Konzert

Radiohead schwurbeln in Berlin bis zum Epilepsieanfall

Titus mag die Band ja sehr, sagt jedenfalls die Mutter auf dem Weg zur Wuhlheide.

„Pablo Honey“ legt er sich manchmal sogar selbst auf. Das würde widerlegen, dass Radiohead lediglich verkopfte Insektensammler anzieht. Titus ist sechs. Mit sechs kann man noch nicht verkopft sein.

Weil vor einem Konzert in Toronto die Bühne einstürzte und ein Mensch dabei sein Leben verlor, wurde die Tour verschoben. So stehen Radiohead nicht Anfang Juli, sondern Ende September an zwei Abenden auf der Bühne der Wuhlheide. Sie tun das so schlicht, so unrockhaft. Keine Geste, keine Pose. Manche Leute sagen, Radiohead hätten der Rockmusik die Männlichkeit genommen. Aber ein Konzert mit drei Schlagzeugern zu beginnen, das ist schon was, oder? Sie spielen „Lotus Flower“ von ihrem letzten Album. Dem Ohr fällt es schwer, alle Geräusche zu einem Song zu arrangieren. Aber wenn sich alle Einzelteile tonal verzahnen, dann sieht man all die Menschen nicht mehr. Man vergisst, dass man nur eine kleine Ameise auf dem großen Hügel ist.

Radiohead sind über die Jahre immer weiter weg gekommen vom Sound einer Rockband. Titus fragt sich bestimmt, was die da unten machen. Auf seiner Lieblingsplatte „Pablo Honey“ bestand die Band noch aus Gitarrenschrammlern. Was für ein Anblick! Am Klavier sitzt jetzt der Sänger Thom Yorke. Er spielt ganz alleine „Videotape“. Er klingt so traurig. Wie er da mit dem Rücken zum Publikum einfach sein Lied spielt, wär das schon schwer in Ordnung, wenn's das gewesen wär. Wenn einer das Ende der Welt vertonen dürfte, es müssten Radiohead sein. Aber sie spielen ja noch. Spätestens bei „Paranoid Android“ sollten alle merken, dass Radiohead wirklich gut sind.

An einem solchen Stück kann ein jeder die Großartigkeit menschenmöglicher Musik bewundern. Am Ende tanzt York wie ein Besessener zu „Idioteque“, diesem elektronischen Epilepsieanfall. Nach einem solchen Konzert ist es schön, kein Gröhlen zu hören, sondern nur das Rattern der S-Bahn-Schienen auf dem Weg zurück in die Wirklichkeit.