Musik

Etwas Verträumtes

Marcus Hagemann ist Cellist und Manager. Heute beginnt „Nordlichter“

Marcus Hagemann ist eine seltene Mischung aus Musiker und Manager. Und er ist ein Festivalgründer, in Berlin beginnt heute sein dreitägiges Projekt „Nordlichter“ im Radialsystem V. Er selbst wirkt im Gespräch ziemlich hochtourig, erzählt von parallel laufenden Projekten. Es ist wohl kein Zufall, dass Hagemann im Prenzlauer Berg wohnt, dort, wo es zum guten Ton gehört, über seine Projekte zu reden. Das ist die neue Berliner Boheme, die überall im Kulturbetrieb ihre Spuren hinterlässt. Und in der offenbar jeder jeden kennt.

Die Mutter ist Malerin

„Ich finde das genial, was ich mache“, sagt er selbstbewusst. Diese Leidenschaft hat schon früh begonnen: Mit 17 Jahren ging in Konstanz zum Bürgermeister, weil er Serenadenkonzerte veranstalten wollte. Er konnte ihn überzeugen. „Aber ich sehe mich nicht als Festivalleiter“, sagt Hagemann: „Ich wollte immer nur die Parameter beeinflussen, damit gute Musik zustande kommen kann.“ Irgendwie sieht er sich als Manager wider Willen.

Natürlich ist er ein Künstlerkind, und darauf ist er stolz. Seine Mutter Barbara ist eine Malerin. Er finde ihre Bilder richtig gut, sagt er. Er findet vieles gut, Hagemann ist das, was man einen Optimisten nennt. Und auch im Musikalischen kommt er aus dem Gründen nicht heraus. 1995 war er Gründungsmitglied des Talis Quartett und wurde 2000 Cellist des Trioskop. Der gebürtige Donaueschinger – „passt doch!“, sagt er - studierte in den USA und in Deutschland, sammelte Preise ein und bekam ein Stipendium der Bayreuther Festspiele.

Er ist offenbar gut beschäftigt, auch als Kammermusiker, häufig auf Reisen und in großen Häusern und bei guten Festivals anzutreffen. Der Cellist spielt ein Instrument von Jean-Baptiste Vuillaume aus dem Jahre 1853, aber so richtig will er nicht in das Klischee eines reisenden Solisten passen. Offenbar kommt ihm der Kulturmanager schon in die Quere. Auf seiner Homepage gibt es nicht die typischen Konzerttermine, sondern die Rubrik „Projekte“ mit einem knappen Dutzend Festivals.

Räume interessieren ihn, sagt Hagemann, darüber hinaus mag er alte Vokalmusik, die sich aus sich selbst speist. Nicht zuletzt fühlt er, der Cellist, sich mit Komponisten verbunden. „Die jungen Komponisten heute sind nicht mehr an die alten Schulen gebunden“, sagt er. Die neue stilistische Freiheit, die auch die Rückbesinnung auf klassische Traditionen zulässt, gefällt ihm.

Wälder im Hintergrund

„Nordlichter“ ist sein jüngstes Projekt. Skandinavische Künstler mag er, weil viele so „etwas Verträumtes“ haben. Überall in der Musik spüre man etwas Folkloristisches, die Wälder stehen immer im Hintergrund. Dabei eröffnet das Festival heute heftig mit einer Uraufführung. Timo Kreuser leitet „Screams“ mit Sängerin Tora Augestad und Camilla Barrat-Due. Sie spielt Akkordeon und die Euphonische Toilette, ein elektronisches Instrument mit Trichterform. Hagemann weiß um die Provokation, die da drin steckt. Sein Humor ist es nicht. Über 50 Solisten, Komponist und Ensembles sind am Festival beteiligt. Am Sonnabend folgt die „Nordische Nacht“. Am Sonntag schließt das Ganze mit einem Familienbrunch mit Musik. Ein bisschen was Familiäres steckt in alledem.