Bühne

Meschugge Mischpoke

„Muttersprache Mameloschn“ von Marianna Salzmann in der Box des Deutschen Theaters

Mein Freund Mordecai aus Tel Aviv, ein jetzt schon sehr alter Herr, geboren in Chicago als Abkömmling polnischer Auswanderer und als junger Arzt einst nach Israel übergesiedelt, der hat es noch in der Schule gelernt: Jiddisch, die aus dem Mittelhochdeutschen entsprungene Sprache europäischer Juden. Bei seinen vielen Berlin-Besuchen kramte Herr Mordecai sein Jiddisch hervor. Und kam überraschend schnell auf Deutsch zurecht, auf seine ganz eigene Art jiddisch vermischt. Aber wer kann heutzutage noch Jiddisch, diesen für unser Ohr so wundersam anheimelnden Singsang?

Großmutter Lin kann; ihre Tochter Clara schon nicht mehr und gleich gar nicht Enkelin Rahel. Doch in Marianne Salzmanns ziemlich unkoscherem Familienstadel „Muttersprache Mameloschn“, uraufgeführt in der Box des Deutschen Theaters, der kleinen Spielstätte des Hauses, wo es auch mal etwas experimenteller zugehen darf, da geht es nicht um Sprachunterricht („Mameloschn“, auf Jiddisch „Muttersprache“). Vielmehr geht es in drastisch familiärem Nahkampf, vom Generationen-Trio geführt mit galligem Humor und spitzer Schlagfertigkeit, um Auseinandersetzungen mit jüdischer Identität. Um Strenggläubigkeit und Liberalität, Emanzipation, Bindung, Unterwerfung – nicht nur bezüglich kultureller Wurzeln oder Religiösem, sondern auch hinsichtlich Muttermacht, Familienbande.

Ins Antifa-Paradies

Die alte Lin (Gabriele Heinz), die nach dem Holocaust als gläubige Kommunistin ins vermeintliche Antifa-Paradies DDR ging, dort als Künstlerin mit Stasi-Nähe zur Vorzeige-Jüdin avancierte und den mehr oder weniger subtil herrschenden Antisemitismus verdrängte, sie schleudert ihrer von DDR-Demagogie traumatisierten Tochter Clara (Anita Vulescia) und der allem Ideologischen und Zwanghaften vehement sich verweigernden Enkelin Rahel (Natalia Belitski) ins Gesicht „Aber nach irgendwas muss man doch leben!!!“ Rahels Bruder wusste es; er pfiff auf die Mischpoke und zog ins Gelobte Land, in ein orthodoxes Dasein.

Packende Redeschlacht

Die vielversprechende, 1985 in Wolgograd geborene Jung-Autorin, die in Deutschland studierte und hier lebt, reißt in ihrem sarkastisch geschliffenen Konversationsstück übers „Wie leben?“ als Jude (und für Rahel: als jüdische Lesbe) ein opulentes Kompendium komplexer Themen an; es reichte für mehrere Stücke.

Regisseurin Brit Bartkowiak entfesselt feinfühlig eine packende Redeschlacht, in der sich Egomanie, Hass und Schuldgefühle, Schmerz, Liebe und Hingabe sowie die Sehnsüchte nach dem frischen Wind der Freiheit und der wohligen Wärme von Tradition, Einbindung, Geborgenheit wie meschugge mischen im signifikanten Bühnenbild von Nikolaus Frinke. Es gleicht einem sperrigen Möbellager, in dem man sich‘s gemütlich zu machen versucht. Vergeblich, es will nicht heimelig werden. Aber was ist Heimat? Und wo, bei wem ist sie?

Box im Deutschen Theater, Schumannstraße 13a, Mitte. Karten: 284 41 225. Termine: 11., 22. und 25. September; 7., 25. und 28. Oktober