Marius Müller-Westernhagen

Polternder Bluesrock gegen den neuen braunen Nazisumpf

Gewohnt trotzig: Marius Müller-Westernhagen singt in Berlin

Vielleicht war ihm ja selbst nicht immer ganz klar, ob der nächste Karriereschritt der richtige war. Kopf oder Zahl? Schauspielerei oder Rockbühne? Er wollte beides. Das hat ihn im Laufe seiner mehr als 40-jährigen Karriere so manchen Fan gekostet. Aber Marius Müller-Westernhagen ist einfach weitergegangen. Nun wird der 63-jährige Rocksänger am Sonntag auf der Bühne der O2 World von rund 11000 Besuchern mit Applaus und lautstarkem Jubel umarmt.

Nach einer längeren Durststrecke gelang Westernhagen 2009 mit dem Album „Williamsburg“ der Weg zurück ins Bewusstsein der Rock-Gemeinde. Es war sozusagen sein Weg zurück an die Wurzeln jener amerikanischen Musik, die ihn schon zu Anfang seiner Karriere geprägt hat: Blues, Soul und Rhythm ’n’ Blues.

Westernhagen und Band eröffnen den Abend mit einem konsequenten Statement: Der Song „Der schwarze Mann“ vom 83er-Album „Geiler is‘ schon“ wird zu einer geharnischten Absage an den neuen braunen Nazisumpf. Westernhagen hat den alten Text überarbeitet. „Sei auf der Hut, denn er ist wieder hier im Revier. Und wir sind schuldig, wenn wir uns jetzt nicht dem Irrsinn stellen“, heißt es da, und: „Wehr dich! Der braune Hals wird umgedreht“. Die Textzeilen ziehen in großen Lettern über die gigantische Projektionswand, die den ganzen Bühnenhintergrund einnimmt.

Es ist hart polternder Bluesrock, der den Song untermauert, gefolgt von einem treibenden „Schweigen ist feige“ und einem wütenden „Wir haben die Schnauze voll“. Westernhagen singt mit der gewohnt trotzig-rauen Stimme, stolziert spinnenbeinig übers weite Areal und ist ganz in seinem Element. „Berliiin!“ ruft er in die Halle. Berlin sei für ihn ein wichtiges Konzert, sagt Westernhagen, „weil hier ist der Ort wo ich lebe.“ Und er nutzt jede Gelegenheit, seine knallharte Band ins rechte Licht zu stellen, „diese unglaublichen Jungs, die sich herabgelassen haben, mit mir zu spielen.“

„Willenlos“, „Fertig“, „Taximann“ – Westernhagen hat seinen Songs auf hochmusikalisch altmodische Art neues Leben eingehaucht. Es rockt, es bluest, es scheppert. „Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz“ walzt im gewohnten hektischen Tempo über den Nostalgie-Highway. Schwer gefühlig wird es bei Balladen wie „Durch Deine Liebe“ oder „Wieder hier“. Und zu „Sexy“ strippt eine Tattoo-Blondine auf der Leinwand, während Westernhagen Publikumsnähe im Bühnengraben sucht. Nahezu zweieinhalb Stunden dauert diese Rock-Revue, an deren vorläufigem Ende der Rock’n’Roll-Song „Mit 18“ steht. Zumindest für einen Konzertabend. Vier Zugaben noch und der endgültige Rausschmeißer „Johnny W.“. Ohne den geht eh keiner nach Hause.