Bühne

„Wir sind Volk, Soldat oder Diener“

Serie „100 Jahre Deutsche Oper“, Teil 7: Hermann-Josef Fohsel ist Musikkritiker, Stadtführer und Statist auf der Bühne. Sein Erlebnisbericht

Sie waren nicht zu übersehen gewesen, die Plakate an der Deutschen Oper, die den Weg zur Kassenhalle säumten. „Herren als Statisten gesucht für die Neuproduktion von Modest Mussorgskijs Oper Boris Godunow in der Regie von Professor Götz Friedrich. Bewerbung bitte schriftlich an: Statisterieleitung der Deutschen Oper“.

Es ist unüblich, dass ein Musikkritiker die Seiten wechselt und Statist an einem Opernhaus wird. Ich weiß bis heute nicht, was mich veranlasst hatte, am nächsten Tag bei der Pressestelle anzurufen und zu fragen, ob es möglich wäre, dass ich beim „Boris“ mitmachen könnte, für eine Reportage. Es gab nur ein Problem, Götz Friedrich war nicht gut auf mich zu sprechen, hatte ich doch in einem zugegebener Maßen überspitzt formulierten Artikel, einige Jahre zuvor, nach einer Salome gerufen, die uns Friedrichs Kopf präsentieren würde, damit wir zukünftig in Berlin von seinen uninspirierten Inszenierungen verschont blieben. Nach 14 Tagen kam der Bescheid, dass „Herr Professor Friedrich“ sein Einverständnis gegeben hat. Alles Weitere sollte ich mit dem Leiter der Statisterie besprechen.

Am 20. Juni 1995 war es dann soweit. Um 12.15 begann meine erste Probe. Drei Rollen hatte man für mich vorgesehen: Orthodoxer Bischof (Krönungsszene 2. Bild); Bojar (Hungerszene 7. Bild) und Polnischer Soldat (Revolutionsszene 9. Bild). Und damit begann für mich, mit einem „Sprung ins kalte Wasser“ meine zweites Leben als Statist. Nach sechs Wochen intensiver Probenarbeit hatte ich die „Opernmaschine“, die Arbeit in und hinter den Kulissen, ganz gut kennengelernt, genauso wie die einzelnen Abteilungen, die am Gelingen des Abends beteiligt waren.

Was mir besonders auffiel, war der Zusammenhalt unter den Kollegen, die Gemeinschaft. Standesdünkel etwa von Seiten der Sänger, des Chores oder des Orchesters, bis auf zu vernachlässigbare Ausnahmen, hatte ich damals und habe ich bis heute in der Deutschen Oper nicht wahrgenommen. Wir Statisten sind ja eigentlich die „Tuberkel“ des Opernbetriebes, d.h., wir stehen auf der Leiter der Hierarchie der Protagonisten ganz unten. Eigentlich sollte mit den fünf Aufführungen, die für den Boris Godunow vorgesehen waren, meine Zeit als Statist an der Deutschen Oper beendet sein, aber ich hatte auf einmal Blut geleckt und wollte weiter machen. Das war vor 17 Jahren. In diesen Zeit habe ich all die Stationen durchlaufen, die man mit Statisten gemeinhin in Verbindung bringt, war Volk, Soldat oder Diener. Sorgte also in Massenszenen für „atmosphärische Dichte“. Aber mit der Zeit wurde die Palette meiner Einsätze immer breiter bis hin zu Solorollen. Und damit wären wir bei den Regisseuren angekommen, mit denen die ich in den 17 Jahren zusammen gearbeitet habe. Aus der Vielzahl möchte ich vier hervorheben: Hans Neuenfels, Marco Arturo Marelli, Roland Schwab und Robert Carsen.

In Hans Neuenfelsens berühmt-berüchtigten, in der Zwischenzeit zur Legende gewordenen Inszenierung von Mozarts „Idomeneo“ nimmt am Anfang die auf Kreta gefangene trojanische Königstochter Ilia Abschied von ihrer Familie, dem Vater Priamos, ihren Brüdern, Hektor, Paris und Troilus mit „Padre, germani, addio“ (Vater, Geschwister, lebt wohl). In der Partitur steht als Regieangabe: Ilia alleine. Nicht so bei Neuenfels. Bei ihm ist die Familie anwesend quasi als Zombies, um gestisch, und nur für Ilia sichtbar, das Geschehen zu kommentieren. Ein grandioser Einstieg und für mich die Gelegenheit, als König Priamos aus der Gefangenschaft des Soldaten- und Diener-Daseins herauszutreten.

Von einem anderen Kaliber ist der junge Regisseur Roland Schwab, der mit drei aufsehenerregenden Produktionen, ich schreib das jetzt mal so ungeschützt dahin, (Mozart Fragmente, Mozarts „Don Giovanni“ und „Tiefland“ von Eugen D’Albert), den Spielplan der Deutschen Oper bereichert hat. Alle drei Produktionen würden ohne uns Statisten nicht funktionieren, da passt der Spruch, dass wir das Salz in der Inszenierung sind, wie die Faust aufs Auge.

Auch der Schweizer Regisseur Marco Arturo Marelli, dem ich meine erste selbstständige Rolle auf der Opernbühne verdanke, den Vater von Pelleas in Claude Debussy symbolistischer Oper „Pelleas und Melisande“, nimmt uns Statisten so ernst wie die Sänger. Genauso wie der kanadische Regisseur Robert Carsen, unter dessen Regie ich in Richard Straussens „Ariadne auf Naxos“ den nur im Libretto vorkommenden reichsten Mann von Wien auf der Bühne spielen musste. Das gesamte Vorspiel zur Oper wird von mir in Interaktion mit dem Haushofmeister bestimmt/beherrscht. Was will man als Statist eigentlich mehr!

Zum Schluss: Patriarch Götz Friedrich duzte an seinem Haus jeden und alles. Ob Techniker, Diva oder Heldentenor. Bei mir geriet er einmal ins Stocken. Bei einer Probe zu Henzes „Prinz von Homburg“ ertönte aus dem Lautsprecher seine Stimme: „Dusie Fohsel, geh doch einmal zwei Schritte näher an das Grab. Damit war das „Dusie“ geboren.

Die zehnteilige Serie zum Jubiläum „100 Jahre Deutsche Oper Berlin“ erscheint jeweils sonnabends