Bernd Eichinger

Der Mann, der Grenzen übersprang für seine Filme

Eichingers Witwe hat ein Buch über „BE“ geschrieben, subjektiv und voller Anekdoten

Vierzig Jahre ist es her, da geruhte das Königliche Ehepaar des Kinos, Elizabeth Taylor und Richard Burton, zu den Dreharbeiten von „Seine Scheidung, ihre Scheidung“ in die Bavaria-Studios nach München zu reisen. Die Taylor wurde per Rolls Royce direkt vom Hotel in die Studiohalle kutschiert, wo sie sich neben der Karosse in einem Deckstuhl niederließ. Das war praktisch für sie, aber nicht für die Filmcrew. Niemand getraute sich, die Diva zu bitten, Stuhl und Auto ein paar Meter zur Seite zu verlegen. Niemand - außer einem Studenten der Filmhochschule, der als Assistent des Aufnahmeleiters bei dem Dreh jobbte. Er nahm sich ein Herz, ging auf die Taylor zu und bat sie höflich, ein wenig beiseite zu rücken. Liz entschuldigte sich, dass sie Umstände gemacht habe und ließ den Rolls umparken. Der Name des Filmstudenten lautete Bernd Eichinger.

Es ist eine Anekdote, die kaum jemand kennt, aber wenn man sie in der gerade erschienenen Biografie „BE“ (Hoffmann & Campe, Hamburg. 576 S., 24,99 €) liest, passt sie exakt in das Image des Produzenten Bernd Eichinger: zupackend, furchtlos, schon als 23-Jähriger mit einem gesunden Bewusstsein für die eigene Bedeutung. Bis zu seinem 40. Geburtstag war er, der Abergläubische, der Meinung, er werde diesen nicht überleben, sondern jung sterben, wie das Genies zu tun pflegen. Die Biografie stammt von seiner Frau Katja, die bis vor ihrer Heirat vor sechs Jahren als Filmjournalistin arbeitete. Das gibt dem Buch einen eigentümlichen Ton: Es ist die Heldenerzählung einer trauernden Witwe - und gleichzeitig die journalistische Einordnung einer Karriere.

Zunächst ist „BE“ eine schier unerschöpfliche Fundgrube. Ein paar Kostproben: Regelmäßige Besucher in des jungen Bernds Wohngemeinschaft in München waren der junge Peter Sloterdijk und dessen Hippie-Freundin, und noch drei Jahrzehnte plagte den Philosophen die Frage, ob der Schwerenöter Eichinger damals mit seiner Ex geschlafen habe. Oder: Eichinger kaufte sich in der Constantin, für die er zum Synonym werden sollte, mit anderthalb bei der Bank geliehenen Millionen als Geschäftsführer ein - bei Ludwig Eckes, dem Besitzer von „Hohes C“ und „Eckes Edelkirsch“, der den konkursen Filmverleih dem Getränkeimperium hinzugefügt hatte, um seinem libanesischen Schwiegersohn eine Freude zu machen. Oder: Am 9. Dezember 1980 sollte in New York der David-Bowie-Auftritt in „Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gedreht werden - aber an dem Tag wurde John Lennon ermordet, und Bowie weigerte sich, vor die Kamera zu treten, aus Furcht vor Nachahmungstätern.

Immer wieder kehrt in Katja Eichingers Buch der Topos des Auf-des-Messers-Schneide-Stehens auf. Der 9. Dezember 1980 war ein solcher Tag: Es war Bernd Eichingers erster eigener Film, die ganze Handlung war auf Bowies Auftritt zugeschnitten, sein letztes bisschen Geld hatte Eichinger der amerikanischen Crew versprochen, und die stand nur diesen einen Tag zur Verfügung. Mit Engelszungen redete er auf Bowie ein, versprach ihm eine Truppe von Leibwächtern. Und Bowie ging auf die Bühne und sang. Eichinger hatte alles auf eine Karte gesetzt und gewonnen.

Dabei war er kein Spieler. Es gibt die Geschichte, wie Hans W. Geißendörfer beim Dreh seiner „Wildente“ dringend noch 25.000 Mark brauchte, sich vom Produktionsleiter Eichinger 5000 Mark lieh und mit ihm und Hauptdarsteller Bruno Ganz ins Casino Baden bei Wien fuhr. Viermal ließ er die 5000 auf dem Roulettetisch liegen, viermal hintereinander kam Weiß. Dann drängte Eichinger zum Aufbruch: „Mehr brauchen wir nicht!“ Einerseits hätte sich kein Produzent außer Eichinger auf Geißendörfers Geldbeschaffungsmethode eingelassen, andererseits widerstrebte sie völlig seiner Natur. Akzeptiert hat er solche Risiken nur, wenn er einen Film unbedingt machen wollte.

Es ist der Schlüssel zu allem, was Eichinger jemals tat. Er wollte nicht primär sein Bankkonto wachsen sehen, und als er für den Börsengang der Constantin der Finanzwelt Honig ums Maul schmieren musste, war ihm das zuwider. Er wollte bestimmte Filme machen, koste es, was es wolle. Soweit stimmt das Medienbild des Berserkers mit dem Bild durchaus überein, das seine Umgebung hatte. Aber Katja Eichinger geht, zum Glück, schon ein paar Schichten tiefer, bis zum Depressiven in der Reha-Klinik, der nach dem enormen Druck des „Untergangs“ mehrere Wochen wie gelähmt war. Insofern ist „BE“ hemmungslos parteiisch, und das ist Katja Eichingers gutes Recht. Ihr Buch enthält aber so viele wunderbare, bis dato unbekannte Geschichten (z.B., dass Leo Kirch manisch versuchte, die „Parfum“-Verfilmung zu verhindern), dass man gern noch viel mehr Eichinger lesen würde.