Jürgen Kuttner

Der Übermotivierte

Jürgen Kuttner bringt das Stück über den Sturz von Willy Brandt ins Deutsche Theater. Und ja, er trauert Helmut Kohl nach

Als plötzlich Corinna Harfouch hinter ihm stehenbleibt, ist Jürgen Kuttner bei Helmut Kohl: „Ich wäre froh gewesen, wenn Kohl noch zehn Jahre länger gemacht hätte.“ Harfouch schwebt unbemerkt weiter, und Kuttner, Kuttner legt nach: „Wenn wir die kohlschen Steuersätze jetzt noch hätten, gäbe es keine Staatsverschuldung.“ Hat natürlich einen lustigen Anfang die Geschichte.

Die Sonne hitzt, das Licht gleißt über den hellen Vorplatz an der Schumannstraße. Es ist Probenpause am Deutschen Theater. Kuttners Mannschaft sitzt ein paar Tische weiter, der Regisseur isst schweres Kantinen-Zeug, Kartoffeln mit Schweinefleisch und Zwiebelsoße, und er dreht lauter: „Darüber muss doch mal geredet werden!“ Seit Kuttner, 54, vor ein paar Jahren den Kanal gewechselt hat, spricht und denkt er durchs Theater. Nach seiner Promotion zum Dr. Phil. 1987 schrieb er für die „taz“, machte Radio und Fernsehen und Bücher. Der heiter-produktive TV-Kuttner, der Mitte der 90er vor allem im Osten erfolgreich ist, hat eigene Sendungen, sitzt bei Biolek und moderiert für das ARD-Morgenmagazin. Kuttner zum Theater, das war wie Bonn nach Berlin. Jetzt also Politik.

Trenchcoat, Pilsbier, Spionage

Mit „Demokratie“ bringen Kuttner und sein Regie-Freund Tom Kühnel ihre dritte Inszenierung ins Deutsche Theater. Das Stück des Briten Michael Frayn erzählt den Brandt-Guillaume-Komplex, diese gesamtdeutsche Spionageaffäre, den Fall eines Kanzlers mit eindrucksvoller Strahlkraft. „Es war vielleicht das letzte Mal, dass in der bundesdeutschen Geschichte noch Politik stattgefunden hat“, sagt Kuttner am Anfang seiner Tempofehde gegen die Feindwelt Gegenwart. Brandt, Wehner, Schmidt – die Politik jener Jahre ist doch schon so übergroß musealisiert, muss man das Ganze noch stärker heroisieren? Muss man, findet Kuttner. „Unser Stück zeigt, in welch kümmerlicher Zeit wir leben. In den 90ern gab es den Begriff der Politikverdrossenheit. Den gibt es schon gar nicht mehr“, behauptet er, „weil es keine Politik mehr gibt, über die man verdrossen sein könnte.“ Kuttner teilt seine Wut. Er hat Gefallen gefunden an den großen Größen der BRD-Politik, an Arithmetik und Ästhetik dieser Zeit.

Die eigentümliche Berührung zwischen Ost und West, die Kuttner als damals 15-Jähriger von Ost-Berlin aus beobachtet, hat ihn angefixt – Guillaume, der Stasi-Spion, der sich, wie Kuttner es schön formuliert, in Willy Brandt verliebt, der ihm nicht schaden will, ihm aber trotzdem den größtmöglichen Schaden zufügt. Trenchcoat, Pilsbier, Spionage – es soll aber, wichtige Sache, sagt Kuttner, kein Retrofestival werden. „Wir fügen dem Historischen weitere Ebenen zu. Ich bin für Unterhaltung, die nicht doof ist, sondern irgendwie substanziell.“

Vieles ist irgendwie. Und dann kämpft Jürgen Kuttner in den nächsten, immer schnelleren Sätzen gegen dieses Irgendwie an, will damit aufräumen. Kuttner will Struktur in seinem Hochgeschwindigkeitstext. Er muss weitermachen. Mehr Wort, mehr Wille, weiter: „Wenn ich ins Theater gehe, finde ich es toll, wenn ich mich unterhalten fühle, lachen kann, wenn trotzdem etwas passiert, wovon man angestoßen nach Hause geht.“ Für das aktuelle Stück soll das heißen: „Wenn man Glück hat, wird es ein heiterer Abend. Präzise, ernst und lustig, politisch und historisch interessant.“

Man könnte Kuttners aufgeregtem Politiklosigkeitsbefund eine Zeitlosigkeit unterstellen, ein altes Spiel, das ein ästhetisches Problem hat mit der zerfaserten Gegenwart, ein Spiel, das an einer unvergangenen Vergangenheit leidet. Kuttner sagt, er will kein Nostalgiker sein. Deshalb möchte er roh nach vorn reden über den „Verfall des Politischen“, die „Kaputtheit seiner Darsteller“. Dennoch, es klingt nach allgemeiner Negativdiagnose. Nach alles falsch und schlecht und böse, nach Schnellschuss-Defätismus: „Ich will keine Schlagersänger haben, nicht die Smarten, die leeren Anzüge. Ich will lieber jemanden, der stottert und schielt, der dafür ein politisches Konzept hat, das er vertritt. Es gibt keine Zielvorstellungen. Es geht nur noch um mediales Verhandeln von Sympathien: Dieser oder jener ist gerade nett, lass die mal weitermachen.“ Bremsversuch: Ist ihre mediale Dauerpräsenz eine Erklärung für den Substanzverlust von Politikern? „Für mich nicht“, sagt Kuttner. Wo sind die Hoffnungsträger? „Ich sehe erst mal keine.“ Dann: „Wir brauchen ein gesellschaftliches Gespräch darüber, wie wir leben wollen“ – ein Joachim-Gauck-Satz, leicht zu verstehen, populär, irgendwie richtig und wichtig. Irgendwie gar nicht theaterlich.

Gefällige Talkshowpest

Die Performance-Brutalität des Fernsehmachens lässt Kuttner, anders als die Arbeitsüberforderung des Berufspolitikers, kurz mal gelten: „Es hat mir Spaß gemacht, mit dem Medium zu spielen, aber es war auch scheiße anstrengend, sich auf den Punkt zu konzentrieren und dann etwas hinzurotzen.“ Fernsehen, dieses ewig leidende Leitmedium – ist denn Theater für Kuttner ein maßgeblicher Ort mit gesellschaftlicher Direktverbindung? „Ich glaube, Gedankenanstöße sind das Maximum. Aber es können halt nicht alle bei Markus Lanz rumsitzen. Mich nervt diese gefällige Talkshowpest.“

Wer Kuttners Transformationsprozess ins seriöse Genre als typwidrig abtut, verkennt die Motivation, mit der er dort nach Antworten sucht. Kuttner steht vor vielen Fragen, er nimmt alles auf, macht noch mal Tempo: „Dieses Haus ist öffentlich rechtlich, steuerfinanziert. Da steht man unter einer großen Verantwortung“, Kuttner klopft auf den Tisch, „da muss man etwas zurückgeben. Vielleicht etwas, das niemand haben wollte, was aber dann doch irgendwie wichtig ist.“ Wir sind wieder beim Irgendwie, irgendwo müssen wir aufhören. Wir gehen noch die Bühne anschauen, auf der heute Abend die Premiere steigt. Kuttner lobt seine Schauspieler, er lobt den Bühnenbildner, erklärt ein paar Vorgänge, die Vorhänge, die als Projektionsflächen dienen. „Video spielt eine Rolle“, sagt Kuttner. Er ist gut draufgekommen vom vielen Auferzählen. Es ist Probenpause am Deutschen Theater. Kuttner rockt weiter, kämpferisch, roh und lustig.