Lady Gaga

Königin auf dem Einhorn

Sie tanzt, sie schreit, sie singt: Lady Gaga erobert die O2 World in Berlin

Unheil dräuende Keyboardsounds fräsen durch die Halle. Scheinwerfer zucken. Es wummert, es pumpt, es hämmert der düstere Elektro-Marschbeat, während die Königin um 20.45 Uhr in einer martialischen Prozession auf einem Einhorn durch den im Dunkel wabernden Bühnennebel einreitet. Lady Gaga macht keinen Hehl daraus, dass es hier nicht nur um Musik geht. Es geht um den zelebrierten Wahnsinn, um das Massen bewegende Gesamtkunstwerk, das provozieren, aufwühlen und überwältigen will. Und überwältigend ist durchaus, was die 26-jährige Selbstdarstellerin da am Donnerstagabend in der mit 12.000 Besuchern nahezu ausverkauften O2 World auf die Bühne wuchtet.

Ein gewaltiges Bühnenbild hat sie sich zimmern lassen. Eine pompöse Ritterburg samt Schießscharten und Treppen, Balkonen und Zinnen, in deren Parterre und Hochparterre die Musiker untergebracht sind. Die lange Ouvertüre kulminiert in einer abstrusen Gebärsequenz, in der Lady Gaga einer kugelbäuchigen Vagina entsteigt, die einem monströsen Hühnchen gleicht. Hände schwingen auf und ab im Takt, als die Party mit „Born This Way“ lärmend auf Touren kommt. „Berlin“, ruft sie in den Saal. „You are the future.“ Sie hat die hörige Menge längst in der Hand. Mehr als 90 Millionen verkaufter Platten weltweit, fünf Grammys, rund 27 Millionen Follower bei Twitter, 52 Millionen Facebook-Fans – die Frau hat den Thron des Pop-Olymp längst besetzt. Denn anders als Madonna, deren artifizielles Spektakel man an selber Stelle erleben konnte, ist die jüngere Konkurrentin frecher, frischer, kompromissloser, näher an ihrem Publikum.

Etwa zur Mitte der Show, gerade ist sie noch auf einem Motorrad über den halbrunden Laufsteg durchs Publikum gefahren, setzt sie sich an ein aufs Motorrad geschnalltes E-Piano. Sie plaudert mit den Fans, sie nimmt Geschenke und Briefbotschaften entgegen, ein Krönchen auch eine Rolle Klopapier. Aus der sie sich promt ein neues Bühnenoutfit bastelt.

Dann werden bei „You And I“ und „Electric Chapel“ wieder die Elektro-Rock-Peitschen (und die Deutschlandfahne) geschwungen. Auf einer blutigen Couch aus durch den Fleischwolf gedrehten Leibern singt sie „Alejandro“, in einem von zwei Maschinengewehren getoppten Büstenhalter. Die Szenerie kann nicht absurd genug sein. Trash auf höchstem Niveau.

Entrückt, dann wieder ganz nah

Lady Gaga gibt sich entrückt und dann wieder ganz nah, mit kräftiger Stimme. Nein, kein Playback, um aufwendige Choreografien zu überbrücken. Für den Rückhalt sorgen Chorsängerinnen. Die Lieder freilich sind vom Aufbau her stets recht ähnlich. Beschwörendes Intro, Strophen zu stampfendem Maschinenbeat und mehrstimmig eingängige Refrains.

Gegen Ende kommen „Poker Face“ und „Paparazzi“ und der Technokracher „Scheiße“, Hits, die ihren Zweck, Bewegung auf den Dancefloor zu bringen, erfüllen. Mehr als zwei Stunden lang feiert Lady Gaga eine Riesenparty mit ihren Berliner Fans, die sie liebevoll „Little Monsters“ nennt. Berlin liegt Gaga zu Füßen. Und tanzt. „Marry The Night“ ist die letzte Zugabe, mit der sich die faszinierende Erscheinung verabschiedet. Und in die Berliner Nacht entschwindet.