Interview

„Berlin ist in der Pflicht“

Monika Grütters will den Streit um die Gemäldegalerie entschärfen. Sie plädiert dafür, dass der Neubau schneller als bisher geplant realisiert wird

Die Debatte um die Zukunft der Gemäldegalerie ist das kulturpolitische Streitthema dieses Sommers. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz will das Haus am Kulturforum leerräumen, um dort als Ergänzung zur Neuen Nationalgalerie ein Museum der Moderne einschließlich Bilder der Sammlung Pietzsch zu eröffnen. Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat dafür kurz vor der Sommerpause zehn Millionen Euro bewilligt. Die Alten Meister sollen langfristig auf die Museumsinsel ziehen, in einen Neubau gegenüber dem Bodemuseum. Diese Rochade ist höchst umstritten. Damit Rembrandt und Co nicht jahrelang im Depot verschwinden und gleichzeitig das Sammlerehepaar Pietzsch auch noch erlebt, dass ihre Schenkung ausgestellt wird, schlägt Monika Grütters (CDU) als Kompromiss vor, dass die Preußenstiftung den geplanten Neubau für die Alten Meister vorrangig realisiert. Mit der Vorsitzenden des Bundestagskulturausschusses sprachen Gabriela Walde und Stefan Kirschner.

Berliner Morgenpost:

Frau Grütters, der von der Preußenstiftung gewünschte Umbau der Berliner Museumslandschaft hängt in der Luft. Die Kritik aus dem Haushaltsausschuss nimmt zu. Ist jetzt die Zeit für werbende Gespräche gekommen?

Monika Grütters:

Die Komplexität der Gesamtaufgabe Masterplan ist wohl unterschätzt worden. Aber die Mitglieder des Haushaltsausschusses haben die zehn Millionen Euro als Signal zugunsten der Sammlung Pietzsch beziehungsweise für einen möglichen Umbau der Gemäldegalerie ja bereits bewilligt.

Das Geld ist aber noch nicht freigegeben.

Es ist üblich, einen qualifizierten Sperrvermerk anzubringen bis entsprechende Pläne vorliegen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist jetzt gefordert, den Masterplan zu verdeutlichen. Und ja, auch Aufklärung zu leisten. Schließlich muss auf die aktuelle Debatte reagiert werden. Möglicherweise kann man ja auch einzelne Bauvorhaben verschieben.

Was schlagen Sie vor?

Die Politik ist nicht dafür da, die Hausaufgaben der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu erledigen. Miteinander um die Zukunft ringen: ja, Einmischung: nein. Aber was die Debatte uns alle gelehrt hat, ist doch, dass man nicht den dritten Schritt vor dem ersten tun sollte. Das heißt, die zeitliche Reihenfolge einzelner Vorhaben des Masterplans muss nachvollziehbar und vernünftig bleiben. Die Stiftung hat die Fürsorgepflicht für beides: für eine angemessene Präsentation der Sammlung des 20. Jahrhunderts einschließlich der Sammlung Pietzsch und für die Bewahrung der sehr gelungenen Ausstellung der Alten Meister. Ich bin eine Anhängerin des Masterplans und überzeugt davon, dass die Alten Meister auf der Museumsinsel und im dortigen Kontext besser untergebracht wären. Ohne die Königsdisziplin Malerei bliebe die Museumsinsel unvollendet. Viel zu kurz kommt in der Debatte die Sorge um die Präsentation der Kunstbestände aus dem 20. Jahrhundert. Dieses wohl bedeutendes Jahrhundert Berliner und deutscher Kunst von Brücke bis Beuys mit all seinen politischen und künstlerischen Brüchen kann hier nicht einmal zu 20 Prozent gezeigt werden. Von der politischen Topographie her ist das Kulturforum der Ort für diese Kunst eines Dix, Grosz, Beckmann, Kirchner, die Expressionisten und die Kunst des geteilten Deutschland.

Was halten Sie denn von einer temporären Unterbringung der Alten Meister?

Ich halte Zwischenlösungen für unrealistisch und zu teuer. Das Kronprinzenpalais Unter den Linden für derartig wertvolle Kunstbestände konservatorisch zu ertüchtigen, würde mindestens 25 Millionen Euro kosten. Es wäre sinnvoller, diese Mittel gleich in einen Neubau zu investieren.

Um es etwas konkreter zu machen: Wäre es nicht denkbar, dass beispielsweise die Sanierung des Pergamonmuseums zeitlich gestreckt wird, damit der Neubau für die Alten Meister früher realisiert werden kann?

Die Preußenstiftung müsste entsprechende Pläne vorlegen, aber wünschenswert wäre doch ein Vorziehen des Neubaus für die Alten Meister gegenüber dem Bodemuseum. Vielleicht befördert die öffentliche Debatte ja die Bereitschaft seitens des Haushaltsausschusses, eine solche Veränderung des Masterplans mitzutragen. Diesen größeren Schritt vorzuziehen, wäre für mich die schönste Lösung von allen.

Wie kann das finanziert werden?

Eine Möglichkeit bestünde darin, den Bauhaushalt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf dem derzeitigen Niveau zu belassen, ihn also nicht abzusenken, wenn aktuelle Projekte wie die Staatsbibliothek oder die James-Simon-Galerie beendet sind. Aber dazu braucht es natürlich eine Mehrheit im Deutschen Bundestag.

Eine Anti-Berlin-Stimmung nehme ich nicht wahr – ganz im Gegenteil. Der Haushaltsausschuss kannte den Masterplan der Stiftung. Nur ging dann in der schrillen öffentlichen Diskussion, die nach dem Beschluss aufkam, leider einiges durcheinander.

Was auch daran liegt, dass die Gemäldegalerie, ein gerade mal 20 Jahre alter Neubau am Kulturforum, der speziell für die Alten Meister entworfen wurde, jetzt für die Kunst des 20. Jahrhunderts freigeräumt werden soll. Warum können die Rembrandts dort nicht bleiben?

Weil die Alten Meister am Kulturforum fehl am Platz sind. Es gehört schon eine große Portion Wirklichkeitsverweigerung dazu, die vergleichsweise schlechten Besucherzahlen nicht auf diesen vertrackten Ort zu schieben.

Aber das Kulturforum liegt ganz nah beim Potsdamer Platz, also eigentlich zentral.

Aber wie erklären Sie sich denn sonst die Zahlen? Die stadträumliche Situation am Kulturforum ist total missglückt. Einmal mehr zeigt die aktuelle Debatte, was das Land Berlin hier der Kunst seit Jahren schuldig bleibt. So lange wird über eine Neugestaltung diskutiert, aber passiert ist so gut wie nichts. Es wurden ein paar Bäume gepflanzt, die Wurstbude und der Parkplatz sind geblieben. Es gibt Menschen, die finden nicht einmal den Eingang des Kunstgewerbemuseums.

Sind Sie unzufrieden mit der Berliner Kulturpolitik? Klaus Wowereit kümmert sich jetzt in der zweiten Legislaturperiode als Regierender Bürgermeister um die Kultur.

Ich habe den Kultursenator bisher so gut wie gar nicht wahrgenommen, den Kultur-Staatssekretär André Schmitz schon mehr - aber das ist ja vielleicht auch gut so. Ich vermisse Akzente, Berlin reagiert meistens nur. Dabei müsste die Stadt in der Kulturpolitik ein Katalysator sein von Meinungsbildungsprozessen, das erwartet man im Bund, und das ist die Hauptstadt auch der Republik schuldig. Der Bund anerkennt die besondere Rolle Berlins, aber Berlin ist umgekehrt auch in der Pflicht, hier modellhafte Strukturen, beispielsweise bei der Opernstiftung, zu praktizieren. Darauf warten wir immer noch vergeblich. In der aktuellen Situation beispielsweise ist die Stadtentwicklungspolitik gefragt, an dieser wunden Kultur-Stelle Berlins. Es ist gut, dass Herr Schmitz den Masterplan verteidigt. Aber das reicht nicht. Die Verantwortung für die Situation am Kulturforum hat das Land. Und wir alle, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Bund, das Land haben eine Fürsorgepflicht für die Alten Meister und für die Klassische Moderne.