Kleinkunst

Schattenspiele mit Pappe, Wischmop und leeren Händen

Varieté-Star Jeff Achtem verzaubert im Chamäleon

Es ist eine Kunst, die uns schon in der Kindheit fasziniert hat. Die Kunst, Schatten Leben einzuhauchen. Ob die artifiziellen Scherenschnittfilme einer Lotte Reiniger oder die einfache Übung, mit der man selbst für Staunen sorgen konnte, wenn man durch einfaches Formen der Hände eine Taube oder einen Hund als Schatten an die Wand warf. Im Chamäleon Varieté hatte mit „Mr. Bunks Shadow Puppet Comedy“ eine neue Show Premiere, in der die Faszination am Spiel mit Schatten in eine neue Dimension katapultiert wird und die das Publikum Jauchzen lässt, als wären alle gerade wieder zu Kindern geworden. Zunächst erleben wir einen durchgedrehten Hektiker, der sich mit lautmalerischem Gemurmel und Taschenlampe in der Hand Richtung Bühne palavert. Typ: „mad scientist“, mit Schutzbrille und Hang zur Schusseligkeit. Die Bühne selbst gleicht der Spielwiese eines Messies, der Haushaltsutensilien, Wohlstandsmüll und ausgedientes Spielzeug hortet. Der aber daraus Neues erschafft. Und der damit wunderbare Geschichten zu erzählen versteht.

Der kanadische Clown und Puppenspieler Jeff Achtem ist als „Mr. Bunk“ ein preisgekrönter Star der Varietebühnen in Kanada, den USA und Großbritannien. Nun zeigt er seine skurrilen, schrägen und kuriosen Geschöpfe erstmals in Deutschland. Sein Programm „Swamp Juice“ entsteht sozusagen aus dem Chaos. Und er ist immer mittendrin, lässt daran teilhaben, wie seine Schattenfiguren entstehen, aus Pappe und Weihnachtsdeko, Wischmop und Gummihandschuh, Stoffresten und einfach mit den Händen. An einer Bühnenseite hängt eine Leinwand, auf der er seine Geschichten erzählt. In seiner phantastischen Sumpflandschaft hat ein mächtiger Kerl das Sagen, der ein wenig an düstere Simpsons-Trickfiguren erinnert. Irgendwann reißt Mr. Bunk einen Vorhang zur Seite, der nicht nur den Blick freilegt auf jede Menge weitere Müllutensilien an einer Wäscheleine, sondern auch auf drei Musiker, die den Soundtrack liefern für diese schrullig-märchenhafte Irrsinns-Revue. Mr. Bunk rast als ruheloser Regisseur kreuz und quer über die Bühne, um neue Szenen für seine krude Geschichte auszuhecken. Er lässt den flatterhaften Vogel von einem Wasserungeheuer fressen. Ein Schattenkrieger taucht auf, der einem Freiwilligen aus dem Publikum den Faustkampf lehrt. Schattenboxen auf völlig neue Art.

Längst hat Mr. Bunk das Publikum mit seiner charmant-trotteligen Art auf seiner Seite. Als seine Geschichte zu einem Unterwasserabenteuer wird, stattet er die Besucher mit allerlei schrägen und zotteligen Utensilien aus, die in der Projektion zur Sumpfkulisse für die Flucht des Vogels vor dem Monster werden. Und phänomenal ist das Finale, das zu einer turbulenten Liveshow in 3-D mutiert. Mitarbeiter verteilen rot-grüne 3-D-Brillen. Und tatsächlich schwirren einem nun höchst lebendig Schattenrissfiguren, Vögel, Würmer und ein ausgewachsenes Propellerfluggerät, direkt vor der Nase herum. Unglaublich. In rund 70 Minuten ohne Pause versteht er es, Menschen zu packen, zu bewegen und mitzunehmen auf einen irrsinnigen Trip, der aufs Komödiantischste zu unterhalten weiß. Man sollte diese Show nicht versäumen.

Chamäleon, Rosenthaler Straße 40, Mitte. Tel. 40005930. Sonntags und montags, 20 Uhr, bis 22. Oktober