Filmdrama

Sexspielchen mit Meryl Streep

Wie rette ich meine Ehe? Das Filmdrama„Wie beim ersten Mal“ zwingt Hollywoodstars zur Paartherapie auf die Couch

So haben sie Meryl Streep noch nie gesehen. Sie masturbiert unter der Bettdecke. Sie kniet im Kino vor ihrem Mann (bei einem französischen Film!), um ihm einen Blow-Job zu besorgen. Und sie geht mit einem Sexratgeber und einer Banane aufs Klo - entscheidet sich dann aber doch lieber, das Obst zu essen, während sie liest. Ist Meryl Streep mit ihren 63 Jahren jetzt schon in dem Alter, wo man (wie etwa Bette Davies oder Jeanne Moreau) nur noch als unwürdige Alte durchkommt?

Weit gefehlt. In ihrem neuen Film „Wie beim ersten Mal“, der am Donnerstag in die Kinos kommt, spricht sie nur unzähligen Gattinnen aus dem Herzen, indem sie deren Ehe-Nöte auf die große Leinwand bringt. Die Streep ist immer Wunschkandidatin Nr. Eins, wenn es darum geht, starke Frauen zu besetzen, die wissen, wo‘s lang geht, auch historische wie jüngst Margaret Thatcher. Hier aber ist sie einmal als ganz normale Hausfrau zu sehen, die immer für die Familie da war, die ein Leben lang jeden Morgen ihrem Mann ein Ei gebraten hat. Und jetzt doch, am 31. Hochzeitstag, zweifelt, ob das wirklich alles gewesen sein kann. Der Gatte nämlich, er schläft schon lange im Gästezimmer. Sein Schnarchen ist schuld, aber das ist natürlich auch eine willkommene Ausrede, um nachts noch ungestört Sportmagazine zu lesen. Tagsüber ist er auf Arbeit, abends schläft er vor der Glotze ein. Und das Muttchen hat alles eisern ertragen.

Wie die eigenen Eltern

Aber nach dem 31. Hochzeitstag will sie nicht länger. Sie will zu einem Paartherapeuten. Einen, der auch noch ziemlich weit weg praktiziert und für den man gleich eine ganze Woche Urlaub nehmen muss. Mit dem Geld, herrscht sie der Gatte ein, hätte man ein neues Dach kaufen können. Keine Diskussion: Er will partout nicht mit. Dann geht sie eben alleine, droht sie. Und steigt wirklich am betreffenden Tag mit gepackten Koffern ins Taxi. Der Mann hetzt griesgrämig hinterher.

Einmal mehr beweist Meryl Streep, warum sie die einsame Rekordhalterin bei den Oscar-Nominierungen ist. Sehr fein und genau hat sie ganz gewöhnliche Hausfrauen der Mittelschicht beobachtet und sich für ihre Kay kleine Gesten zurechtgelegt, die all ihre Güte, aber auch Enttäuschung und Verbitterung andeuten. Auch Tommy Lee Jones ist hervorragend besetzt. Keiner grantelt und grummelt selbst mit verschnürtem Mund so beredt wie er. Und so sitzen sie schließlich in dem verschlafenen Nest namens Hope Springs (so heißt der Film auch im Original), wo jeder schon ahnt, dass sie zu dem berühmten Therapeuten wollen. Und hocken schließlich auch verklemmt auf dessen Couch.

Der Rezensent muss gestehen, dass er den Film von dieser Stelle an nicht mehr ganz objektiv schauen konnte. Denn irgendwie sind es die eigenen Eltern, die man da vor sich sieht. Nicht dass die je zu einem Seelenklempner gegangen wären, zu einem Eheklempner gar. Aber genau so hätten sie sich verhalten: Der Mann weist brüsk alle Versuche ab, Probleme zu wälzen, wo gar keine sind, und schon gar nicht vor einem Wildfremden. Die Frau weiß es besser, traut sich aber nicht, dass in Worte zu fassen.

Doch kaum hat man sich getröstet, dass man da die eigenen Eltern vor sich hat – na klar, die Generation, die alles immer nur verdrängt hat, die nie gelernt hat, sich auszutauschen – da wird man unweigerlich auf sich selbst zurückgeworfen. Wie weit ist man denn in der eigenen Beziehung, an welchen Stellen hat man selbst schon begonnen, eine Fantasie für sich zu behalten oder einen Frust einfach runterzuschlucken? Noch kann man lachen über das ältere Paar, das nicht mehr so genau weiß, wie lange es nicht mehr miteinander intim war. Aber unweigerlich erkennt man sich selbst zumindest in Ansätzen wieder und ahnt, dass das bei den zweien auf der Leinwand auch nicht anders angefangen hat.

Steve Carell gibt seinen Therapeuten blass und langweilig und ist damit die dritte grandiose Besetzung in diesem Film. Einer, der es auch nicht immer besser weiß, aber nicht aufhört, Fragen zu stellen. Und der auch noch Hausaufgaben stellt wie Umarmungen und andere Intimitäten. Der Verleih verkauft seinen Film als Komödie. Nichts könnte falscher sein. Natürlich gibt es ziemlich komische Momente, wir selbst haben anfangs einige verraten. Aber dennoch handelt es sich hier um ein Drama, das die absurden Momente des Alltags nur nicht ausklammert und allenfalls überhöht. Denken wir uns mal den Fall, jemand ist wirklich wegen des Trailers gekommen und wartet nun auf die Komödie. Komplett falsche Werbung, ist unser erster Gedanke. Geniale Vermarktung, unser zweiter. Denn dieser Zuschauer wird sich nun genauso unwillig wie Tommy Lee Jones mit dem Thema Paartherapie auseinandersetzen (schließlich hat man schon bezahlt). Und im besten Fall auch deren Vorteile erkennen.

Geniale Werbung für Therapeuten

Im Nachspann erfahren wir, dass wieder David Frankel Regie geführt hat und wieder Florian Ballhaus hinter der Kamera saß, genau wie bei „Der Teufel trägt Prada“, noch so ein Streep-Triumph. Aber kein Verband amerikanischer Paartherapeuten hat den Film finanziert oder gefördert. Und trotzdem ist „Wie beim ersten Mal“ genau das: ein Werbefilm für diese Branche. Jeder Ehemann wird sich nach dem Kinobesuch tunlichst überlegen, ob ein neuer Wasserhahn oder ein günstiges Pay-TV-Paket wirklich das ideale Geschenk zum Hochzeitstag ist.