Der Turm

Großes Epos, radikal entschlackt

Uwe Tellkamps DDR-Roman „Der Turm“ galt als unverfilmbar. Ein TV-Zweiteiler schafft es jetzt doch

Man muss sich nicht mehr schämen, den „Turm“ nicht gelesen zu haben. Christine Westermann sei Dank. Die TV-Moderatorin hat, das ist schon mutig, ihre Kolumne im „Buchjournal“ mit der Beichte begonnen, sich Uwe Tellkamps Roman erspart zu haben. Klar, der 1000-Seiten-Wälzer hat den Buchpreis gewonnen, ist ein Millionenbestseller, ein Schlüsselroman, ja ein Volksbuch. Das DDR-Epos, auf das wir 20 Jahre gewartet haben. Auch wir haben ihn 2008 gleich drei Mal geschenkt bekommen. Aber auch wir haben, wie so viele, nach 80 Seiten aufgehört. Zu sperrig, zu spröde, zu verschwurbelt. Das durfte man natürlich nicht laut sagen. Schließlich hat sich die Kritik geradezu überschlagen in ihrer Euphorie. Da schwang allerdings immer auch diese gewisse Arroganz mit, dass man halt durchhalten müsse.

Aber der bekannte Witz - Kennst du das Buch? Nein, ich warte, bis es verfilmt wird - , bekommt im Fall des „Turms“ eine zusätzliche Pointe. Weil der Autor höchstselbst dem Film den Vorzug gibt. „Man hat verschiedentlich gesagt, der Roman ‚Der Turm‘ werde bleiben. Ich bin mir da nicht so sicher“, so der O-Ton Tellkamp: „Sollte die Zukunft aber seine Haltbarkeit erweisen, wird das Buch sie zu einem guten Teil diesem Film zu verdanken haben.“ Der sei, und diese Beichte ist noch viel mutiger als die von Frau Westermann, „differenziert und ohne Klischees, wie sie im Buch leider hin und wieder vorkommen“.

Von allem Ballast getrennt

„Der Turm“, von der ARD Degeto und Teamworx aufwendig als großer TV-Zweiteiler konzipiert, wird nun just auf ein Reizdatum, zum Tag der deutschen Einheit programmiert. Eine Fallhöhe, an der schon so manche Produktion gescheitert ist. Und dann ein so dickes Buch adaptieren, das alle, die es bewältigt haben, unisono als unverfilmbar klassifizieren? Selbst Drehbuchautor Thomas Kirchner hat lange mit seiner Aufgabe gehadert, dieses unübersichtliche Geflecht von Figuren und Stilmitteln in eine halbwegs überschaubare Dramaturgie zu bündeln. Das ging selbstredend nicht ohne große Auslassungen und schmerzhafte Einschnitte. Aber dann das große Erstaunen: Man kann den Film fast aufatmen hören, wie er sich quasi auf Diät setzt und von allem Ballast trennt. Ein wahrer Befreiungsschlag von der Vorlage. Es ist vielleicht von Vorteil, dass Tellkamp zwar gefragt wurde, ob er am Film mitarbeiten würde, aber abgesagt hat - weil er an einer Fortsetzung seines Erfolgsbuchs schreibt.

„Der Turm“ wird gern als „Buddenbrooks“ der DDR verstanden. Hier wie da ein Familienepos aus dem Großbürgertum in der Zeit eines epochalen Einschnitts, wobei mit dem alten System auch die Familie zerbricht. Fast eine Überraschung, zumindest für westliche Rezipienten, war die Entdeckung, dass es auch im Arbeiter- und Bauernstaat ein Bildungsbürgertum gab. Uwe Tellkamp fand für sie eine schöne Metapher, als er sie just auf jener Dresdener Anhöhe ansiedelte, in der er selbst gewohnt hat: der Weiße Hirsch, von dem aus man auf die Stadt herabsehen konnte, auch mit dem Gestus, darüber erhaben zu sein, was da unten vor sich ging. Ein Olymp der Entrückten, der fassungslos begreifen lernt, dass auch er den Drangsalierungen des Staates nicht entgehen kann.

Im Roman ist der Schauplatz fast eine eigenständige Hauptfigur. Und hier fängt schon der Rotstift des Films an. Mag es auch Heerscharen von Touristen geben, die, den „Turm“ in der Hand, den Weißen Hirschen nach Schauplätzen des Romans absuchen: Der Fernsehfilm fährt gleich zu Beginn mit der berühmten Standseilbahn hinauf, hält sich aber sonst mit großen Panoramen und Blicken etwa auf das Tausendaugenhaus oder die Karavelle zurück. Das Dresden der achtziger Jahre, in denen Buch und Film spielen und in dem überall die Fassaden bröckelten und die alten Prachtbauten verfielen, kann man heute nicht mehr zeigen. Das Filmteam musste dafür anderswo drehen, zieht sich aber hauptsächlich auf die Innenräume zurück. Und tut damit ja genau dasselbe wie der Roman: die Privatsphäre als Rückzugsort zeigen, als innere Emigration gegen den repressiven Staat, als Elfenbeinturm.

„Der Turm“ ohne Dresden ist wie „Buddenbrooks“ ohne Lübeck (das hat die ARD auch schon mal geschafft): zwar einer illustren Kulisse beraubt, aber dennoch ein mustergültiger Querschnitt einer Ära. Klug konzentriert sich das Drehbuch auf die drei Hauptfiguren: den Arzt Richard Hoffmann (Jan Josef Liefers), der sich für unantastbar hält und doch von der Stasi erpresst wird, seinen Sohn Christian (Sebastian Urzendowsky), der alles mitmacht, um studieren zu können, aber irgendwann nicht mehr schweigen will, und seinen Schwager Meno Rohde (Götz Schubert), der sich bequem in der Verlagsnische eingerichtet hat und doch Position beziehen muss. Fast stärker noch als im Buch sind es hier die Frauen, die Haltung zeigen: Richards Gattin (Claudia Michelsen), die sich gegen ihren Mann und für die Friedensbewegung entscheidet, oder seine Langzeitaffäre (Nadja Uhl), die schließlich auch ihren eigenen Weg geht.

Hetzen durch die Handlung

Es mag ein Wagnis gewesen sein, für diesen Schicksals-, diesen Volksfilm keinen routinierten Großmeister der Regie zu gewinnen, sondern Christian Schwochow („Novemberkind“, „Die Unsichtbare“), der zwar von der Kritik geliebt wird, aber noch keine Massenerfolge vorweisen kann. Mutig setzt sich der 34-Jährige in seinem erst dritten Werk über alle Erwartungshaltungen hinweg und führt den bis in Nebenrollen hochgradig besetzten Cast souverän an. Dass viele der Akteure wissen, was sie da spielen, dass Liefers und Michelsen selbst aus Dresden kommen, und Peter Sodann, der die verschlüsselte Modrow-Figur spielt, im Stasi-Knast saß, macht den Film nur noch eindringlicher.

Viele ARD-Zweiteiler werden voreilig zum TV-Event deklariert. Beim „Turm“ ist das endlich einmal angebracht. Auch hier erweist sich das Format jedoch als ungenügend: Während die Stoffe sonst oft unnötig aufgebläht werden, um zwei Mal 90 Minuten zu füllen, birst „Der Turm“ fast vor Handlung und hetzt und hechelt sich vor allem im zweiten Teil durch die achtziger Jahre. Wo das Buch manchmal einen etwas zu langen Atem hat, leidet der Film eher an Schnappatmung.

Der Turm 2 Teile ARD, Mittwoch und Donnerstag, jeweils 20.15 Uhr