Bühne

Harald Schmidt frotzelt im Berliner Ensemble

Döörty Harry ist medial abgetaucht.

„Sie haben hier wahrscheinlich genauso viele Zuschauer wie auf Sky – oder sogar mehr“, wird Harald Schmidt von Moderator Alexander Marguier bei der Sonntagsmatinee im Berliner Ensemble begrüßt. Aber der Entertainer will mit seiner Late-Night-Show beim Bezahlsender Sky weitermachen – „bis ich umfalle“. An eine Rückkehr ins Free-TV glaubt er nicht. Es war etwas früher in diesem Jahr, im Juli, es war Stuttgart und nicht Berlin, da moderierte Harald Schmidt ein Open-Air-Event, Volksoper als delegierte Bahnhofsbauversöhnung. Herunterbrechen von Hochkultur in seriösere Unterhaltung war das Erfolgsrezept der mittleren Schmidt-Show. Eines dieser seltenen Erweiterungsmomente des Populärmediums Fernsehen. Fanden natürlich nicht alle gut, was er mit seinen Playmobilfiguren blasphemierte. In Stuttgart beschwerte sich einer - es ist dann immer wieder die außerordentliche Kunst des Bühnenschmidts, diese Situationen umzuprogrammieren, den Störer sich selbst entkräften zu lassen, Schmidt zu legitimieren.

Schmidt, der Interviewvirtuose, der es schafft, dieses Wort in die Zeitung zu bringen, einfach, weil er es selbst über sich gesagt hat, diktiert: „Ich bin eine Interviewmaschine.“ Im Berliner Ensemble – im Gespräch mit den „Cicero“-Leuten Frank A. Meyer und Alexander Marguier – sind alle wegen Schmidt gekommen. Hier muss er den Meta-Schmidt auspacken, der die Kunstfigur ein wenig transparent macht, die Pointen dann darüber kommen lassen. Angesiedelt zwischen Günter-Gaus-Gespräch und Event-Moderation: Authentizitätsperformance bringt Beifall. Dass Schmidt gut ist, wo es vermeintlich schwer wird für ihn, will ihm ein Zuschauer klar machen. Schmidts oktroyiertes Dauerthema: Für wen sende ich, und wenn es mir egal ist, für wen ich sende, weil ich vor allem für mich selbst sende, wie sende ich dann so, dass noch wer zuschaut, damit ich weitersenden kann. „Lästerkrise“ nennt Meyer Schmidts quotenmäßigen Bedeutungsverlust. Nur ist es nicht bloß ein Verbindlichkeitsverlust der Sendung, eine Maßgeblichkeitsentrücktheit dieses kaum erneuerbaren Formats Late-Night-Show.

Es ist eine Nostalgiekrise, mit der Schmidt umgehen muss. „Wer die gleiche Show macht, dem wird von Leuten, die zuschauen, zwangsläufig vorgeworfen, am Anfang sei er besser gewesen.“ Ein treffender Befund: Langeweile ist kaum vermeidbar. Es geht darum, die Langeweile zu einer angenehmen Beiläufigkeit zu machen. Schmidt weiß, die Leute schauen seine alten Sendungen in den digitalen Archiven. Erinnern sich dort verknappt und selbstbestimmt an einen womöglich für sie sehr wichtigen Lebensabschnitt, in der Schmidt als sendende Begleitfigur auftrat. Der sentimentale Blick vieler Schmidt-Fans reagiert verschlossen. Der aktuelle Informationsstand auf dem geschlossenen Bezahlsender spielt keine Rolle mehr. Schmidt ist das egal. Vielleicht wird dies sein größtes Kunstwerk, das „Sky“ fortan kuratiert. Das da sein als Dasein. Als eine Zuschauerin, die dem Stuttgarter Störer am nächsten kommt, fragt, wie man das Fernsehen endlich intelligenter machen könne und wie überhaupt die Zukunft des Fernsehens aussehen würde, antwortet Schmidt mit finaler Weisheit: „Ist doch egal. Die Zukunft des Fernsehens kommt sowieso.“