Bekenntis

„Ich bin kein Literaturheini“

Trotzdem präsentiert Dieter Moor ab morgen zu später Stunde seine neue Büchersendung

Als Mittzwanziger moderierte Dieter Moor erstmals ein Kulturmagazin im österreichischen Fernsehen, in Deutschland machte ihn Anfang der Neunzigerjahre vor allem das Medienmagazin „Canale Grande“ bekannt. Seit 2007 präsentiert er am späten Sonntagabend im Ersten Programm die Sendung „titel, thesen, temperamente“. Moor lebt mit seiner Ehefrau seit Jahren auf einem gemeinsam bewirtschafteten Bauernhof im ländlichen Brandenburg. Im rbb-Fernsehen ist ab morgen „Bücher und Moor“ (22.45 Uhr) zu sehen – ein Format, das der Moderator nicht als Literatursendung verstanden wissen will, wie er im Gespräch mit Ekkehard Kern und Matthias Wulff betont.

Berliner Morgenpost:

Herr Moor, für Literatursendungen gibt es im Grunde ja nur zwei Kategorien: Entweder werden sie als zu intellektuell-langweilig oder als zu leichtfüßig abgestempelt. Warum tun Sie es sich trotzdem an?

Dieter Moor:

Weil ich beweisen will, dass eine Literatursendung, die eindeutig zu leichtfüßig ist, trotzdem erfolgreich sein kann. Die Kritik wird sein, dass sie eindeutig zu leichtfüßig ist. Alle Literatursendungen, die ich kenne, leiden am Immergleichen: Sehr kluge Menschen, die sehr viel gelesen haben, sprechen miteinander über ein Buch, das alle gelesen haben – außer dem Zuschauer. Man sitzt dann da, kann sich vielleicht noch freuen, dass sie sich streiten, wie es beim Literarischen Quartett früher war.

Aber im Literarischen Quartett wusste man auch, um was es ging: Einer stellte doch immer ein Buch vor.

Ja, das ist das Mindeste. Wir machen das viel ehrlicher, wir stellen auch drei Bücher vor. Und zwar macht Christine Thalmann, die ja auch bei den Literatursendungen im Radio mitwirkt, drei kurze Filmbeiträge über je ein Buch – das ich nicht gelesen habe. Das heißt, ich komme auch nicht in die Verlegenheit, wie alle Literatursendungsmoderatoren so zu tun, als hätte ich das Buch gelesen. Der Gast hat es auch nicht gelesen, auch er kommt nicht in die Verlegenheit, so zu tun. Und dann redet man ganz normal, ob man dieses Buch aufgrund des Beitrags lesen wollen würde, oder nicht. Und dadurch erfährt man nicht so viel über das Buch wie über den Gast. Das Buch ist also fast ein Trojanisches Pferd. Nach dem Motto: Sag mir, was du liest, und ich sag dir, wer du bist.

Aber Sie wissen ja jetzt schon, welche drei Bücher vorgestellt werden.

Ja, ich weiß es.

Der Gast aber auch, oder?

Dahin habe ich die Redaktion nicht bewegen können, dass es der Gast nicht weiß. Besser wäre, der Gast wüsste es nicht. Ich habe meine beiden ersten Gäste, Margot Käßmann und Dani Levy, gefragt, ob sie eines der Bücher gelesen haben. Und beide sagten mir glaubhaft: nein. Mit der neuen Sendung bieten wir Gespräche wie unter Freunden – mit dem Thema Bücher.

Was lesen Sie?

Viel zu wenig. Im Moment lese ich das Interview-Buch „Sie sind ja wirklich eine verdammte Krähe!“ von André Müller, mit uralten Interviews, aber sehr gut. Was habe ich davor gelesen? Irgendwann musste ich mein eigenes Buch lesen, das ist diese mühsame Arbeit, wenn dann die Fahnen kommen und man immer noch Fehler findet. Eine Qual, ein Leid.

Aber sie müssen für unser Interview schon sagen, welche ihre Lieblingsautoren sind.

Das sage ich nie. In keinem Interview. Ich hasse diese Ranglisten.

Mögen Sie lieber amerikanische Literatur? Oder französische? Oder deutsche Nachwuchsschriftsteller?

Ich mag Autoren, die gute Geschichten erzählen. Ich mag gute Geschichten. Es tut mir leid. Ich bin kein Literaturheini. Ich werde auch nie einer sein. Ich bin ganz normaler Leser. Und mir ist das Drumherum völlig egal. Und wenn die Geschichte gut ist und wenn die so erzählt ist, dass ich sie lesen kann, nicht so verzwirbelt und verschraubt. Und was ich wirklich hasse bei Autoren, ist diese Nabelschau, dieses Leid des Autoren. Wenn ich das Gefühl habe, der Autor sagt: ich zeige dir mal was Schönes, und in Wahrheit steckt er aber meinen Kopf in seine dreckige Wäschekiste, und ich rieche dann, was er vor drei Wochen gegessen oder eben nicht gegessen hat, dann mag ich das gar nicht.

Was sind ihre Kriterien, um später zu sagen, dass Ihre Sendung erfolgreich war, oder eben nicht?

Das Tollste wäre, wenn ich auf der Straße von jemandem, der die Sendung gesehen hat, angesprochen werde, und diejenige Person sagt: „Interessante Bücher, und was der Levy dazu noch gesagt hat, und dann habe ich mir das gekauft. Das ist wirklich ein gutes Buch.“ Dann wäre ich zufrieden. Oder wenn jemand sagen würde: „Finde ich nicht uninteressant, kann ich zuhören. Ihr redet ja normal! Auch wenn ihr über Bücher redet.“ Und wenn der Sender sagt: „Funktioniert!“.

Gibt es eine Quotenvorgabe?

Nein. Wahrscheinlich gibt es eine. Aber ich kenne sie nicht.

Eine Zielgruppe?

Ich weiß nicht, ob es so etwas gibt. Wahrscheinlich schon. Ich glaube, dass mit den Zielgruppen ist alles Quatsch.

Warum kommt Ihre Sendung so spät?

Ich weiß es nicht. Es ist einfach so.

„ttt“ kommt ja noch später...

Ein ewiges Rätsel der Fernsehplanung. Es gibt die Auffassung, Kultur habe schlechte Einschaltquoten und dass die Leute solche Sendungen um neun Uhr nicht wollen. Also kommen sie um 23 Uhr, dann haben sie – logisch – schlechte Quoten. Diese wiederum sind ein Argument dafür, dass Kultur auf einem unpopulären Sendeplatz landet.

Ja, aus diesem Teufelskreis kommt man schwer wieder heraus. Was schauen Sie denn im Fernsehen ?

Ich habe keinen Fernseher.

Jetzt haben wir im Gespräch ihre Leidenschaft für Literatur etwas vermisst...

Die kann auch nicht kommen. Ich habe keine Leidenschaft für Literatur. Ich habe Leidenschaft für Menschen. Und ich bin leidenschaftlich gerne Lesender.

Sie arbeiten mitten im Feuilleton und halten sich vom Literaturbetrieb sehr fern.

Ich bin ja nicht drin. Klar, ich moderiere ein Kulturmagazin, aber ich bin auch kein Journalist. Ich bin ja gelernter Schauspieler, Gaukler.

Das heißt?

Ich bin ein interessierter Mensch. Ich könnte doch als nicht klassisch ausgebildeter Journalist und als Nicht-Feuilletonist vielleicht eine ganz brauchbare Brücke sein.

Sie wohnen auf einem Hof in Brandenburg, haben darüber auch ein Buch geschrieben. Kam Berlin als Wohnort nie in Frage?

Nein.

Weil...

... ich ein alter Mann geworden bin. Nein. Wenn ich mich entscheiden müsste, ob ich lieber in Wien oder Berlin leben wollte, würde ich immer noch Wien nehmen.

Warum?

Die Österreicher haben einfach mehr Lebensqualität. Ich habe es neulich erst wieder erlebt. Sie sind weniger ängstlich, haben mehr Mut zur Originalität; das hat auch mit einer gewissen Arroganz zu tun. Die Berliner sind schon sehr politisch korrekt.