100 Jahre Deutsche Oper

Der Machtkampf zwischen den Berliner Opern

Serie, Teil 4: Joseph Goebbels herrschte über das Deutsche Opernhaus. Konkurrent war schon damals die Staatsoper

Der Minister war ungehalten. „Theaterfragen. Wir verlieren zu viel Kräfte an Staatsoper“, notierte Joseph Goebbels am 9. Juni 1936 in sein Tagebuch: „Müssen uns mehr heranhalten!“ Hitlers Propagandist erschien das Problem so gravierend, dass er sich persönlich einschaltete: „Fräulein Deinert wieder für Deutsches Opernhaus zurückgewonnen. Rode muss mehr aufpassen.“ Womit Goebbels die seinerzeit gefeierte Tänzerin Ursula Deinert zum Wechsel zurück an das Deutsche Opernhaus in Charlottenburg bewegte, verraten seine fast täglichen Notizen nicht. Wohl aber muss er mit dem Einsatz von Wilhelm Rode, dem Generalintendanten der gemessen an der Zuschauerzahl größten deutschen Opernbühne, unzufrieden gewesen sein.

Ausgerechnet Goebbels musste sich also bemühen, eine Künstlerin von der Staatsoper Unter den Linden zurück zu gewinnen für das Deutsche Opernhaus, die heutige Deutsche Oper. Dabei war er doch über die seinem Ministerium angegliederte Reichskulturkammer sowie die ihr unterstellten Kammern für Musiker, Schriftsteller, Journalisten und Schauspieler gewissermaßen oberster Vorgesetzter aller deutschen Kulturschaffenden.

Konkurrent Hermann Göring

Doch so sehr er auch im Film- und Pressewesen weitgehend frei schalten konnte, mit etwas Rücksicht auf den Reichskanzler Adolf Hitler auch bei den bildenden Künsten mit Ausnahme der Architektur: Auf dem Gebiet des Musiktheaters, der Oper also, hatte Goebbels bis zum Zweiten Weltkrieg einen zähen Widersacher. Jedenfalls in Berlin. Denn die Staatsoper Unter den Linden, gegründet und groß geworden als Hofoper der Hohenzollern-Monarchie, unterstand nicht dem Propagandaministerium. Die Verantwortung für das traditionsreichste Berliner Musiktheater lag beim Land Preußen – und damit bei Hermann Göring. Der zweite Mann des Dritten Reiches, der 1933 bis 1945 neben vielen anderen Funktionen auch als Preußischer Ministerpräsident amtierte, nutzte diese mehr zufällige Zuständigkeit weidlich aus, seinem wichtigsten Konkurrenten um die Gunst Hitlers immer wieder eins auszuwischen.

Goebbels hatte sich noch 1933 über den Durchgriff des Reiches auf kommunale Institutionen die direkte Einflussnahme auf die erst 1912 gegründete, vormals Städtische Oper gesichert. Das war besonders wichtig, denn Hitlers einziges nennenswertes kulturelles Interesse neben der Architektur war die Oper. Zu Richard Wagner Schwiegertochter Winifred soll er sogar einmal gesagt haben, wie sehr ihn eine Aufführung von Wagners Frühwerk „Rienzi“ in Linz geprägt habe: „In jener Stunde begann es.“ Da die Gunst des „Führers“ auch für seine engsten Gefolgsleute extrem wichtig war, setzten sowohl Göring wie Goebbels darauf, Hitlers Vorstellung von gelungenem Musiktheater möglichst gut umzusetzen. In den Tagebüchern des Propagandaministers, eher einer Materialsammlung für aktuelle Propagandabotschaften und künftige Memoiren als ehrlich reflektierten Aufzeichnungen, finden sich zahlreiche Spuren dieser Konkurrenz.

Auffallend oft notierte er selbst zu in den gleichgeschalteten Zeitungen gefeierten Aufführungen in Görings Haus Unter den Linden hämische Anmerkungen. Über Abende in „seinem“ Opernhaus an der Bismarckstraße dagegen findet man eher ausnahmsweise und meistens nur sanfte Selbstkritik. Immer wieder kritisierte Goebbels angeblich schlechte Bühnenbilder im Haus Unter den Linden und mangelhafte Organisation. Es gehe „drunter und drüber“, die „Eifersüchteleien der Staatsoper“ machten „große Schwierigkeiten“. Am 23. Mai 1939 hielt er fest, die Sopranistin Käthe Heidersbach beklage sich, „dass sie so wenig zum Singen kommt“. Sogar etwas Bedauern schwang offenbar mit, als Goebbels hinzusetzte: „Das ist das System der Staatsoper. Daran kann ich auch nicht viel ändern.“

Ähnlich negative Bemerkungen zum Deutschen Opernhaus finden sich in den rund 30 Bänden der Goebbels-Tagebücher nur selten. Meistens überschlug sich der Propagandaminister mit seiner Begeisterung. Etwa am 15. September 1934: „Abends Deutsches Opernhaus. ,Tannhäuser’. Guter Start. Glänzende Stimmen, wunderbare Dekorationen, ein gutgeleitetes Orchester. Ganz großes Publikum, fast alle Minister und Diplomaten, der Führer in der Mitte. Er ist ganz angetan von der Aufführung. Am 31. Januar 1935 lobte er sich selbst: „Abends mit Führer Tristan Deutsches Opernhaus. Meine Regieanweisungen sind durchgeführt. Es ist eine wunderbare Aufführung. Szenisch und musikalisch. Führer begeistert.“

Als aber die für das Dritte Reich typische Vetternwirtschaft die Qualität an der Bismarckstraße zu beinträchtigen begann, schritt Goebbels ein: „Krach im Deutschen Opernhaus. Die alten Parteigenossen, die nicht singen können, beschweren sich bei Bouhler, weil sie keine Hauptrollen bekommen“, notierte er am 7. April 1938. Auf den Chef von Hitlers Privatkanzlei Philip Bouhler musste der Propagandaminister keine Rücksicht nehmen, anders als bei Göring: „Nun fahre ich aber dazwischen!“ Immer noch interessierte sich Goebbels besonders für „seine“ Oper – etwa Ende August 1938: „Gegen Rode im Deutschen Opernhaus werden schwere Vorwürfe erhoben. Aber das sind alles die alten Sachen. Ich werde sie nochmals nachprüfen lassen, dann aber Rode auch unter meinen Schutz stellen. Sonst kann er sein Haus nicht mehr leiten.“ Heldenbariton Wilhelm Rode, seit 1933 NSDAP-Mitglied, leitete das Haus weitere fünf Jahre.

Persönliche Gunstbeweise

Auch Göring nutzte seine Stellung aus, um persönliche Gunstbeweise zu erteilen, manchmal sogar gegen die Parteilinie. Die Biografen des Nazi-Multifunktionärs sind sich nicht einig darüber, ob es ihm lediglich darum ging, so seine Machtfülle unter Beweis zu stellen – oder ob ihn manche Auswüchse des nationalsozialistischen Rassenwahns wenigstens zeitweise tatsächlich störten. Jedenfalls erwirkte er für den Generalmusikdirektor der Staatsoper Leo Blech, nach Nazi-„Rassekriterien“ ein „Volljude“ und deshalb eigentlich laut dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ schon 1933 zu entlassen, eine Ausnahmegenehmigung. Erst 1937 wurde der Druck auf Blech zu stark, er emigrierte nach Riga, später nach Schweden. Nach dem Krieg kehrte er nach Berlin zurück - an die Deutsche Oper.

Ebenfalls unter Görings Schutz stand Heinz Tietjen, der Generalintendant der Staatsoper und aller preußischen Staatstheater. Obwohl Goebbels offenkundig oft Schwierigkeiten mit dem Leiter auch der Bayreuther Festspiele hatte, konnte der Propagandaminister nichts gegen ihn unternehmen. Der Ärger darüber schlug sich im Tagebuch nieder. „Tietjen ist doch kein Dirigent, sondern nur ein Organisator und höchstens noch ein Schleicher“, notierte er etwa am 23. Oktober 1937, zehn Tage später sogar: „Tietjen ist ein hinterlistiger Intrigant.“ Doch absetzen konnte Goebbels ihn nicht – also fand er sich mit Görings Günstling ab. Die Konkurrenz der beiden Berliner Opern nahm zu Beginn des Zweiten Weltkrieges ab: Sowohl Goebbels wie Göring hatten nun anderes zu tun, als ihre Konkurrenz auf dem Nebenschauplatz Musiktheater auszutragen. Zu Ende ging sie aber erst, als die Staatsoper bei einem britischen Bombenangriff im April 1941 zerstört wurde. Das Deutsche Opernhaus wurde zweieinhalb Jahre später, während der „Luftschlacht um Berlin“ Ende November 1943, zerstört.

Die zehnteilige Serie zum Jubiläum „100 Jahre Deutsche Oper“ erscheint jeweils sonnabends