Musikerin

Adagio im Hotel

Cellistin Sol Gabetta hat eine neue CD aufgenommen. Im Gespräch schwärmt sie von ihren schönen Jahren in Berlin

„Ich liebe die Restaurants in Berlin“, sagt Sol Gabetta, „gestern war ich bei einem Japaner in der Nähe, aber ich kann nicht mehr sagen, wie der hieß.“ Also sucht sie in ihrer Armani-Tasche nach einer Karte von diesem Japaner – die muss doch irgendwo sein. Sehr lecker jedenfalls sei es gewesen. Aber teuer. Aber lecker.

Fünf der vergangenen zehn Jahre hat Gabetta, dieser strahlende Stern der klassischen Musik, in Berlin verbracht. Die meiste Zeit hatte sie eine Wohnung am Wittenbergplatz. Jetzt möchte sie unbedingt kaufen, etwas Hübsches in Mitte, das wäre das Beste, sagt sie, auch, weil sie sich vom Eigenheim mehr Freizeit verspricht. „Vor ein paar Jahren war es ja noch günstiger.“ Das stimmt. Gabetta, die in diesen Tagen im Hyatt Hotel am Potsdamer Platz bleibt, wünscht sich mehr Zeit für sich und die Stadt. „Es ist spannend zu erleben, wie Berlin immer internationaler geworden ist; wie ich auf Reisen Berlin erklären muss, obwohl ich nie sagen würde, ich sei eine Berlinerin – dafür verändert sich hier alles viel zu rasant, da komme ich mit meinen Entdeckungen gar nicht hinterher.“

Eine musikalische Stadt

Gabetta wohnt mit der französischen Pianistin Hélène Grimaud im Hyatt, um ein Album zu promoten, das beide Anfang des Jahres in der Essener Philharmonie aufgenommen haben. Interviews, kleine Konzertauftritte, Fernsehen – alles, was der Plattenvertrag mit Sony Music so will. Es läuft gut bei Gabetta. Für eine Klassik-Karriere hat sie mit 31 fast alles erreicht. In Berlin, sagt sie, sei zu erwarten, dass die Resonanz groß ist. „Es ist eben eine sehr musikalische Stadt.“ Andererseits laufe hier immer sehr viel auf einmal. „Wenn man am Gendarmenmarkt spielt, ist in der Oper Barenboim und Rattle in der Philharmonie.“ Sie sei verliebt in diese Stadt. Und in das Publikum. „Was die Zuschauer in Berlin besonders macht, ist ihre Offenheit für Neues. Wenn ich etwas Experimentelles machen möchte, würde ich es immer in Berlin machen.“

Gabetta, 1981 im argentinischen Córdoba geboren, Mutter Französin, die Großeltern aus Russland, hat sich alle Sprachen der Familie angeeignet. Sie spricht sieben – auch noch fließend Deutsch, Englisch, Spanisch und Italienisch. Mit drei fing Gabetta an, Geige zu spielen. Weil sie merkte, dass sie nie besser werden würde als ihr großer Bruder, wünschte sie sich ein Cello. Mit 11 Jahren studierte Gabetta bei Ivan Monighetti in Madrid und folgte ihm später nach Basel an die Musikakademie. 2006 legte sie an der Hanns-Eisler-Musikhochschule in Berlin ihr Konzertexamen ab, wobei Gabetta schon während des Studiums mit den großen Orchestern konzertierte. Ihr Durchbruch war wohl das Luzern-Festival 2004, der Auftritt mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Valery Gergiev. Seit 2005 hat sie eine Assistenz-Professur an der Musikhochschule Basel. Gabetta, Europas bekannteste Cellistin, spielt in der ganzen Welt, immer als Attraktion.

Im Bayerischen Rundfunk hat Gabetta eine eigene Musik-Sendung. „Durch das Fernsehen habe ich gelernt, wie man rezitiert. Das ist eine Sache, die wir Musiker schlecht können. Wir spielen, aber wir können nicht reden“, sagt sie. „Ich habe gelernt, konkreter sein zu müssen. Nicht alles geht ohne Worte.“ Gabetta möchte ohne Instrument im Mittelpunkt bestehen und, wie sie sagt, durch die Kameras in die Tiefe kommen. Ist Spontaneität für sie abrufbar? „Ich denke, ich bin sehr spontan, ja. Es kann sich immer etwas ergeben, wo man reden muss, ein Echo-Preis zum Beispiel. Und ich finde es wichtig, dass man so etwas kann.“ Hat Sol Gabetta, diese Sonne, diese große Begabung, Angst davor, auch mal nicht gut zu sein, zu scheitern? Ja, ganz normal.

Höfliche Virtuosin

Gabetta ist eine Schwärmerin. Sie schwärmt von Hélène Grimaud, von Berlin und von den Aprikosen, die in einer Schale vor ihr liegen. „Be Amazing“ steht hinter ihr, in fetten roten Lettern, an der Hotelkonferenzraumwand. Es ist heute ihr achtes Interview. Sie ist interessiert, höflich und auf eine ganz normale, nette Weise zugänglich. Wieder und immer wieder noch einmal Berlin. Neue Begeisterungsschübe: „Mein Sichtkreis ist fokussiert auf Mitte. Aber er erweitert sich langsam. Ich fühle mich sehr frei hier. Mit der deutschen Mentalität komme ich gut klar.“ Dann sagt sie den schönen Satz: „Das ist woanders manchmal anders.“

Nach einem Konzert ist Gabetta gerne allein im Hotelzimmer. Abschalten, Einschalten, Fernsehen. Nachrichten, um die Welt ein bisschen heranzuholen. „Ich mag dann manchmal gern wie eine Katze sein. Mit mir selbst. Mit meinen eigenen Gefühlen in Verbindung.“ Die Pathosspezialistin Gabetta spricht viel von Müdigkeit, bei Fragen nach Krisen und Leere. „Je älter man wird, je wichtiger wird es, dass man viel schläft“, sagt sie. „Eigene Wohnung“, sagt sie noch einmal. Gabetta muss aufstoßen. „Tschuldigung!“ Die vielen Aprikosen. Es ist ihr einen kleinen Augenblick unangenehm. Dann fällt ihr das Lachen wieder ein. „Ich gehe jetzt zu Dussmann, Noten kaufen.“

Philharmonie. Sol Gabetta und Hélène Grimaud am 17.12. um 20 Uhr. Tel. 0800-6336620