Journalistenpreis

„Wir müssen uns Qualität leisten wollen“

Das Grußwort von Bundespräsident Joachim Gauck bei der Verleihung des Theodor-Wolff-Preises in Berlin

Liebe Preisträger, liebe ehemaligen Preisträgerinnen und Preisträger, meine sehr verehrten Damen und Herren,

das ist heute ein Festakt und am liebsten würde ich heute nur feiern und zuhören und staunen, über das, was Menschen können, aber das geht nun nicht, sondern es ist ein Grußwort gefragt und nicht eine Grundsatzrede, wie vorhin so ein bisschen angedeutet – das mache ich vielleicht später mal –, aber dies hier ist ein Grußwort und ein Ausdruck der Freude, denn der Anlass, der uns zusammenführt, ist so etwas wie ein Fest der freien Presse.

Und wenn ich freie Presse sage, dann sagt das einer, der früher an diese Stelle nicht kommen konnte. Wir haben hier hergeschaut, wir haben auf den Reichstag geschaut von der anderen Seite, und ich brauche niemanden im einzelnen dazulegen, was für mich mitschwingt, wenn ich „freie Presse“ sage. Jahrzehntelang unaufhörlich mit Mitteln der Presse Parolen hören zu müssen, Beschönigungen zu lesen, Beschwichtigungen für wahre Münzen nehmen zu sollen, Beschwörungen schließlich, Appelle – all das, dass hat man manchen von uns, die wir dort drüben lebten abgestumpft; wir erwarteten vielfach gar nichts mehr von der Presse. So etwas wirkt ja wie Gift auf Menschen, auf eine ganze Gesellschaft schließlich, die nicht mehr damit rechnet, dass der freie Diskurs noch irgendetwas zu bewegen vermag. Deshalb ist eine freie Presse so wichtig, jeder von uns weiß das, wir können ohne sie kein wahrhaftiges Bild von der Wirklichkeit gewinnen, die uns umgibt und die uns manchmal mehr Rätsel aufgibt, als dass sie uns Deutungen gibt. Also wir können es nicht oft genug und nicht leidenschaftlich genug betonen – und ich sage das nicht nur mit dem Blick auf die Vergangenheit in unserem Land, die viele noch schmerzhaft in Erinnerung haben –, sondern vor allem mit Blick auf die Staaten, die unfrei sind und damit auch keine freie Presse haben, wie wichtig es ist, dass wir diese, die unsere Form von Berichterstattung bewahrt haben, und sie sollte in möglichst vielen anderen Gegenden der Welt bald Zukunft sein.

Freie Presse ist wahrhaftige Presse

Ich freue mich deshalb hier zu sprechen und auch hier diejenigen zu ehren, die den mit Recht so renommierten Theodor-Wolff-Preis erhalten. Denn hier geht es um die Überzeugung, dass freier Journalismus auch immer Qualitätsjournalismus sein soll. Der Mann, der dem Preis den Namen gibt, ermutigt und ermuntert uns geradezu – Theodor Wolff steht für einen so unabhängigen wie seriösen Journalismus. Sein Leben zeigt auch, die freie Presse, der freie Geist überhaupt, immer gefährdet ist, das er nicht existieren kann, wenn das Gemeinwesen nicht demokratisch, nicht rechtsstaatlich, nicht frei ist. Das Credo des Theodor-Wolff-Preises heißt: Eine freie Presse muss auch eine wahrhaftige Presse sein, die durch Wahrhaftigkeit Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit erlangt, in der Journalisten arbeiten, die das Ethos der Wahrhaftigkeit verbindet, die wirklich Sachkenntnis haben, von dem, worüber sie schreiben, die erkennen, worauf es ankommt, was der Leser unbedingt wissen muss; die darauf bestehen, dass Berichte und Meinungen eben zu unterscheiden sind. Das unterscheidet ja Qualitätsjournalismus vom gelegentlichen Meinungs-Tsunami, in dem jeder posten und pesten kann, wie er gerade will. Gewiss, im Netz geschehen auch faszinierende Dinge – wir alle sind Zeuge dessen, und mir ist das auch völlig klar, dass die Aktivitäten im Netz demokratischen, herrschaftsfreien, lebendigen und auch kreativen Diskurs ermöglichen. (…)

Zu einer guten Presse, so wie ich sie mir wünsche, gehört, dass sie die Distanz behält zu den Akteuren, dass sie also nicht etwas kumpelhaft oder allzu kumpelhaft umgeht mit den Großkopfeten aus Politik, Sport und Kultur. Eine gute Presse ist für mich weiter eine Presse, die auch kritisch ist, gelegentlich mit sich selbst – gibt es das? Naja, manchmal schon. Ich merke, dass manchmal doch ein Nachdenken, ein Innehalten einsetzt, wenn plötzlich eine bestimmte Berichterstattung zu einer Kampagne wird, wenn jemand kritiklos hochgeschrieben wird und dann gnadenlos heruntergeschrieben, wenn Tatsachen ins Hintertreffen geraten wegen einer Meinung oder einer Richtung, eines vorgeblichen Common Sense. Es wäre schön, wenn aus dieser gelegentlichen Selbstreflektion dann auch Konsequenzen gezogen würden und nicht beim nächsten alles wieder genauso ablaufen würde.

Es gehört zum Qualitätsjournalismus, aus allem, was allzu aufgeblasen daherkommt, zuerst mal die Luft rauszulassen; dass der Kaiser keine Kleider hat, wird am frühsten eine freiheitliche Presse vermelden. Aber wer so ein kritisches Geschäft betreibt, der sollte auch sich selber nicht aufblasen, der sollte sich selber nicht wichtiger nehmen als die Dinge, über die er schreibt. Man merkt ja als Leser sehr rasch, wer schreibt eigentlich für die Kollegenschaft und wer zuerst für die Leser; wie ihnen die Welt darstellt, komplexe Welten besser verständlich macht - das merkt man schon. Heute sind ja hier nur Menschen, die über das Stadium „Warum er und nicht ich“ schon hinausgelangt sind. Das ist auch förderlich für das Zusammentreffen an solch einem Tag. (…)

Wir brauchen als Demokraten eine vielfältige freie Presse. Wir brauchen die Vielfalt der Meinungen, um selber eine eindeutige Meinung zu entwickeln. Ich finde es richtig, dass auch jedes Jahr ein Stück geehrt wird, das aus dem Lokaljournalismus kommt. Es ist unglaublich, welchen Einfluss die Zeitungen und Blätter haben, die für die Menschen in der Fläche geschrieben und produziert werden. Und wir können gar nicht dankbar genug dafür sein, dass es diese vielen Regionalzeitungen in Deutschland gibt, die sich auch alle, sagen wir weitestgehend, um Qualitätsjournalismus bemühen. Denn in der Nachbarschaft, in der Kommune und der Region – das sind die Lebenswelten, wo die Leute sich begegnen. Da sind sie urteilsfähiger, als wenn über das Große und Ganze geschrieben und sich geärgert wird. Das Ärgern ist dort sachorientierter, sie freuen sich dort informierter, erleben Politik hautnah mit. Und so fällt es ihnen eher ein, Politik auch mal mit zu gestalten. Im Gemeinderat, im Verein oder in einer Initiative. Hier arbeiten in vielen Fällen, und das loben wir ausdrücklich, hoch motivierte, begeisterte und gute Journalistinnen und Journalisten. In der Regel unterbezahlt. Demokratie beginnt im Kleinen, im Stadtteil und im nahen Gemeinwesen. Diese kommunale Demokratie, dieses überschaubare Gemeinwesen, hat die gleiche journalistische Qualität verdient. Dabei sind die Regional- und Lokalteile vielleicht noch stärker politischen und manchmal auch wirtschaftlichen Pressions- und Einschüchterungsversuchen ausgesetzt; vielleicht manchmal auch sehr subtiler Art. Und das Leserecho kommt da natürlich noch viel direkter, sehr aus der Nähe. Wer hier nach bestem Wissen und Gewissen Qualitätsjournalismus bringt, wer hier seine innere Pressefreiheit verteidigt, der hat wirklich großen Dank und große Anerkennung verdient.

Es gilt nun auch die bedrohlichen, ja zum Teil erschreckenden Tendenzen auszusprechen. Denn alles, was uns soviel bedeutet – die Vielfalt, die engagierte Arbeit, die alltägliche Arbeit dafür, dass es eine demokratische Öffentlichkeit gibt – ist nicht mehr selbstverständlich. So gehören Zeitungssterben, Zusammenlegen von Redaktionen, die Umbenennung von Redakteuren in Content Manager, auch massenweise Entlassungen von Journalisten, längst zu einer aktuellen Wirklichkeit. Auch, dass immer mehr so genannte freie Journalisten ihre gute Arbeit für einen äußerst beschämenden Lohn leisten. All das bedroht auch unsere demokratische Öffentlichkeit. Zeitung lesen ist eben nicht nur ein Hobby, das man auch lassen kann – sich informieren zu können, ist ein Fundament demokratischer Teilhabe. Ich kann mir Teilhabe schwer vorstellen, ohne aktive Aufnahme von Information oder Urteilsbildung. (…) Wir möchten nicht von billigen, aber nicht ausgebildeten Leihkräften informiert werden. Und übrigens ebenso wenig von gut ausgebildeten, aber schlecht bezahlten, durch von Einsparungen und Rationalisierungen überforderten Redakteuren. Sondern wir möchten all diese Informationen von weltkundigen Korrespondenten, von Kennern der Sache und von Könnern des Schreibens abhängen. Wir wollen nicht abhängig sein vom zufälligen Posten, vom zufälligen Zeugen von Informationen, die von irgendwelchen Ereignissen berichten, die dann ganz schnell bei der Hand sind und unsere Neugierde bedienen. Wir möchten Hintergründe und Zusammenhänge erfahren, professionell recherchiert und erklärt – mit einem Wort, wir wollen Qualitätsjournalismus.

Journalismus hat seinen Preis

Aber wir wissen auch, dieser Anspruch kostet etwas. Dieser Journalismus hat seinen Preis. Sind wir als Bürger bereit diesen Preis zu zahlen? Sind die Verleger bereit, kreativen, aussichtsreichen Ideen eine Chance zu geben? Ich weiß, dass die ökonomische Basis des Journalismus sich zurzeit tiefgreifend verändert. Nicht nur durch den Anzeigenschwund, nicht nur durch das Internet. Aber kann denn allein ein radikaler Sparkurs die Antwort sein? Das ist ja meistens kein Ausweis von Ideenreichtum. Ich selber kann als Laie natürlich keine Patentlösung anbieten. Ich weiß nur, wir müssen viel mehr als bisher auch über diese Dinge miteinander reden, um unsere Kreativität zu fördern. Denn uns wird gewaltig etwas fehlen, wenn die jetzige Entwicklung einfach so weiter geht. Es wird uns allen, der ganzen demokratischen Öffentlichkeit, dem Gemeinwesen insgesamt schaden. Wir müssen also eine freie, unabhängige, vielfältige und qualitätvolle Presse erhalten. Wir müssen sie uns leisten wollen. Unter den Bedingungen, die ich angerissen habe, und mit dem Bewusstsein, nur für den jeweiligen Tag zu schreiben, liefern die allermeisten von Ihnen und Ihren Kollegen jeden Tag eine großartige Arbeit ab. Bei der Verleihung des Theodor-Wolff-Preises wird dieses jedes Jahr einmal deutlich. In den verschiedenen Kategorien zeigen sich Spitzenprodukte des deutschen Journalismus. Heute erleben wir ja nur eine Auswahl aus einem großen Angebot. Und die Preisträger wissen oft selber am besten, wie gut, wie gewissenhaft und begabt auch andere Kollegen arbeiten. (…)

Guten Journalismus erkennen wir daran, dass er sich auch einmal dem Sog der Masse entziehen kann. Auch wenn das ursprüngliche Motiv manchmal nur Trotz oder Frechheit ist – selbst da gewinnen wir, wenn es nicht beim Affekt allein bleibt, einfach freie Luft zum Atmen und zum freieren Denken. Wenn einer oder zwei oder drei nicht sagen, was sowieso alle schon immer sagen, dann wird Demokratie lebendig. (…) Auf jeden Fall wird ja guter Journalismus nicht langweilig. Und man muss auch wissen, wann genug geschrieben und genug gesagt wurde. So wie jetzt. Vielen Dank.

Die Berliner Morgenpost dokumentiert die Rede in Auszügen