Bühne

Es tut ihr schrecklich leid

Protokoll einer Absage: Wie die Staatsoper versuchte, den Saisonauftakt mit ihrer Starsängerin zu retten

Gerade mal 50 Besucher kamen am vergangenen Sonnabend ins Schiller-Theater. Und die Bühne blieb leer. Was war passiert? Ursprünglich sollte die Starsopranistin Anja Harteros den Saisonauftakt der Staatsoper vergolden. Geplant war ein Arienabend gemeinsam mit der Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Marco Armiliato. Das Programm war speziell auf den Weltstar zugeschnitten: Angekündigt waren Arien von Giuseppe Verdi, Giacomo Puccini und Pietro Mascagni. Aber Frau Harteros musste krankheitsbedingt kurzfristig absagen – Sängerinnen ihres Kalibers sind offenbar unersetzbar. Am Opernhaus wurde bis zuletzt um Anja Harteros und das Eröffnungskonzert gerungen. Volker Blech zeichnet die Chronologie einer Absage nach.

Dienstag gegen 9.30 Uhr Die Berliner Agentin ruft den Operndirektor Ivan van Kalmthout im Büro an, um ihm mitzuteilen, dass die Sängerin Anja Harteros nicht an der geplanten Orchestersitzprobe teilnehmen kann, weil es ihr nicht gut geht. Aber die Generalprobe am Donnerstag und das Konzert am Sonnabend will sie wahrnehmen.

Dienstag gegen 11.30 Uhr Operndirektor van Kalmthout trifft den Dirigenten Marco Armiliato, um ihn zu informieren. Der Dirigent versichert, dass die Staatskapelle bestens vorbereitet und die heutige Probe verzichtbar sei. Beide sind zuversichtlich, bis Sonnabend ist noch genügend Puffer.

Dienstag gegen 11.45 Uhr Die Staatskapelle wird informiert, dass die für 18 Uhr angesetzte Orchesterprobe abgesagt ist. Intendant Jürgen Flimm ist informiert.

Mittwoch Operndirektor van Kalmthout erhält eine email, worin ihm die Agentur mitteilt, dass Frau Harteros am nächsten Tag um 14 Uhr da sein wird.

Donnerstag gegen 7.30 Uhr Operndirektor van Kalmthous findet nach dem Einschalten seines Handys die Nachricht der Agentin vor, dass Frau Harteros das Projekt bedauerlicherweise absagen müsse, weil sie wegen einer Erkrankung nicht an der heutigen Generalprobe teilnehmen könne.

Donnerstag gegen 10 Uhr Der Operndirektor bespricht sich mit dem Dirigenten. Beide wollen unbedingt die Saisoneröffnung retten und schlagen vor, die Generalprobe auch ohne die Sängerin zu machen. Frau Harteros ist einverstanden und will alles versuchen, das Konzert am Sonnabend wahrzunehmen.

Donnerstag gegen 11.30 Uhr

Der Orchestervorstand der Staatskapelle bietet sofort an, in diesem Fall ausnahmsweise eine Anspielprobe mit Frau Harteros am Sonnabend anzusetzen.

Donnerstag gegen 15 Uhr Pressechef Johannes Ehmann wird von der Agentur mitgeteilt, dass das für heute geplante Interview mit einer Zeitung nicht stattfinden kann. Insgesamt wurden ihm zwei bis drei Interviews der Sängerin im Zusammenhang mit dem Konzert in Aussicht gestellt. Ein weiteres ist für den Freitag geplant.

Donnerstag um 18 Uhr Die Generalprobe findet statt - ohne Frau Harteros. Alle sind guter Dinge. Er sei fest davon überzeugt, dass das Konzert stattfindet, sagt Operndirektor van Kalmthout.

Freitag um 10 Uhr Operndirektor van Kalmthout erhält seitens der Agentur ein ärztliches Attest, wonach Frau Harteros das Konzert nicht singen kann. Es tue ihr schrecklich leid. Er ruft sofort den Intendanten Jürgen Flimm an. Der scherzt, er verstehe nie, warum manche Sänger immer die wichtigsten Auftritte absagen müssen. Kürzlich hat ihm Anna Netrebko eine „Don Giovanni“-Produktion abgesagt, was zu einigen Verwicklungen geführt hat. Es geht letztlich ums Publikum, dass das Haus keinesfalls verärgern will.

Freitag gegen 10.45 Uhr Im Büro des Intendanten findet das - wie es heißt - Abwicklungsgespräch statt. Mit dabei sind Intendant Jürgen Flimm, Geschäftsführer Ronny Unganz, Operndirektor Ivan van Kalmthout und Andrea Kaiser, die Leiterin der Kommunikationsabteilung. Generalmusikdirektor Daniel Barenboim, der nicht in der Stadt weilt, ist informiert. Die Runde ist sich einig, dass es zu spät ist, einen Ersatz zu finden, zumal es sich um ein speziell einstudiertes Arienprogramm handelt und sich das Publikum für ein Konzert von Anja Harteros entschieden hat. Der Intendant entscheidet die offizielle Absage. Er ist verärgert.

Freitag um 11.17 Uhr Pressechef Ehmann erhält vom Operndirektor eine Hausmitteilung mit der offiziellen Absage. Die Mail geht unter anderem auch an den Orchestervorstand, den Besucherservice und die Kostümchefin.

Freitag gegen 11.30 Uhr Kommunikationschefin Andrea Kaiser geht ins Nachbarbüro zur Marketingleiterin Ulrike Siebert, die mit dem Besucherservice und der Kassenleitung die organisatorischen Fragen klärt. Die Besucher können ihre Karten zurückgegeben. Sie kosten zwischen 28 und 84 Euro. Es sind für einen Gesangsstar erhöhte Sonderpreise. Der Saisonauftakt war im Prinzip ausverkauft, gut 900 Plätze.

Freitag um 12.36 Uhr Pressechef Ehmann schickt die offizielle Pressemeldung der Absage an die Tageszeitungen und Radiosender, in den folgenden Stunden informiert er Kalenderredaktionen und die angemeldeten Musikkritiker. Das zweite Interview beim RBB Radio wird anstelle von Frau Harteros vom Intendanten Jürgen Flimm wahrgenommen. Ursprünglich sollte es um 14 Uhr aufgezeichnet werden, um es in den Zeitplan des Intendanten zu bekommen, erfolgt es um 16 Uhr live.

Freitag bis 20 Uhr Der Besucherservice versucht, das Publikum zu erreichen. Rund 250 werden per E-Mail informiert, weitere 100 per Telefon erreicht. Fast 100 auswärtige Besucher, die über ihre Hotels gebucht haben, werden von den jeweiligen Rezeptionen informiert.

Sonnabend um 19 Uhr Mitarbeiter der Abteilungen Kommunikation und Marketing, Besucherservice und Kasse sowie alle Abenddienstmitarbeiter erwarten jenes Publikum, dass die Absage nicht erreicht hat. Rund 50 Leute erscheinen schließlich, darunter vier Musikliebhaber aus London. An eigens eingerichteten Tischen erfolgen die Rückzahlungen. Es gibt ein Glas Sekt oder Orangensaft. Und als besondere Geste werden Führungen durchs Haus auf Deutsch und Englisch angeboten.

Sonnabend gegen 23 Uhr Der Abend, der eigentlich der Saisonauftakt sein sollte, ist beendet.

Einen neuen Termin für den italienischen Arienabend gibt es noch nicht. Bei den Festtagen der Staatsoper wird Anja Harteros am 30. März unter Leitung von Daniel Barenboim gemeinsam mit Orchester und Chor der Mailänder Scala in der Philharmonie gastieren. Auf dem Programm steht Verdis „Messa da Requiem“