Theater

Die Liebe lieben oder lieber von ihr lassen?

René Pollesch inszeniert „Don Juan“ an der Volksbühne

Einer wie René Pollesch glaubt natürlich eigentlich nicht an die Liebe. Zumindest nicht offiziell. Allerdings hat er sich in letzter Zeit auffällig intensiv mit ihr beschäftigt und nimmt es jetzt gar mit dem größten Frauenhelden aller Zeiten auf. Mit seiner Bearbeitung von Molières „Don Juan“ eröffnete Pollesch am Wochenende die neue Spielzeit der Volksbühne und beendete gleichzeitig die schon im Frühjahr gestartete Molière-Trilogie.

Erst mal gibt es zum Einlass bombastische Balladen-Beschallung: „Greatest Love of All“. Kurz darauf purzelt das Ensemble samt Souffleuse aus einem kleinen Fach in der getäfelten Holzwand und fällt (ohne Souffleuse) direkt kreuz und quer über einander her, wobei Martin Wuttke in dem küssenden Knäuel aus Lilith Stangenberg, Franz Beil und den anderen als Don Juan den erotischen Kern abgibt. Womit wir schon mitten drin wären in dem veritablen Dilemma namens Liebe, das die Welt in zwei Lager teilt: „ Die, die sich nehmen, was sie wollen. Und die anderen.“ Klar, dass die anderen die Langweiler sind. Die, die die Aussicht auf ein langes Leben nicht durch Lust und Laster gefährden wollen. Was Martin Wuttke zu einem kleinen Exkurs übers Rauchen anregt, der nicht nur theoretisch bleibt, im Laufe des anderthalbstündigen Abends versenkt er gefühlt zwei Dutzend Kippen in einen bereitstehenden Wassereimer. Da kann der Tod in Gestalt dreier mit Musikinstrumenten bewehrter Skelett-Marionetten ihm noch so jovial den Arm um die Schulter legen.

Mit seiner dunklen Perücke, den ergrauten Koteletten und dem engen Oberteil hat Wuttke, der auch schon in den ersten beiden Volksbühnen-Molières die Hauptrolle spielte, übrigens frappierende Ähnlichkeit mit Jogi Löw, was irgendwie auch passt, dem ist es ja auch schon gelungen, als Deutschlands Darling ein ganzes Land zu verführen. Zumindest zeitweise, denn Liebe und Empathie sind natürlich eine Frage des Zeitpunkts, was eine der herrlichsten Abschweifungen den Punkt bringt, in der Wuttke keck behauptet, seinen größten Erfolg habe er an dem Abend gehabt, an dem er nicht aufgetreten sei. Womit er auf jenen 7. Juni dieses Jahres anspielt als er in letzter Minute vor der Premiere erkrankte und damit eine Welle der Empathie auslöste, die er auf der Bühne nur schwer hätte erreichen können.

Er war also da und gleichzeitig nicht, was René Pollesch wiederum Gelegenheit zu einem kleinen Foucault-Exkurs gibt zum Thema Heterotopien, also Orten, an denen man quasi aus der Zeit fällt, was für die Liebe ja angemessen wäre. Auf der von Bert Neumann entworfenen Bühne ist dieser Ort im Rohzustand, die schicke Salonwand hat sich längst verabschiedet, statt dessen dominiert ein verschiebbares Holzgerüst in den Umrissen eines Hauses die Bühne, das ausschaut, als wäre der Zimmermann noch nicht ganz fertig.

Davor und da drinnen also turnen sie herum, die sechs Darsteller, die naturgemäß bei René Pollesch vor allem viel reden und viel zuhören müssen. Es ist ein tolles Ensemble, das die gedrechselten Polleschen Ausschweifungen und Aphorismen mit Lakonik, aber auch mit Sehnsucht füllt. Nun ist vieles, was der Diskurstheater-Großmeister Pollesch hier ausbreitet, seinen Jüngern durchaus nicht unbekannt, aber das muss man ihm lassen, großen Spaß macht der Abend allemal. Und der Molière? Der ist irgendwie auch noch da, aber er ist nicht mehr der Alte, er hat an diesem Abend seine Perücke abgesetzt und trägt zur knallgrünen Jeans jetzt eins von diesen hautengen Glitzeroberteilen. Steht ihm gut.

Wieder am 22. September, 19.30 Uhr in der Volksbühne, Kartentel. 240 65 777.