Ausstellung

Bunker öffne dich

Zum Berliner Kunstherbst präsentiert das Sammlerehepaar Boros seine Sammlung neu

Von der sonnendurchfluteten Reinhardtstraße, gleich am Deutschen Theater, stolpert man etwas verquer in den Bunker hinein. Wir steigen über einen verwaschenen Baumstamm. Das ist kalkuliert - jenes arrangierte Treibgut im Entree ist eine Arbeit von Olafur Eliasson. Ein Lieblingskünstler von Karen und Christian Boros, die seit vier Jahren in diesem Weltkriegsbeton-Ungestüm ihre Kunstsammlung untergebracht haben. Ein spektakulärer Ausstellungsort, der zum Ungewöhnlichsten zählt, was die Kunststadt Berlin an Locations zu bieten hat. Nun, vier Jahre nach der ersten Präsentation („Wir konnten es nicht mehr sehen“), hat sich das Ehepaar an die zweite Bespielung gewagt. Sie ist anders als die erste, aber vollends gelungen.

Eliasson gibt mit seiner „Driftwood family“ - die Holzgerippe lagen 2010 auf Berlins Straßen und Gehwegen - ein Thema der Schau vor. Boros ist auf den Baum gekommen - und zurück zur Natur. Alicia Kwade zeigt ihren künstlichen und echten „Ast/Antiast“, Michael Sailsdorfer lässt seinen „Forst“ in Gestalt einer Weide, die kopfüber an der Decke baumelt, mit einem Motor im Raum kreisen. Der Hingucker im Bunker ist allerdings Ai WeiWeis solitärer „Tree“, sieben Meter hoch sprengt er sein Verlies. Einen Tag vor Weiweis Verhaftung im letzten Jahr kaufte Boros das aus einzelnen Ästen und Stämmen zusammengeschraubte Artefakt. Der regimekritische Chinese, der immer noch auf seinen Reisepass wartet, gab per Skype und Mail Anweisungen, wie sein Stumpf im höchsten Raum des Monsters zu präsentieren ist. Um ihn überhaupt durch die engen Gänge und Eingänge des Bunkers zu schleusen, mussten dicke Wände abgetragen werden. Monate dauerte das. Besser könnte der Tree nun kaum stehen.

Sound-Installationen sind angesagt

Irgendwo duftet es nach Süßem, ein leichtes Pluppen ist zu hören. Das Geräusch einer Popcorn-Maschine, die ihre klebrigen leichten Brocken in einem der oberen Geschosse in die Luft schießt. „Das ist ein skulpturaler Prozess“, erklärt Werbemann Boros uns die Kunst der erhitzten Puffmaiskörner, Michael Sailsdorfer hat das Gerät auf Rädern aufgestellt. Es soll Tag und Nacht das Süßzeug produzieren, irgendwann ist dann alles vollgestopft. „Jeder Raum hat seinen eigenen Sound“, findet Christian Bor und führt uns herum.

Im Erdgeschoss kratzt es aus Alicia Kwades Lautsprechern, die Installation in mächtigem Schwarz wächst über mehrere Räume. Überhaupt: Das Ehepaar Boros hat der Künstlerin sehr, sehr viel Platz eingeräumt für ihre kniffligen und aufwendigen Skulpturen. Wie ein überlaut eingestelltes Metronom knackt ihre riesige, verspiegelte Bahnhofsuhr namens „Singularität“. Man hört die Zeit, Sekunden, Minuten. Das hat etwas Aggressives. Noch doller geht es bei Sailsdorfer ein paar Räume weiter zu, da schleift sich ein Autorad an der Wand runter bis auf die Felgen. Stunden möchten wir uns das nicht anhören. Die riesigen schwarzen Autoschläuche des Künstlers, die sich an der Wand geisterhaft aufpumpen, stinken verdammt nach Gummi. „Es geht hier ja sinnlich zu“, lacht Boros.

Obgleich der Hochbunker von 1942 kein idealer Kunststandort ist, ohne Licht, ohne Fenster, aus purem Beton, fügen sich die Werke verblüffend gut in den grauen, labyrinthischen Kasten mit den hohen und tiefen Räumen. Boros selbst hat dafür eine Erklärung parat. „Dass es so aussieht, als sei die Kunst für den Bunker gemacht, liegt daran, dass die Künstler hier mit uns an den Werken gearbeitet haben, sie angepasst haben, die Räume mit ausgesucht haben. Die Künstler gehen hier ein und raus - und haben Schlüssel fürs Gebäude.“ Müssen ja viele sein, denken wir. „Alle weg!“ lacht Christian Boros.

Viele der Künstler arbeiten direkt mit dem Monster. Klara Liden hat einen schaurigen „Teenager Room“ mit ausgebranntem Stockbett und weißem Teppich eingerichtet. Ein Kabinett des Grauens, ein Albtraum auch für Erwachsene. An der Tür hängt eine Axt. Im dritten Geschoss bohren sich schlanke Metallrohre gleich durch mehrere Wände, eins sogar durch die dichte Fassade. Durchs Loch blicken wir nach draußen, in einen noch grünen Wipfel. Drinnen und draußen, Kunst und Geschichte wechseln sich hier auf Schritt und Tritt ab. Dabei ist Boros ein spannender Spagat gelungen zwischen Arbeiten aus den 90er Jahren, wie den Fotografien von Thomas Ruff und Wolfgang Tillmans, quasi schon Klassikern des Kunstbetriebs, und jungen, noch unverbrauchten Arbeiten des Berliner Künstlerpaares Awst und Walther. Sie haben eben auch die Röhren ausgelegt - und reagieren direkt auf die Situation vor Ort.

Zur Eröffnung vor vier Jahren, da breiteten Christian und Karen Boros die Hochkaräter ihrer breit gefächerten Sammlung in den 80 Verliesen aus. Von Malerei bis Installation, alles dabei in der Kollektion, die mittlerweile 700 Exponate umfasst. Die zweite Präsentation ist nun eher eine Hommage geworden an einzelne Künstler, die mit verschiedenen Positionen vorgestellt werden. Tillmans Konvolut mit Porträts und Stilleben spannt sich hier über mehrere Etagen nahezu museal aus. Seit Jahren kennen sie den Deutschen, der lange in London lebte, nun auch in Berlin arbeitet. Ein Foto aus dem Bunker ist dabei, als die Techno-Szene hier in langen Nächten exstatisch tanzte, Tillmans selbst machte hier so manche Nacht durch, weiß Boros zu berichten.

7500 Führungen, 21 Mitarbeiter

120. 000 Besucher in vier Jahren, das hört sich erst einmal nicht so viel an, aber aus Brandschutzgründen dürfen sich nur jeweils zwölf Besucher im Darkroom für die Kunst aufhalten. 21 Mitarbeiter organisieren den Betrieb, 7500 Führungen gab es bislang, in elf Sprachen: von Mandarin bis Russisch. Zu allen Zeiten, auch um Mitternacht, wie Boros erzählt. Freilich auf spezielle Anfrage, in diesem Fall für Kuratoren aus dem Museum für Modern Art in New York (MoMA). Drei Tage ist der Bunker pro Woche geöffnet. Boros könnte leicht sieben Tage die Woche führen. Will er vielleicht nicht, wenn Besucher im Hause sind, hört er das oben im Penthouse, das wie eine Krone auf dem Bunker sitzt. Rohre und Lüftung sind wohl wie ein akustisches Leitsystem.

Ob er noch einmal so ein wahnsinniges Bunker-Projekt in Angriff nehmen würde? „Nein“, sagt Christian Boros ziemlich knapp. Doch das ist kokett. Natürlich waren die fünf Jahre hart, die für den Umbau zur Kunsthalle nötig waren. Beton ist geduldig. Boros wusste nicht, ob sein Kunst-Kasten wirklich Zukunft hat. Aber jetzt wird die nächsten Tage richtig toll gefeiert. Zur Berlin Art Week kommen Bekannte, Freunde und Sammler aus aller Welt. „Und wir sind glücklich!“. Was will man mehr als Sammler?