American Academy

Transatlantische Dialog-Sphären am Wannsee

American Academy stellt neue Stipendiaten vor

Die Wannseekonferenz dort drüben, hinter den geschlossenen Fenstern des kleinen Saals, auf der anderen Seite des Sees, hinter den Rotbuchen, die alle Sicht auf die weiße Villa versperren, in der Anfang 1942 die Massentötungen der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa von deutschen Männern organisiert wurden – Ines Pohl, Chefredakteurin der „taz“, erinnerte als Gastrednerin für die neuen Mitglieder und Stipendiaten der American Academy an das zerstörte Verhältnis zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten vor 70 Jahren.

Die American Academy in Berlin wurde 1994 gegründet, um den transatlantischen Dialog zu fördern. „Und diese Allianz hat mehr Relevanz denn je“, sagte Pohl und hieß die Preisträger „willkommen, mit uns zu diskutieren.“ Dreizehn Amerikaner – Politik- und Literaturwissenschaftler, Künstler und eine Schriftstellerin – haben in diesem Herbst wieder die Gelegenheit, ihren Studien nachzugehen, sich untereinander auszutauschen, als Teil des kulturellen und politischen Lebens in Berlin, ein akademisches Semester lang. Der „Berlin Prize“ beinhaltet ein monatliches Stipendium, Kost und Logis im Ludwig Arnold Haus am Wannsee inklusive. Zudem lädt Akademieleiter Gary Smith amerikanische Politikexperten und Journalisten nach Berlin, für einen erweiterten Meinungsaustausch.

Theorie des Neuen Kitschs

Die Stipendiaten skizzierten den Gästen in kurzen Anrissen ihre Projekte. Joan Acocella, die für den „New Yorker“ schreibt, beschäftigt sich seit längerem mit der US-Serie „The Sopranos“. Sie will in Essays die Frage diskutieren, inwieweit eine herausragende Fernsehserie heute mit moralischer Aufmerksamkeit rechnen darf, die etablierten Künsten gewöhnlich zuteil wird. Der Literaturwissenschaftler Daniel Tiffany versucht sich an einer „Theorie des Neuen Kitschs“ als poetologisches Programm; der New Yorker Peter Constantine – der zuletzt Benjamin Leberts „Der Vogel ist ein Rabe“ ins Englische übertrug – wird unter anderem Gedichte von Buchpreis-Shortlister Clemens J. Setz übersetzen. Der Maler, Bildhauer und Collagist Richard Hawkins ist der einzige, der noch nicht genau weiß, was für ein Produkt er schaffen wird, und Hans R. Vaget aus Northampton, Massachusetts, der „Bindestrich-Amerikaner“, wie er sich als „German-American“ nennt, wird sein nur hierzulande erschienenes Buch „Thomas Mann, der Amerikaner“ für den US-Markt „in Form bringen“. „Northampton sei eine schöne Stadt“, sagte Vaget, „die nicht ganz mit der Unberechenbarkeit Berlins mithalten kann.“ Beim Verlassen der Academy spielte ein Küchenradio leise Madonnas „Like a Prayer“ durchs offene Fenster.