Literatur

Nimmt das Universum Notiz von uns?

Jugendbuchautor John Green scheut die großen Fragen nicht und wird so zum Popstar

Der Roman lag eine Weile ungelesen in der Wohnung. Zwar hatte der Titel „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ die Neugier geweckt, doch der Klappentext versprach traurige Lektüre: „Krebsbücher sind doof“, wird dort Hazel, die 16-jährige Heldin des Romans, zitiert. Sie leidet an Krebs, zieht einen Wagen mit Sauerstoffflaschen hinter sich her und weiß, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt. Weder für Freundschaften noch für die große Liebe, die in Gestalt des aufregenden Augustus in ihr Leben in der Selbsthilfegruppe tritt. Kann also „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ etwas anderes sein als ein weiteres doofes Krebsbuch? An einem Sonntagmorgen war das Werk verschwunden und mit ihm unsere Tochter – in ihrem Zimmer. Erst am Abend tauchte sie wieder auf und forderte die Eltern ultimativ zum Lesen auf. Was für ein kluger Teenager!

Als John Green, ein Schlacks mit verstrubbeltem Haar, fliederfarbenem Hemd und Jeans von dieser Geschichte hört, lacht er laut auf – und freut sich. Der 35-Jährige sitzt im Garten des Hauses Berliner Festspiele, hat beim Internationalen Literaturfestival bereits zwei Lesungen mit fast 1400 meist jugendlichen Besuchern absolviert und muss vor und nach unserem Interview laufend Autogramme geben. Ein Popstar des Jugendliteraturbetriebes, der mit seinem vierten Roman mühelos die Bestsellerlisten in den USA und jetzt auch bei uns erklommen hat.

Dialoge voller Wortwitz

Die Faszination von Greens romantischer und trotz ihrer Endlichkeit keineswegs hoffnungslosen Liebesgeschichte zwischen todkranken Teenagern erschließt sich schnell. Der lakonische Ton des Autors verweigert sich jeder Tränenseligkeit so entschieden, wie es seine rebellischen Protagonisten tun. Wenn sich Hazel und Augustus über „Krebsbonusse“ in Gestalt von Star-Autogrammen oder ähnlichen Vergünstigungen amüsieren, darf der Leser getrost mit ihnen lachen. In Dialogen voller Wortwitz und Charme gelingt es Augustus, die zunächst zögerliche Hazel für sich zu gewinnen und ein Stück Normalität für beide zu ertrotzen. Ihre Gespräche kreisen um die ganz großen Fragen, doch ihr verspielter Ton hilft, die Stimmung des Romans aufzuhellen. Werde ich geliebt? Soll man sich auf die Liebe einlassen, wo doch der Tod unvermeidlich ist? Wird es mir gelingen, im Leben eine Spur zu hinterlassen? Nimmt das Universum überhaupt Notiz von uns?

Antwort auf solche Fragen suchen die beiden Teenager aus Indianapolis in Amsterdam, wo sie Hazels Lieblingsschriftsteller treffen wollen. Auch der Flug in die Niederlande gegen ärztliche Widerstände ist – Ironie der Geschichte – ein Krebsbonus für Augustus, der bereits ein Bein verloren hat. Amsterdam erscheint als idealer Ort für diese ungewöhnliche Romeo-und-Julia-Version – romantisch und ein wenig verrucht, eine Wasserstadt, in der man buchstäblich ertrinken kann. Diese Stadt spiegelt Hazels Situation, denn durch die Metastasen sammelt sich immer wieder gefährlich viel Wasser in ihren Lungen.

Wie respektlos und souverän Green mit seinem schwieriges Thema umgeht, zeigt sich in einer wunderbaren Szene, die im Anne-Frank-Haus spielt, also genau dort, wo sich die von den Nazis verfolgte junge Jüdin versteckte und sich verliebte: Hier küssen sich Augustus und Hazel zum ersten Mal. Wahrscheinlich, so überlegt Ich-Erzählerin Hazel, könnte sich Anne Frank „nichts Besseres wünschen, als dass das Haus, in dem sie gelebt hatte, ein Ort würde, an dem sich die jungen und unheilbar Lädierten rettungslos ineinander verliebten.“ In der Stadt der Grachten und nach einem perfekten Dinner mit Champagner und Drachenkarottenrisotto kommt es schließlich zu einer gemeinsamen Nacht.

Doch Amsterdam markiert nicht nur den Höhepunkt der Liebe zwischen Gus und Hazel. In mancher Hinsicht erleben sie dort auch ihre größte Enttäuschung, denn der von Hazel aus der Ferne verehrte Schriftsteller Peter Van Houten entpuppt sich als menschlich fragwürdiges Wrack mit Alkoholproblemen. Weder will noch kann er ihre Fragen zu seinem Buch und zum weiteren Schicksal seiner Figuren beantworten. Auf die Frage, ob er Sympathien mit diesem Autor habe, der ohnmächtig zusehen müsse, wie er die Kontrolle über seine Story an seine Leser verliere, lächelt John Green: „Oh ja, alle Welt hält Van Houten für einen Idioten, aber ich mag ihn.“ Dass Van Houten überhaupt nicht kümmert, was die Welt von ihm denkt – das findet Green sehr sympathisch.

Glaubwürdig wird sein Roman vor allem durch seine Figuren. Der Autor lässt uns teilhaben an ihren Reisen und zwar im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Hazel, die bereits zu Beginn des Romans den Tod akzeptiert hat, wird im Verlauf auch die Realität und Fülle des Lebens annehmen – und sich kopfüber hineinstürzen. Ja, natürlich kann das Schicksal ein mieser Verräter sein, und doch macht die Liebe einen Sinn und endet nicht, wenn einer der Liebenden stirbt. In einer postreligiösen Welt kann die Liebe nach Überzeugung von John Green Trost und Hoffnung geben. Ebenso wie Hazels Erkenntnis, dass das Universum kein kalter Ort ist, sondern von den Menschen bemerkt werden will.

Auf der Reise, die Augustus im Roman-Verlauf unternimmt, wird aus Stärke Schwäche. Die guten Prognosen nach der Beinamputation erweisen sich als trügerisch, der Krebs greift erneut an. Der früher erfolgreiche Basketballer verfällt körperlich zusehends und die Medikamente verändern seine Persönlichkeit. Ehrlich konfrontiert Green den Leser auch mit der medizinischen Realität der Krankheit. Aber: Wie Augustus sein Schicksal tapfer annimmt und sich Hazel in seiner Verletzlichkeit offenbart, das ist schon anrührend zu lesen.

Die Erwachsenen, über die John Green schreibt, wirken in vieler Hinsicht deutlich infantiler als die jugendlichen Protagonisten. So etwa fällt es Hazels Vater noch schwerer als seiner Tochter, die Krankheit zu ertragen. Seine häufigen Tränenausbrüche belasten Hazel, ebenso wie ein Gespräch ihrer Eltern, das sie belauscht, und in dem die Mutter ihrem Mann gesteht, dass sie den Tag von Hazels Tod auch deshalb fürchtet, weil sie dann keine Mutter mehr sein werde. Mithilfe ihrer klugen Tochter schaffen es die Eltern, selbst ein Stück erwachsener zu werden und das Erwachsensein ihres Kindes zu akzeptieren: Liebe endet nicht mit dem Tod, Hazels Mom wird immer ihre Mutter bleiben. Geschickt verkehrt Green hier die Rollenmuster einer klassischen Coming-of-Age-Geschichte.

Die Welt neu zusammensetzen

„Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ macht keine falschen Versprechen, in der Beschreibung des Leidens und Liebens zweier unheilbar kranker Jugendlicher offenbart er eine innere Wahrhaftigkeit. Und es ist ein großes Vergnügen, kunstvoll geschliffene Sätze wie Augustus’ Liebeserklärung an Hazel zu lesen: „Ich liebe dich, und ich weiß, dass Liebe nichts als ein Ruf in die Wüste ist und dass das Vergessen unvermeidbar ist und dass wir alle Verdammte sind und dass ein Tag kommt, wenn all unsere Werke zu Staub zerfallen, eine Zeit, wenn sich niemand daran erinnert, dass es einst Kreaturen gab, die in selbst gebauten Maschinen geflogen sind, und ich weiß, dass die Sonne die einzige Erde, die wir je haben, irgendwann verschlucken wird, und ich liebe dich.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Nur noch das: John Green möchte sich im Moment nicht vorstellen, über andere als jugendliche Lebenswelten zu schreiben. Wie schön für uns – denn aus dieser, aus seiner Perspektive, lässt sich die Welt ganz neu zusammensetzen. Und erklären.

John Green Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Übersetzt von Sophie Zeitz, Hanser, München, 288 Seiten, 16,90 Euro