Gedichtband

Günter Grass provoziert wieder

Der Nobelpreisträger legt neue politische Gedichte nach. Und fordert diesmal gar zum militärischen Geheimnisverrat auf

„Bis ins Alter zornig zu bleiben und nicht – wie erwartet – im alles mildernden Abendlicht weise zu werden“: Das war ein Rat, den einst Max Frisch dem damals jungen Günter Grass mit auf den Weg gegeben hat. Und dem folgt er bis heute. Kurz vor seinem 85. Geburtstag am 16. Oktober kam gestern ein neuer Gedichtband von Grass auf den Markt, „Eintagsfliegen“. Und wieder dürfte er für Zündstoff und politische Kontroversen mit Israel sorgen.

In einem der 87 Gedichte würdigt der Literaturnobelpreisträger den wegen Spionage verurteilten israelischen Nukleartechniker Mordechai Vanunu als „Held unserer Tage“. Vanunu hatte 1986 der britischen Zeitung „Sunday Times“ das geheime Nuklearprogramm Israels verraten und saß dafür 18 Jahre im Gefängnis. Als er unter Auflagen freikam, äußerte er sich mehrfach wieder, sodass er erneut einige Male ins Gefängnis kam. Heute lebt er unter Hausarrest. „Was Staatsgeheimnis, deshalb abgeschottet war, hat des Rabbiners Sohn gelüftet“, heißt es in dem Gedicht, das Grass „Ein Held unserer Tage“ betitelt, über Vanunu. Und: „So heißt der Held, der seinem Land zu dienen hoffte, indem er half, die Wahrheit an den Tag zu bringen.“ Eine Spionin hatte Vanunu nach dessen Aufdeckung von London nach Rom gelockt, wo ihn der israelische Geheimdienst Mossad entführte und nach Israel brachte. Den Mossad nennt der Dichter nicht beim Namen, schreibt aber von einer „Gang“, „die ungehemmt selbst Mord nicht scheut“. Vanunu sollte vor drei Jahren den Friedensnobelpreis erhalten, er lehnte aber ab, weil er nicht auf derselben Liste stehen wollte wie Israels 1994 ebenfalls mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneter Präsident Schimon Peres: Peres hatte seinerzeit den Befehl zu seiner Entführung gegeben.

„Versuche ihm zu gleichen“

Grass vergleicht den Fall Vanunu gar mit der biblischen Geschichte von Joseph, der von seinen eigenen Brüdern in den Brunnen geworfen wurde. Und nennt Vanunu ein Vorbild, dem man folgen sollte – und ruft damit zwischen den Zeilen zum militärischen Geheimnisverrat auf: „Drum: Wer ein Vorbild sucht, versuche ihm zu gleichen, entkleide, werde mündig, spreche aus, was anderswo, in Texas, Kiel, China, im Iran und in Russlands Weite erklügelt wird und und verborgen bleibt; nur solche Helden sind in einer Welt vonnöten, die Frieden säuselt und Vernichtung plant.“ Die Kieler Werft, auf die der Dichter anspielt, baut für Israel U-Boote, die atomwaffenfähig sein sollen.

Israel, immer wieder Israel. Erst vor einem halben Jahr hatte Grass, ebenfalls in Gedichtform, den Staat verärgert. In dem Gedicht „Was gesagt werden muss“ hatte er der Atommacht Israel vorgehalten, den Weltfrieden zu gefährden und auf ein Erstschlagrecht gegen den Iran zu pochen. Innenminister Eli Jischai hatte daraufhin gegen den deutschen Schriftsteller ein Einreiseverbot ausgesprochen. Nun, pünktlich zur Frankfurter Buchmesse, die am 10. Oktober beginnt, legt er einen neuen Band nach.

Die Bandbreite der politischen und persönlichen Lyrik reicht in „Eintagsfliegen“ noch viel weiter. Einmal mehr kommt darin Griechenland vor, der Verschleiß an Bundespräsidenten auch, selbst der Papst bekommt sein Fett weg. Aber auch die Beschwerden des Alters, der immer näher rückende Tod, der Verlust von Freunden wie seinem langjährigen Lektor Helmut Frielinghaus – all das wird lyrisch verarbeitet. Auch das erwähnte Treffen mit Max Frisch wird in „Guter Rat“ verewigt. Zu jedem seiner Gedichte malte Grass eine aquarellierte Federzeichnung mit Eintagsfliegen.

Entgegen den Protesten, die Grass bei „Was gesagt werden muss“ entgegenschlugen, waren am Erscheinungstag des jüngsten Bandes zunächst keine Reaktionen von Politikern zu vernehmen.