er auf diese Erfahrung (wie auf vieles in den vergangenen gut zwei Dekaden) gern verzichtet hätte. Es geschah einige Jahre nach der Fatwa – dem Mordaufruf, der 1989 vom damaligen Staatsoberhaupt Irans, Ayatollah Khomeini verkündet wurde –, als er sich mit dem früheren Außenminister Klaus Kinkel traf. Ohne viel Federlesen erklärte der FDP-Mann: „Wir ändern doch nicht unsere Außenpolitik wegen eines Mannes.“ Der Kurs der Deutschen war klar: Menschenrechte sind gut und schön, aber der Iran ist nun einmal ein sehr wichtiger Handelspartner.

Salman Rushdie ist nach Berlin gekommen, um in der Bertelsmann-Repräsentanz seine Autobiografie „Joseph Anton“ vorzustellen. Joseph Anton – das war sein Deckname, als er sich vor den Fanatikern versteckte; er ist zusammengesetzt aus den Vornamen seiner liebsten Schriftsteller, Joseph Conrad und Anton Cechov. Salman Rushdie strebt in seiner Autobiografie, die in der dritten Person erzählt ist, eine Art Richtigstellung in eigener Sache an; er ist weder die Ikone, der Freiheitskämpfer, zu dem ihn die eine Seite machen möchte, noch ist er der Dämon, der er für die andere Seite ist: „Es gibt Sachen, die ich besser nicht gemacht hätte, es gibt Dinge, die ich falsch entschieden habe, und es gibt Entscheidungen, die ich zu spät gefällt habe.“ Nun, wer kann das nicht von seinem Leben sagen, doch genau das ist es, worauf Rushdie hinaus will: Hey, ich bin doch genauso wie ihr. Mit vier Ehen, einigen Affären und jede Menge Tratsch aus der Schriftstellerszene legt Rushdie in seiner Autobiografie jedenfalls ein überzeugendes Zeugnis seiner Normalität ab.

1988 hatte er die „Satanischen Verse“ geschrieben, es war sein vierter Roman, eine märchenhafte, üppige und streng konzipierte Geschichte – im Grunde ein klassischer Rushdie. Wie in einem Wahn, fühlten sich immer mehr Muslime (unabhängig davon, ob sie es gelesen haben oder nicht) durch dieses Buch beleidigt, weil die literarische Figur des Propheten Mohammed ein bisschen auf die Schippe genommen wurde, ausgestattet mit einigen ziemlich durchschnittlichen menschlichen Schwächen wie Eitelkeit und Machthunger. Dieses Buch sei das Buch, was am wenigsten politisch gewesen sei, schreibt er in „Joseph Anton“, und man spürt immer noch diese Mischung aus Empörung und Erstaunen, dass ausgerechnet über ihn – den ironisch geschulten, kosmopolitischen Bürger Rushdie – so etwas Mitteralterlich-Verstaubtes wie ein Todesurteil wegen Gotteslästerung verhängt wurde.

Salman Rushdie erinnert, dass es in den Jahren nach 1989 noch lange keine ausgemachte Sache war, ob die Fatwa gegen ihn nicht vielleicht doch ein isoliertes Ereignis sei, ob es nicht nur jemanden getroffen habe, der die Klappe ein wenig zu weit aufgemacht hatte und dessen Probleme mit den Muslimen nicht automatisch die des Westens sind. Erst die Anschläge auf das World Trade Center 2001 haben die Dimension des Konflikts offensichtlich gemacht. Es sei wie in dem Hitchcock-Film „Die Vögel“, findet Rushdie ein schönes Bild, in dem die erste Attacke der Möwe am Pier noch erscheint wie ein einzelnes, vernachlässigbares Ereignis; nur im Rückblick lässt sich erkennen, dass sie erst der Anfang eines gewaltigen Angriffs war.

Keine „reale Bedrohung mehr“

Noch eins rückt Rushdie zurecht, passend zu den Tagen der Empörung über das recht dämliche Mohammed-Video: „Es gibt kein Grundrecht darauf, beleidigt zu sein. Es gibt immer Sachen, die einem nicht passen.“ Wenn er durch einen Buchladen geht, erzählt Rushdie, sieht er jede Menge Werke, durch die er sich beleidigt fühlt: „Trotzdem gehe ich nicht rein und brenne den Buchshop nieder.“

Seit zehn Jahren lebt Rushdie nicht mehr in einem Versteck, mit einer falschen Identität, es gebe keine „reale Bedrohung“ mehr, sagt er, und man möchte ihm das glauben. Ob denn der Iran in all den Jahren versucht habe, Kontakt aufzunehmen, fragt ein Journalist, um mit ihm zu kommunizieren. Der Iran wolle nicht mit ihm kommunizieren, sagt Rushdie und grinst wieder sein Grinsen, der Iran wolle ihn umbringen. Das wäre die Art, wie der Iran mit ihm kommunizieren wolle.