Lesung der Woche

Donna Leon gibt in Berlin Geheimnisse ihres Schreibens preis

Jetzt, wo es so langsam kalt wird, tut es richtig gut, eng beieinander zu sitzen. Der große Saal des Babylon Mitte ist erfüllt von einer Erwartungshaltung, die so groß ist, dass die Menschen aufgeregt allen möglichen Quatsch daherreden.

Zwei Frauen von hinten kreischen fast. Der Freund der einen hat per SMS Schluss gemacht. „Nein! So ein Mistkerl“, ruft die andere. Als dann die Frau mit den grauen Haaren von hinten zum kleinen Tisch auf der Bühne geht, verstummen sie endlich. Die Schriftstellerin Donna Leon ist gekommen, um in einem roten Blazer aus Commissario Brunettis 20. Fall „Reiches Erbe“ vorzulesen.

Das scheint eine sehr deutsche Sache zu sein. Über 20 Jahre jedes Jahr ein neuer Fall eines Kommissars, der sich von seiner emanzipierten Frau die tollsten Sachen kochen lässt. Dazu ein bisschen Polit- oder Sozial-Kritik, ein bisschen Scusi-Signorina-Italien und das läuft schon. Sieht man ja im Babylon. Die Männer und Frauen sind über zwei Jahrzehnte mit ihrem Guido Brunetti mitgealtert. Sie wissen alles über ihn und sein Venedig und müssen doch niemals da gewesen sein.

Beim Lesen wechseln sich Donna Leon und die deutsche Schauspielerin Annett Renneberg ab. Die Autorin liest auf Englisch, die Schauspielerin auf Deutsch. Und obwohl Leon genau in einer Woche 70 wird, Renneberg noch nicht mal halb so alt ist, stimmt alles zwischen den beiden. Wenn die Mikrofone ausfallen, scherzen die zwei wie beste Freundinnen. Wenn die Dinger wieder funktionieren, flüstern beide nur noch, um den Tontechniker zu foppen. Ein ganz leise gehauchtes „Hello Annett, can you hear me?“ von Leon und ein genau so stilles „Yes, pssst“ von Renneberg. Köstlich. Einige rufen, weil sie nicht alles verstanden haben, „Lauter“ und einer der jüngeren Zuschauer merkt an, die Herrschaften sollten doch bitte ihre Hörgeräte richtig einstellen.

Leon ist in New Jersey, dem Springsteen-Staat der USA geboren, aber sie spricht Brunetti so hart italienisch aus. Gerolltes R, wie ein anspringender Benzinrasenmäher. Sie spielt richtig beim Lesen, mehr sogar als die Schauspielerin. Wenn einer die Lesebrille aufsetzt im Buch, dann tut sie das auch, und formt mit Daumen und Zeigefinger ein Brillenglas. Zwischendurch erklärt Leon, dass sie mittlerweile ein gutes Gespür für Gerüchte haben. Es gebe zwei Arten von Gerüchten, solche die es halt gibt, und solche, die sie zu Büchern macht. Das Gerücht zu „Reiches Erbe“ habe sie, wie kann es anders sein, beim Abendessen mit Freunden gehört. Es ginge um eine alte Dame, die niemanden mehr hatte und ihr Erbe an zwei Fremde gab, die sie in den letzten Monaten einfach so besuchen kamen. Zum Schluss dürfen die Zuhörer noch Fragen stellen. „Stimm es, dass sie wirklich so diszipliniert schreiben“, fragt eine. „Schauen Sie mich an, sehe ich diszipliniert aus?“, entgegnet Leon und kichert spitzbübisch. „Aber jetzt eine interessantere Frage, bitte!“ Leon erzählt, dass sie die Rezepte für die Bücher immer von einer Freundin bekäme, lacht und sagt: „So langsam ist es aber Zeit zu essen“. Dann signiert noch ein paar Bücher. Macht bestimmt hungrig.