Kunstsache

Flokatis, Fassaden und viele Vagabunden

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Eigentlich ist meine Freundin Emma pflegeleicht und echt kommunikativ. Manchmal kann ihr Besuch indes richtig nerven. So wie jetzt. Sie sitzt mit ihren langen Beinen an meinem Küchentisch und nörgelt über Berlin. Sie kommt aus München, da ist bekanntlich alles anders. „400 Galerien habt ihr hier?“, staunt sie. Wovon wollen die alle leben? Dann wird sie zickig. Die Vernissagen seien hier nicht so toll, in München oder London, wo sie öfters ist, kämen Promis wie Kate Moss oder Hugh Grant zur Eröffnung. Glamourfaktor eben, in Berlin ginge es studentischer zu. „Bei euch“, sie zieht das genüsslich lang, „trägt man zu Eröffnungen keine High Heels!“ Jetzt gucke ich sie an. Na und? Das sei nicht schick, sagt sie. Sie kennt die Schweizer Objektkünstlerin Sylvie Fleury, sie hat Stöckelschuhe, Gucci-Täschchen und alles, was mit Mode zu tun hat, in den Rang von Kunst erhoben. Deswegen nennt man sie „Material Girl“. Design, meint die Künstlerin, sei das zeitgemäßeste Ready-Made überhaupt. Fleury kennt die Schwäche des Kunstmarkts: Begehrlichkeiten wecken und das Begehrte teuer verkaufen. Sammlerleidenschaft paart sich eben mit den Sphären des Konsums. Fleury hat darum schon museale Vitrinensockel in Plüsch eingepackt, weiß Emma zu berichten. In der Galerie Mehdi Chouakri bewegt sich ein Gazevorhang der Fleury im Luftzug, eine Reihe schöner Parfumflakons werden präsentiert wie in einer Edelboutique. Ein gigantischer Flokati ziert eine Wand, als wäre er ein Monochrom. Das gibt es im hinteren Raum: „Crash Test“ sieht aus wie eine Leinwand, ist aber nur ein Stück delliges Blech - weiß lackiert und mit Kratzern. (Invalidenstr. 117, Mitte, Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 6.10.)

Nach so viel Weiß zieht es Emma nach Kreuzberg, da geht’s urbaner zu, findet sie. Doch von der Urbanität hat der Künstler Bart Domburg offenbar die Nase voll. Vor einigen Jahren lebte er in Berlin, über die Monate hinweg studierte er graue Fassaden, natürlich auch die Plattensiedlungen der Genossen - um diese Gebäude später in schier unendlicher Reihung auf Leinwand zu bringen. Berlin als Fenster zur Welt, aber auch eine Art künstlerische Archivierung der DDR-Vergangenheit. Die Technik gefiel Emma weniger, aber beeindruckend fanden wir das schon in dem seriellen Charakter der Motivwiederholung. Heute lebt der arme Mann in Amsterdam und ist auf die Natur zurück gekommen - er malt nur noch Bäume. Obsessiv wie damals die Fassaden. Die knorrigen „Trees“, bei Bourouina zu sehen, sind ohne Blätter, der Himmel braun oder blau, atmosphärisch wirkt das wie eingefroren. „Apokalypse“, findet Emma und murmelt, dass es solche merkwürdigen Gewächse in München gar nicht gäbe. Aber das ist ja wieder ein anderes Thema. (Charlottenstr. 1-2, Kreuzberg, Di-Sa, Mitte, 11-18 Uhr. Bis 20. 10.)

Gleich um die Ecke, im Kreuzberger Galeriekiez, bei carlier/gebauer, wünschen wir uns die dünnen „Trees“ schon zurück, so beklemmend und ohrenbetäubend laut sind die drei Videoarbeiten von Sebastian Diaz Morales. Er zeigt bereits die fünfte Einzelschau mit „Ficcionario“. Der junge Argentinier jagt uns in „Pasajes“ durch ein zwielichtiges Labyrinth, Tür auf, Tür zu, Schuhe klappern. Wo sind wir - in einer Industriehalle? Im Schlund einer Psychatrie? Immer, wenn wir den Ort zu entziffern glauben, klappt wieder die Tür ins Schloss, und der Protagonist des Films hetzt weiter mit uns durchs Nichts. Um nirgends anzukommen. „Ein existenzieller Vagabund“, kommentiert Emma. „Irgendwie Berlin“, schiebt sie nach. (Markgrafenstr. 67, Kreuzberg, Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 20. 10.)