Dirk Bach

Der überraschende Tod eines Spaßarbeiters

| Lesedauer: 8 Minuten
Holger Kreitling

TV-Entertainer Dirk Bach starb in Berlin. Er wurde nur 51 Jahre alt

Wir hätten ihn gestern noch sprechen sollen. Für 15 Uhr war der Termin angesetzt. Ein Gespräch mit Dirk Bach im Schlosspark Theater, zur Premiere des Stücks „Der kleine König Dezember“, die für Samstag geplant war, mit ihm in der Titelrolle. Doch er kam nicht zur Probe. Mit dem Theatersensemble warteten wir eine Stunde. Bach war für niemanden zu erreichen. Dann fuhr der Regisseur Lorenz Christian Köhler besorgt in sein Appartment in Lichterfelde, wo er während der Probenzeit wohnte. Bald hieß es, Bach werde nicht mehr kommen. Zwei Stunden später verkündete Harald Lachnit, der Sprecher des Schlosspark Theaters, völlig überraschend, Bach sei in seinem Appartment verstorben. Rettungskräfte hatten versucht, ihn wiederzubeleben. Vergeblich. Woran er gestorben ist, war bis Redaktionsschluss noch unklar. Hinweise auf ein Fremdverschulden habe es, laut eines Polizeisprechers, nicht gegeben.

Der Gute-Laune-Koala

Dirk Bach war ein wandelnder Kugelblitz. Ein Komödianten-Urmel. Eine dicke, sagen wir es offen, eine fette Praline, Marke Rumkugel, bloß ohne Rum. Ein guter-Laune-Koala, dem nichts heilig ist, der alles auf die Schippe nimmt, was bei drei nicht auf den Bäumen ist, besonders wenn es Urwaldbäume sind. Auch der Mann mit dem mit Abstand schlechtesten Kleidergeschmack der Republik sowie dem Mut, das auch noch im Fernsehen zu zeigen. Dirk Bach war das alles, ein boshafter Spötter, ein Erregungsanstoß, ein begnadeter Vorleser, ein schwuler Entertainer voller Selbstironie, ein Schnatterinchen, eine erfolgreiche Unmöglichkeit.

Mit einem Wort: Ein Hofnarr der Fernseh-Gesellschaft. Und wie das mit Narren so ist, er hielt der Gesellschaft den Spiegel vor und rief dazu: Seht her, darüber amüsiert ihr euch. Macht nur weiter so. Dirk Bach wurde nur 51 Jahre alt. Die Nachricht klingt erst mal wie einer seiner Juxe. Man kann sich dazu ein feistes „Hö, hö, hö“ denken, oder ein fieses, meckerndes Gelächter, das aus dem immensen Bauch gluckst, so dass man das Wort „Schadenfreude“ neu buchstabieren möchte. Es stimmt aber. Wirklich. Dirk Bach ist gestorben. Der „kleine König Dezember“, den er ab Samstag in Dieter Hallervordens Schlosspark Theater spielen sollte, dieser König ist klein, sehr dick und immerzu in einen rotem Umhang mit Hermelin gehüllt. Weil er so klein ist, braucht er bisschen Nahrung. Der König beißt Gummibärchen den Kopf ab. Dirk Bach war selber gummibärchenaffin. Der Rest der Rolle war zumindest nah. 1,61 Meter groß. Aber voller Energie.

Geboren 1961 in Köln. Die Rheinländer reden viel, wenn der Tag lang ist, daraus hat Dirk Bach eine Kunst gemacht und immerzu geschnattert. Obwohl er keine Schauspielausbildung hatte, spielte er schon 1978 im Kölner Schauspielhaus in Heiner Müllers „Prometheus“. Sehr deutsche Kost. Bach reiste viel und spielte, wo er nur konnte, improvisierte auch, komische Rollen, ernste Rollen, er gab sich hin. 1992 trat Bach schließlich sogar ins Ensemble des Kölner Schauspielhauses ein.

Fast alle sind sie gleichzeitig berühmt geworden, die Freunde von „Dicki“, wie er gern genannt wurde: Hella von Sinnen, noch so ein Wonnelproppen, mit der er zeitweise in einer WG wohnte, oder Walter Bockmayer, in dessen Trash-„Geierwally“ Bach reüssierte. Bald lockte auch das Fernsehen. Schon in Helmut Dietls Kultserie „Kir Royal“ spielte er 1986 ein kleines Röllchen. Aber erst durch das Aufkommen des Privatfernsehens schlug seine Stunde. RTL brauchte 1992 die „Dirk Bach Show“, er konnte einfach zu herrlich spotten, fies und abgründig, immer mit dem eigenen Lachen.

Mehrere Shows und Serien sollte Dirk Bach fortan machen, „Lukas“ lief von 1996 bis 2001, „Der kleine Mönch“ 2002, in der „Sesamstraße“ war er zu sehen, 2004 und 2005 tauchte er in der „Schillerstraße“ auf. Aber am bekanntesten, am berühmtesten wurde er natürlich durch das Dschungelcamp, ab 2004. „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“: Dieses Format war einfach wie geschaffen für Dirk Bach. Schlimmere Outfits sind seitdem nicht auf dem Bildschirm zu sehen gewesen, und das will etwas heißen.

Gemeinsam mit Sonja Zietlow lästerte Bach vom hohen Baumhaus oder von der schwebenden Hängebrücke herab über all die B- und C-Promis und hilflosen Existenzen der Medien-Gesellschaft, die da Känguru-Hoden verzehrten und in Madenbädern ruderten. Sein Votum war stets scharf und ungerecht, aber Empörung, so zeigte er, ist als moralische Kategorie im Fernsehen schlicht fehl am Platz. Erniedrigung und Zuschaustellung von Nöten? Alles geht. Survival of the worst.

Seine Moderation hatte stets eine feine Volte, die sich direkt ans Publikum wendete: Schaut, so wie ich mich anstelle, so stellt ihr euch an. Eigentlich eine wenig schmeichelhafte Unterstellung, doch das Publikum mochte ihn dafür. So böse Bach lästerte, so wenig merkten die Zuschauer, dass sie selbst mit im Boot saßen. Als gierige, ungerechte, am Verfall der Sitten und an fragwürdigen Existenzen interessierte Masse. Natürlich war und ist wegen „Ich bin ein Star...“ das Abendland nicht dem Untergang geweiht. Es bleibt ein Spiel, wer kann, schaut einfach weg. Dirk Bach stand immer für: Alles ist erlaubt. Er war selbst eine Groteske, eine bizarre, übersteigerte Figur, die lächerlich wirkt und dabei doch echt ist. Bach selbst wollte nicht als Kandidat ins Dschungelcamp gehen. Zum 50. Geburtstag sagte er: „Ich moderiere eine Sendung, und die – machen was anderes für ihre Karrieren…“ Kunststück: Er hatte es nicht nötig.

Auch als Vorleser unschlagbar

Unterschätzt wurden immer die artistischen Fähigkeiten des Vorlesers Dirk Bach. Wer ihn einmal gehört hatte, vergaß die Stimme nicht. Oder besser: diese Stimmen. Denn er konnte in unfassbar viele Charaktere schlüpfen. Den Geschichten um das „Urmel“ verlieh er eine reichhaltige Vielstimmigkeit, er las Kafka, Astrid Lindgren und die „Stadtgeschichten“ von Armistead Maupin. Am schönsten passte Bach zum Werk von Walter Moers, auch er ein Rheinländer. Die „Zamonien“-Romane wären ärmer, wenn Dirk Bach die Figuren nicht mit Stimmen ausgestattet hätte, den Stollentroll, die Berghutzen, Käpt’n Blaubär. Bach konnte gefährlich klingen und bösartig, schaudererregend und natürlich komisch. Ach, Bach war zum Lachen, zum Grinsen, zum Mitfühlen. Man konnte ihm und seiner Lesung von „Tom und das Erdbeermarmeladenbrot“ sorglos seine Kinder anvertrauen. Mehr kann ein Vorleser kaum erreichen.

Dirk Bach war maßlos, das sah man. Sein Doppelkinn sah nicht gut aus. Vielleicht lebte er ungesund. Soll man sich wünschen, dass das jetzt alles rauskommt? 1999 gab er seinem langjährigen Lebensgefährten das Eheversprechen, wollte aber erst heiraten, wenn die homosexuelle Ehe der heterosexuellen rechtlich gleichgestellt sei. Dirk Bach ist tot. Eine Energiekugel. Ein Pummel im Fummel. Ein liebenswürdiger Mensch, nach allem, was man weiß. Ein Spaß-Arbeiter, ein lebenslustiger Possenreißer. Immer noch kaum zu glauben. Ein Witz, ein letzter, tödlicher.

( Mitarbeit: Jasper Fabian Wenzel )