Das Mädchen mit den Schwefelhölzern

Eine ungewöhnliche Premiere zum Saisonauftakt

Helmut Lachenmann und die Deutsche Oper trauen sich was

Die Deutsche Oper Berlin startete mit einem Experiment in ihre Jubiläums-Saison. Und wurde großzügig belohnt. Das Publikum vermied alle Missfallenskundgebungen, sondern feierte Helmut Lachenmann stürmisch. Erstaunlich. Denn „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, eine der radikalsten zeitgenössischen Bühnenschöpfungen, ist im Grunde gar keine Oper. Lachenmann gab seinem 1997 uraufgeführten Werk den Titel ‚Musik mit Bildern’. Hans Christian Andersens Märchenvorlage wird weitgehend unterschlagen, dafür aber mit Texten Gudrun Ensslins und Leonardo da Vincis verfremdet, Gesang im herkömmlichen Sinne gibt es nicht, das Orchester fabriziert mehr Geräusche als Töne. Die Mängel passen sozusagen wunderbar zusammen: keine sinnvolle theatralische Handlung, keine zwingende musikalische Struktur! Von den insgesamt hundert Minuten wären fünfzig ohne Einbußen verzichtbar. Insbesondere wären die beiden Solo-Soprane verzichtbar. Im Gegensatz zu seinem Lehrer Luigi Nono konnte Lachenmann im vokalen Bereich keine faszinierend neue Sprache erfinden. Seine Stärke ist und bleibt das Instrumentale. Vor allem Streicher und Bläser klingen bei ihm unerhört, es knarzt , knirscht und schabt an allen Ecken, man hört die materialen Elemente Holz und Blech, nicht kunstvoll erzeugte schöne Töne. Im Falle des Schwefelholz-Mädchens liefert diese Handhabung einen besonderen Effekt, den Lachenmann mit „Violinen als Streich-Hölzer“ treffend umschrieb. Das Orchester bewältigte dank Lothar Zagrosek seine irrwitzig komplexe Partitur bravourös, dem in vier Quartette gegliederten Chor waren die dankbareren Vokalpartien des Werkes anvertraut. Die schockartige Wirkung freilich des Märchens, nämlich der Kontrast von Halluzination und erbärmlichem Tod des Bettelmädchens, wird sowohl musikalisch als auch theatralisch verschenkt. Diese letzte Szene hat August Enna überzeugender gestaltet, ein dänischer Komponist, der hundert Jahre vor Lachenmann das gleiche Märchen im Belcanto-Stil vertonte. Es wäre vielleicht nicht der schlechteste Einfall und nicht weniger provokativ gewesen, Ennas Einakter als Ouvertüre zu geben. Lachenmanns Triumph hätte es nicht geschmälert.