Film

Bis der Tod uns scheidet

Er war immer ein kühler Analyst. Jetzt ist Michael Haneke mit „Liebe“ ein berührender Film über das Altern und das Sterben gelungen

Es ist ein Morgen wie jeder andere. Das Paar frühstückt gemeinsam, noch im Morgenmantel. Es hat sich nicht viel zu sagen, kommuniziert aber ganz selbstverständlich, ohne viel Worte. Anna und Georges, beide um die 80, sind seit Jahrzehnten zusammen. Und führen ein erfülltes Leben. Bis plötzlich an diesem Morgen Anna starr vor sich hinguckt. Und auch auf die immer nervöseren Rufe von Georges nicht mehr reagiert. Erst Minuten später kommt Anna wieder zu sich – und kann sich an nichts erinnern. Als sie sich Tee einschenken will, gießt sie ihn nicht in die Tasse, sondern in die Untertasse.

Das ist der Moment, in dem Anna und ihr Mann und das Publikum, das ihnen zuschaut, wissen, dass nichts mehr so ist, wie es war. Ein Schlaganfall, schnell erkannt und im Krankenhaus behandelt. Aber die Folgen bleiben. Anna kann nicht mehr laufen, wird zum Pflegefall. Und ihr Mann, äußerlich fast gebrechlicher als sie, wird zu ihrem einzigen Bezugspunkt, zum Rund-um-die-Uhr-Helfer. Einer der erschütterndsten Momente des Films ist jener, als Georges von einer Beerdigung zurückkehrt und seine Frau im Flur vorfindet. Am Boden, neben dem offenen Fenster. „Entschuldigung, dass ich zu langsam war“, sagt sie. Ohne Worte zu verlieren, weiß er, was sie wollte: sich mühsam übers Fenstersims hieven und fallen lassen. Georges schließt das Fenster, auch dies ohne Worte und doch so beredt: Ein solches Ende kommt nicht infrage.

Protokoll eines Verfalls

Michael Haneke war immer ein kühler, manchmal auch ätzend provozierender Analyst der Gesellschaft – und ihrer Verrohung. Das Wort Liebe kam in seinen Filmen eigentlich nicht vor. Sein jüngstes Werk nun, das morgen in die Kinos kommt, trägt diese ihm fremde Vokabel gleich im Titel – und wirklich ist dies der wärmste, berührendste Film, den der in Paris lebende Österreicher je gedreht hat. Er beginnt, wie ein Haneke-Film gewöhnlich beginnt: Das Paar kehrt von einem Konzert nach Hause zurück – und stellt fest, dass jemand versuchte einzubrechen. Der Einbruch von Fremden in das Leben unbekümmerter Großbürger, das zieht sich wie ein roter Faden durch Hanekes Oeuvre. Aber hier ist es eine falsche Fährte. Hier geht es um einen ganz anderen Einbruch, wird eine Frau nach und nach ihrer Kräfte beraubt. Und ihr Mann steht ihr bei, bis an seine eigenen Grenzen.

„Liebe“ ist, nach Andreas Dresens „Halt auf freier Strecke“, in kurzer Zeit der zweite Film, der das Protokoll eines Siechens und Sterbens in all seinen schwer erträglichen Details vorführt. Das Sterben ist eines der letzten Tabus in einer Welt, die so ziemlich mit jedem Tabu schon gebrochen hat. Beim Siechtum guckt man auch im wahren Leben gern weg. Doch jetzt zwingen uns Dresen und Haneke, dafür sogar ins Kino zu gehen. Und sie belohnen uns beide. Weil man gestärkt wieder herauskommt. „Halt auf freier Strecke“ handelte von einem, wie man so sagt, zu frühen Sterben. Als ob es dafür ein richtiges Alter gäbe. „Liebe“ handelt von einem Paar, das Jahrzehnte ganz offensichtlich im Glück miteinander verbracht hat, in einer großen, geschmackvoll und teuer eingerichteten Wohnung in Paris. Sie sind bis ans Ende der Strecke gekommen, doch dieses Ende deutet sich immer unbarmherziger an. Anne baut zunehmend ab, bald wird Georges ihr auf der Toilette helfen müssen, wird er ihr Essen klein schneiden wie einem kleinen Kind. Und Georges tut dies mit einer Selbstverständlichkeit, die zu Herzen rührt.

Die Liebe, die im Titel steht, ist ein doppeltes Versprechen. Ungesagt wird Anne nie wieder versuchen, sich das Leben zu nehmen, wird sie nicht vor der Zeit von ihm gehen. Sie zwingt ihm aber das Versprechen ab, sie nie wieder fortzugeben, nicht ins Krankenhaus, nicht ins Heim. Sie bilden eine winzige Schutz- und Trutzzelle, die sich zunehmend auch von der Außenwelt abnabelt, von der überforderten Tochter, der neugierigen Concierge, der übellaunigen Tagespflegerin. Und das ist das Besondere, Einzigartige an Hanekes Film: dass er vornehmlich zwar ein Drama übers Siechen und Sterben ist, Themen also, die nicht eben ins Kino locken, andererseits aber eins über die Liebe, die all das auf sich nimmt, die das Schnulzige „... in guten wie in schlechten Zeiten“, obschon es nie bemüht wird, bis zur letzten Konsequenz vorexerziert.

„Liebe“ ist nichts Geringeres als ein Kinojuwel. Weil es mit minimalsten Mitteln ein Maximum an Ergriffenheit erreicht. Einmal nur verlässt die Kamera die Wohnung der beiden, ganz zu Beginn im Konzertsaal. Ansonsten bleibt es ein Kammerspiel im wörtlichen Sinne, eine Bühne für die grandiosen Hauptdarsteller. Emmanuelle Riva war vor 53 Jahren in der Duras-Verfilmung „Hiroshima, mon amour“ als große Offenbarung zu entdecken, war in den letzten Jahrzehnten aber fast sträflich vergessen worden. Jean-Louis Trintignant ist eine Ikone der Nouvelle Vague, der sich aber zuletzt ebenfalls rar gemacht hat und in den letzten zehn Jahren keinen einzigen Film mehr gedreht hat. Ihnen bereitet Haneke noch einmal eine große Bühne, die sie zu füllen wissen mit kleinsten Gesten. Das verschmitzte Lächeln von Anne, wenn sie mit dem neuen, vollautomatischen Rollstuhl ein kleines Rennen in der Diele fährt. Der Blick von Georges, wenn er ihr einen Text vorliest, obwohl sie längst eingeschlafen ist.

Haneke, der im März 70 geworden ist, hat vor drei Jahren mit „Das weiße Band“ sein Meisterwerk abgelegt, das einen wahren Siegeszug um die Welt geführt hat. Das schien nicht mehr zu überbieten zu sein, und doch überrascht er nun mit seinem wohl persönlichsten Film. Gewöhnlich lehnt der immer etwas abweisend wirkende Filmemacher es vehement ab, seine Werke autobiografisch zu erklären. Diesmal aber legte er erstmals selber Fährten. Die Wohnung, sagte er der Morgenpost in einem Interview nach seinem Sieg in Cannes, sei der seiner Eltern genau nachgebaut worden. Die Geschichte habe dennoch nichts mit ihnen zu tun, betonte er, gab aber zugleich zu, dass auch sein Vater nach dem Tod der Mutter vom Schlafzimmer in die Kammer umgezogen sei. Einen Film mit diesem Thema hatte er schon seit 1992 im Kopf, doch der eigentliche Auslöser war der Freitod seiner Tante, die ihn aufgezogen und die er sehr geliebt hat.

Moderne Philemon und Baucis

Erstmals in einem Haneke-Film ist so etwas wie Empathie und Wärme zu spüren, und das gleich im Überschwang. Er hat damit in Cannes gleich noch einmal die Goldene Palme gewonnen und geht jetzt sogar als österreichischer Kandidat für den Auslands-Oscar ins Rennen. Das alte Vorurteil, dass niemand im Kino ältere Menschen sehen will, ist damit einmal mehr widerlegt. Haneke widerlegt sich aber auch ein Stück weit selbst. Der alte Fassbinder-Titel „Die Liebe ist kälter als der Tod“ hätte auch über jedem seiner früheren Filme stehen können. Jetzt aber zeigt er, dass die Welt doch nicht nur von hartherzigen, kalten Menschen bevölkert ist. Sein Georges und seine Anna sind eine moderne Version von Philemon und Baucis. Und sie machen, bei aller Angst vor dem Tod, auch Mut, den Weg bis zum Ende zu gehen.