Ausstellung

Easy-Rider unterwegs mit der Kamera

In Dennis Hoppers Nachlass befanden sich 400 Fotos. Eine Ausstellung im Gropius-Bau

Andy Warhol besuchte er irgendwann 1963 in dessen Factory in New York. Cooles Studio, sieht aus wie ein künstlerischer Darkroom. Die hippen Typen hängen auf weichen Sofas rum, offenbar berauscht von irgendwelchen Substanzen, alle finden sich ziemlich toll, Spaß haben sie. Das wird vor dem Spiegel entsprechend begutachtet, auch wenn das Make-up etwas düster gerät. Der Mann, der diese Szenen fotografierte: Dennis Hopper, der spätere Easy-Rider-Rebell mit dem unverwüstlichen Rauhbein-Charme. Diese Fotos konnten nur so authentisch und spontan gelingen, weil er selbst Teil der Szene war, überall mischte er mit im wild-exzentrischen Leben der Künstlerboheme von Los Angeles und New York. Künstler und Kollegen, die er fotografierte, kannte er, sie kannten ihn, da war nichts Arrangiertes, gar Gekünsteltes in der Pose. Insofern sind seine Bilder alles andere als glamourös, weder perfekt noch klassisch in der Komposition. Er blieb bei Schwarzweiß, Farbe, hat er einmal gesagt, hätte ihn verführt, weggeführt vom Motiv.

Hippies mit Flokati-Westen

Als Dennis Hopper vor zwei Jahren im Mai starb, hinterließ er nicht nur fünf Ex-Ehefrauen, sondern ebenso eine umfangreiche Kunstsammlung. Etwa ein Jahr später fand seine Tochter im Keller seines Hauses noch fünf Kisten, wie das oft so ist, verstaubt und vergessen. Darin entdeckte sie über 400 Vintage-Fotos, die jetzt - erstmals überhaupt in Europa - im Martin-Gropius-Bau zu sehen sind. Entstanden ist „Lost Album“ zwischen 1961 und 1967, danach sattelte Hopper ganz bei Easy Rider auf. Das Spektakuläre daran: Aus Tausenden seiner Fotos traf Hopper eine Auswahl, um seine erste Fotoausstellung im Fort Art Center in Texas zu bestücken. Das war 1970. Im Gropius-Bau hat man nun versucht, die Hängung der Originalschau zu rekonstruieren. Elf der Abzüge sind verschollen, sie wurden, deutlich markiert, durch neue Prints ersetzt. Die Aufnahmen sind ziemlich klein, auf Pappe gezogen, ungerahmt und unverglast und mit zwei schmalen Holzleisten an den Vitrinenwänden angebracht. Ein schlichtes System, das Hopper damals austüftelte. Auf der Rückseite machte er Notizen. Die Bilder zeigen allesamt Gebrauchsspuren, teilweise haben sie Dellen und Flecken. Hopper fotografierte nicht nur privat, er war damals durchaus anerkannt in der Zunft. Das Magazin Art Forum druckte seine Künstlerfotos, sogar als Cover. Vogue veröffentlichte seine Musiker-Porträts, 1965 macht er das Coverfoto für Ike & Tina Turners Album „River Deep - Mountain Hight“. „Er hatte als Fotograf Visionen“, so erklärt es Kuratorin Petra Giloy-Hirtz. Der Dennis Hopper Art Trust kümmert sich heute um diesen künstlerischen Nachlass.

Mit 18 fing er an zu fotografieren. Angeblich hatte ihn sein Freund James Dean, mit dem er damals in „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „Giganten“ spielte, inspiriert. Aber wahrscheinlich gehört das zur Mythenbildung. 1961 heiratete er die Schauspielerin Brooke Haywards, sie war es, die ihm zum Geburtstag seine erste Nikon schenkte, die er „Tag und Nacht“ wie sie sich erinnert, nicht mehr aus der Hand legte. In ihrem Haus in Hollywood traf sich die Schauspiel-, Kunst- und Musikerelite, Ike und Tina Turner setzten sich dort ans Klavier. Zu den Gästen zählten: Andy eben, Paul Newman, Jane Fonda, Robert Rauschenberg, Claes Oldenburg, Jasper Jones. Einige diese Fotos sind Ikonen. Allan Kaprow fotografierte er dabei, wie er Eisblöcke zu einer Installation arrangierte. Heute würde man Hoppers kalifornisches Interieur kitschig nennen, damals stand es für die Freiheit des Geschmacks. Der „Living Room“ war der „Circus Art“ gewidmet, eine Wandmalerei zeigt eine Tänzerin auf einem Schimmel, eine Glitzerkugel wie aus der Disco hängt an der Decke. Eine Madonna betet auf der Veranda, eine Coca Cola-Lampe baumelt an der Küchen-Decke. Natürlich gibt es irgendwo einen echten Warhol, der damals noch nicht viel wert war.

Hopper war mit seiner Kamera breit aufgestellt, seine Fotos sind Dokumentation, Reportage oder ästhetisches Experiment. Er streifte durch die Hippie-Szene, Flokati-Westen-Träger sind dabei, er mischte sich unter die raufenden und saufenden Hells Angels. Verblüffend wie nah er den Kumpels kam, die sich mit Runen auf den Jacken brüsteten. Dann wieder begleitete er Martin Luther King Jr. auf dem Marsch nach Alabama. Lost Album ist mehr als die Summe geglückter Fotos, es ist die Dokumentation seiner Zeit. Vietnam-Krieg, Demonstrationen, Bürgerrechtsbewegung. Ein Spiegel Amerikas in den Sechzigern - gesellschaftlicher Um- und künstlerischer Aufbruch. Und: Lost Album deckt alles ab - das Öffentliche wie Private, die Kunstszene. Im Jahr 2000 schrieb Hopper: „Ich bin ein schüchterner Mensch, und viele Jahre lang war die Kamera für mich ein großartiges Mittel, mir die Leute vom Hals zu halten.“ Auch so kann man Understatement betreiben.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Mi-Mo 10-19 Uhr. Bis 17. 12. Katalog: 24 Euro, Prestel.