Literatur

Raushalten geht gar nicht

Dass es so etwas noch gibt: Juli Zeh ist eine - im besten Sinne - engagierte Autorin. Ein Besuch bei Heim und Kind in Brandenburg

Es ist im März dieses Jahres. Das Thema im „Philosophischen Quartett“ lautet: „Europa ohne Euro? Eine Spekulation.“ Mit dabei ist Schriftstellerin Juli Zeh. Total nett sieht sie aus mit ihrer dunkelblauen Lederjacke und den adrett geflochtenen Haaren. Als man sie nach einem langen Joschka-Fischer-Monolog endlich etwas fragt, funkeln sich ihre Augen einmal quer durch die Altherren-Runde. Dann sagt sie, dass sie hier jetzt erst mal eine kontroverse These aufstellt, „damit wir uns nicht immer alle einig sind.“ Ein typischer Juli-Zeh-Moment.

Die 37-Jährige schüttelt lachend den Kopf, als sie die Geschichte noch mal erzählt. Sie hockt hoch oben vor dem Heuboden, der zu ihrem villakunterbuntigen Häuschen in Brandenburg gehört. Sie trägt Jeans, grüne Turnschuhe und entschuldigt sich für die schlichte Umgebung, in der das Gespräch stattfindet: Ein Tisch, zwei Stühle, darüber offener September-Himmel. Sie habe die Abmachung mit ihrem Mann den Medienrummel um ihre Person nicht unnötig in ihr Privatleben zu lassen, erzählt sie. Diese Vorsicht ist vermutlich notwendig. Denn Juli Zeh gehört zu den international erfolgreichsten Autorinnen Deutschlands. Ihre 16 Bücher wurden in 35 Sprachen übersetzt, sie schreibt regelmäßig journalistische Essays, sie hat zwei Staatsexamen in Jura und das Schriftstellerdiplom des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. In dem weitläufigen Gelände, das zur ihrem Haus gehört, stehen Pferde und Apfelbäume, ein Hund läuft durch das hohe Gras. Seit elf Jahren ist sie mit ihrem ebenfalls schreibenden Mann zusammen und seit sechs Monaten gibt es ihren Sohn Nelson.

Eher ein Moll-Charakter

Es könnte eine perfekte, kleine Welt sein. Doch Juli Zeh hat schon „eher einen Moll-Charakter“. Eine Seite, die düster und streitbar bleibt, egal wie positiv ihre persönliche Situation sich gerade entwickelt. Sie kann nicht aufhören, sich Gedanken zu machen, zu hadern, zu zweifeln, zu streiten. In ihrem aktuellem Buch „Nullzeit“ geht es um den Versuch, sich von gesellschaftlichen Problemen abzukoppeln. Tauchlehrer Sven ist „ausgestiegen“, hat Deutschland verlassen, um auf einer griechischen Insel sein Glück zu finden. Die Essenz des Buches, in dessen Verlauf Sven in das intrigante Machtspiel eines sadomasochistischen Paares gerät: Rückzug funktioniert nicht. Seit Wochen ist der Roman in den Bestseller-Listen. Juli Zeh hat mit „Nullzeit“ einen literarischen Standpunkt gegen all die formuliert, die ihren Seelenfrieden im Raushalten suchen. Es ihre Entschiedenheit, mit der sie Stellung zu gesellschaftspolitischen Fragen bezieht, die sie zu einer der erfolgreichsten Autorinnen Deutschlands gemacht hat. Es ist ihr Moll-Charakter, der sie immer wieder zu einer Auseinandersetzung mit den großen und schwierigen Themen drängt. Ohne diesen Moll-Charakter hätte sie vielleicht ein kantenfreies Leben in Brandenburg. Aber ohne ihn gäbe es vermutlich nicht die Autorin Juli Zeh. Sie mag es klar und scharf. Deshalb lässt sie es auch einem ehemaligen Außenminister nicht durchgehen, sich in der eigenen Rhetorik zu verlieren, ohne zum Punkt zu kommen. „Ich habe dann das Gefühl, jemand nutzt seine Möglichkeiten nicht und enthält mir dadurch eine wichtige Meinung oder Information vor“, sagt sie. Und wenn das passiert, ist sie genervt. In ihrem Buch „Spieltrieb“ hat sie solche Menschen als „Bonner Prinzessinnen“ auf die Spitze getrieben und sie als unreflektierte und manipulierbare Komparsen um ihre widersprüchlichen und hochbegabten Protagonisten drapiert. „Die gab es natürlich auch in echt, die Prinzessinnen“, sagt Juli Zeh. Und manchmal hätte sie gerne mit ihnen getauscht. „Sie waren so leicht, so unbeschwert, so strahlend.“ Sie selbst hätte keine andere Möglichkeit gesehen, als zu versuchen anders sein, „grunchig, punkig“, immer auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Denn sonst hätte sie angefangen, diese Mädchen zu beneiden. „Außerdem war ich nicht hübsch genug“ fügt sie hinzu und lacht. War Juli Zeh gerade kokett? Juli Zeh, die unbestechliche, scharfsinnige Autorin, die mal über sich selbst sagte, dass sie sich eher mit Männerfiguren identifiziere? Eine andere Erklärung kann es kaum geben. Denn auch wenn es wahrlich genug gibt, das über und von Juli Zeh erwähnenswert ist, so darf man es doch einmal sagen: Sie ist eine Frau, die auf eine schnörkellose und unaufgeregte Art schön ist.

Irgendwann kommt ihr Mann auf den Heuboden gestapft und drückt seiner Frau den kleinen Nelson in den Arm. Blond ist der und flirtig und vergnügt. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so viel Spaß macht Mutter zu sein“, sagt Juli Zeh und schwingt das jauchzende Kind ein bisschen durch die Luft. Und wenn heute jemand fragen würde, ob es etwas gebe, das sie bereut, dann dass sie sich nicht schon viel früher getraut habe. „Es wird einem nicht gerade Lust auf Kinder gemacht“, sagt sie. Es werde so viel gejammert und „Ein-Kind-ändert-alles-Parolen“ neben „Mit-Kind-kannst-du-nicht-einfach-so-weitermachen-Mantras“ erzeugten irgendwann den Eindruck, dass Kinder kriegen ein bisschen sei wie sterben. „Totaler Quatsch“ sagt Juli Zeh. „Ich hätte mich nie von diesem Ausschließlichkeits-Gerede verunsichern lassen sollen.“

Es fängt ein bisschen an zu regnen in Brandenburg. Und Juli Zeh läuft mit ihrem Sohn auf dem Arm und Hündin Olga bei Fuß an den Obstbäumen vorbei zurück in ihre Villa Kunterbunt.